Gewerbesteuer
Steuerreform schürt Existenzangst im Handel

Einzelhändler sehen sich als die großen Verlierer der Unternehmensteuerreform 2008: Für sie steigt die Gewerbesteuerlast exorbitant, haben der Handelsverband HDE und der DIHK errechnet. Die Verbände analysierten die Bilanzdaten von 250 typischen Unternehmen nach altem und neuem Recht.

BERLIN. "Der Facheinzelhandel in den Innenstädten und Lebensmittelgeschäfte in Wohngebieten müssen künftig mit einer weitaus höheren Steuerlast rechnen als heute", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Laut DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben trifft dies auf 87 Prozent der untersuchten Fälle zu.

Im Mittelpunkt der Unternehmensteuerreform stehen niedrigere Steuersätze für Firmen. Für Kapitalgesellschaften sinkt die Last von heute knapp 40 Prozent auf unter 30 Prozent; dies ist künftig auch der Höchstsatz für einbehaltene Gewinne der Personengesellschaften.

Gleichzeitig wird aber die Steuerbasis breiter, etwa bei der Gewerbesteuer. Künftig werden 25 Prozent der Zinsen sowie der Finanzierungsanteile von Mieten, Pachten, Leasingraten und Lizenzen zum Gewinn addiert und mitbesteuert. Bei Mieten beträgt der Finanzierungsanteil 75 Prozent. In Innenstädten mit hohen Mieten erhöht dies die Gewerbesteuerlast erheblich. Weil die Hinzurechnungen von der Miethöhe und nicht vom Gewinn abhängen, trieben sie die Steuerlast ausgerechnet dann in die Höhe, wenn ein Unternehmen nur wenig Gewinne erziele, so Wansleben.

Bei kleinen Kapitalgesellschaften mit einem Gewinn bis zu 100 000 Euro steige die Steuerlast in den untersuchten Fällen im Durchschnitt auf 67 Prozent - trotz niedrigerer Sätze. Bei hohen Mieten in den Innenstädten nütze auch der Freibetrag von 100 000 Euro nur wenig. Auch bei den Personengesellschaften schlagen demnach die Mieten durch - obwohl die Gewerbesteuer künftig besser mit der Einkommensteuer verrechnet werden kann. Ihre Steuerlast steigt unterm Strich auf 51 Prozent.

In anderen Branchen als dem Handel führen die Gewerbesteuer-Änderungen meistens zu einem Nullsummenspiel: Heute muss die Hälfte der Dauerschuldzinsen auf langlaufende Kredite der Gewerbesteuer hinzugerechnet werden, künftig aber nur ein Viertel aller Zinsen und Finanzierungskosten. Handelsunternehmen haben laut HDE aber kaum Dauerschuldzinsen. Die neuen Hinzurechnungen schlagen bei ihnen dagegen voll durch: Mittelständler mieten in der Regel neue Standorte hinzu. Die technische Ausstattung der Räume wird oft geleast und die Ware kurzfristig finanziert. Nach den Personalkosten ist dies der größte Kostenblock im Handel.

"Für viele Mittelständler wird sich das Geschäft nicht mehr lohnen", sagte Genth. Angesichts einer ohnehin niedrigen Umsatzrendite sei zu erwarten, dass Fachgeschäfte aufgeben müssten. Die Innenstädte würden veröden. Deshalb müsse die Unternehmensteuerreform dringend noch vor Inkrafttreten an diesem Punkt nachgebessert werden, forderte Wansleben.

Die Verbände verlangen als Mindestforderung, den Finanzierungsanteil bei Mieten von 75 Prozent auf 25 Prozent zu senken. Besser noch wäre es, Handelsimmobilien ganz aus den Hinzurechnungen herauszunehmen, so Genth.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hatte mehrfach grundsätzlich seine Bereitschaft erklärt, die Unternehmensteuerreform im Falle unbeabsichtigter Nachteile nachzubessern. Mögliche Probleme des Einzelhandels würden geprüft, hieß es gestern im Bundesfinanzministerium.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%