Internationale Bilanzregeln
Holpriger dritter Weg

Im deutschen Mittelstand haben die internationalen Bilanzregeln IFRS bisher kaum Fuß gefasst - und das wird aus Sicht vieler Prüfungsexperten auf absehbare Zeit so bleiben. Denn mit der Modernisierung des deutschen HGB-Bilanzrechts schwinden die Argumente für den Umstieg auf IFRS für mittlere und kleine Unternehmen weiter.

DÜSSELDORF. Grund: Das traditionelle HGB soll ein gutes Stück an die internationalen Regeln angepasst werden. Das geplante Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) hat es in sich - und liefert derzeit Unternehmen und Bilanzexperten noch reichlich Anlass zu Kritik. Das BilMoG liegt mometan als Referentenentwurf vor, in den nächsten Monaten will die Bundesregierung das Gesetz festzurren: Es wird die weitreichendste Reform des Bilanzrechts seit zwei Jahrzehnten. Ziel der Bundesregierung: Vor allem den mittelständischen Firmen soll ein Standard an die Hand gegeben werden, der eine vollwertige Alternative zu den IFRS bietet, zugleich aber kostengünstiger und einfacher sein soll.

Genau in diesem Anspruch sehen Kritiker das Problem: "Ich bezweifle, dass die Reform in der jetzigen Form Erleichterung und Kostensenkung für die Firmen bringen wird", sagte Hans-Joachim Böcking, Professor an der Universität Frankfurt, auf einer Handelsblatt-Tagung zum BilMoG. Denn das deutsche Bilanzrecht nimmt internationale Gepflogenheit auf, will aber zugleich an alten HGB-Grundsätzen festhalten - von beiden also ein bisschen. Damit würde die Reform laut Böcking zu einem "dritten Weg" im Bilanzrecht.

Dass dieser Weg recht holprig ist, sieht nicht nur er so. Bilanzexperten fürchten, dass das HGB infoge der Mischung tradierter deutscher und neuer internationaler Regeln zu komplex wird, ebenso prophezeien sie dadurch eine Rechts- und Begriffsunsicherheit sowie mehr Aufwand bei der Bilanzierung. "Viele der angedachten Änderungen sind zwar begrüßenswert. Stellt der Gesetzgeber aber das Fundament des deutschen Bilanzrechts infrage, geht Rechtssicherheit verloren", sagt Karlheinz Küting, Professor an der Uni Saarbrücken. Er sieht das HGB als "gefestigtes System", während die IFRS als Dauerbaustelle gelten.

Kern des Problems: Deutsche und internationale Bilanzierungsregeln tragen zwei sehr unterschiedliche Grundgedanken in sich. Die aus dem angloamerikanischen Raum stammenden IFRS sollen Anlegern größtmögliche und sichere Informationen über die Situation eines börsennotierten Unternehmens geben. Dem HGB hingegen liegt der Gläubigerschutz zugrunde, es soll zu vorsichtiger Bilanzierung anhalten. Weil die Adressaten eines typischen deutschen Mittelständlers seine Banken und wenige (Familien-)Gesellschafter sind, steht die Informationsfunktion nicht im Vordergrund. Das BilMoG stellt somit einen Paradigmenwechsel dar: hin zu mehr Informationspflicht bei Beibehaltung der alten HGB-Prinzipien - ein ambitioniertes Ziel.

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