Internetshops geraten ins Visier der Steuerfahnder
Versteckspiel im virtuellen Laden

Den 13. Oktober 2006 wird Hubert K. so schnell nicht vergessen. An diesem Freitagmorgen hatte sich der 39-jährige Industriekaufmann, der seit drei Jahren Arbeit sucht, im Keller seiner Mietwohnung gerade einen Cappuccino zubereitet, als es plötzlich an der Haustür klingelt. Drei Herren von der Steuerfahndung wünschen ihm Ausweis zückend einen guten Morgen und peilen zielstrebig den Kellerraum an.

GARMISCH. Dort konfiszierten sie den Geschäftscomputer, mehrere Dutzend hochwertige Espressomaschinen aus Italien, hundert Kilo feinsten Arrabica-Kaffee und diverse Geschäftsakten. Einige Tage später steht fest, dass Hubert K. seit drei Jahren von seinem Keller aus einen erfolgreichen Internetshop betrieben hat, ohne das Gewerbe je angemeldet zu haben. Und Ertrags-, Umsatz- und Gewerbesteuern hatte der inkognito arbeitende Espressomaschinenhändler auch nicht abgeführt - trotz Jahresumsätzen zwischen 60 000 und 80 000 Euro.

"Das führt bei nicht wenigen Leuten zu einem Drama. Wenn die über einige Jahre keine Steuern abgeführt haben, kommt irgendwann der große Knall", warnt Rechtsanwalt und Steuerberater Jens M. Schmittmann aus Essen. Keine Frage: Der Internethandel boomt. Allein die Ebay-Nutzer setzten 2005 auf dem deutschen Online-Marktplatz ein Handelsvolumen in Höhe von 8,5 Mrd. US-Dollar um. Mehr als 50 000 Ebay-Shops und 216 260 gewerbliche Mitgliedskonten existieren beim führenden Internetauktionshaus allein in Deutschland.

Und nicht wenige unter ihnen wähnen sich in der digitalen Anonymität vor dem Fiskus sicher. Ein folgenschwerer Irrtum: Xpider heißt nämlich das Programm, mit dessen Hilfe das Bundeszentralamt für Steuern in Bonn den Steuerhinterziehern bei Ebay und sonst wo im Netz auf die Schliche kommt. Die erhobenen Daten gibt die Behörde gleich weiter an das zuständige Finanzamt. Doch der Datenfluss scheint noch nicht so üppig zu sprudeln, wie die allgemeinen Wirtschaftsdaten das vermuten lassen.



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Deshalb verlässt sich der Vorsteher des Finanzamts für Steuerstrafsachen und Steuerfahndung in Düsseldorf, Wolfram Moser, lieber auf seine eigenen Leute. "Es laufen Informationen - aber nicht regelmäßig. Wir haben deshalb für das Internet drei und speziell für Ebay zwei weitere Kollegen abgestellt, die im Netz recherchieren", bestätigt Moser. Und das offensichtlich mit Erfolg. Denn allein in diesem Jahr gingen den fünf Fahndern insgesamt 675 Fälle ins Netz, wodurch 1,9 Mill. Euro mehr an Steuern festgesetzt werden konnten.

Hochgerechnet auf das Bundesgebiet ergäbe das Steuermehreinahmen zumindest im dreistelligen Millionenbereich. Doch Moser dämpft gleich wieder die Erwartungen: "Nordrhein-Westfalen ist da schon etwas intensiver am Ball. Nicht in allen Bundesländern wird mit der gleichen Intensität im Internet recherchiert." Außerdem gibt Wolfram Moser unumwunden zu: "Wir leben in erster Linie von Denunziation." Menschlich sei das zwar nicht die feine Art, doch rein präventiv gesehen sehr wirkungsvoll, um die Internethändler zur Steuerehrlichkeit zu bewegen.

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