Je transparenter der Anwaltsmarkt, desto mächtiger die Unternehmensjuristen
Vom Bedenkenträger zum Kostenkiller

"Seit die Hausjuristen in den Unternehmen nicht mehr systematisch kalt gestellt werden, machen die uns das Leben schwer", klagt der Partner einer Großkanzlei hinter vorgehaltener Hand. Kaum eine Kanzlei bekommt noch einen Auftrag, ohne dass sie vorher beim Beauty Contest - der Präsentation von Strategie und Preis - die Hosen herunter lässt.

DÜSSELDORF.Gleichzeitig übernehmen die Hausjuristen viele Aufgaben wieder selbst. Schließlich arbeiten eigene Mitarbeiter zu einem Drittel des Preises von Anwälten.

Die Unternehmensjuristen freuen sich über ihre bessere Position und den neuen Einfluss. Das der ewigen Bedenkenträger befreien sie sich jetzt. Sie avancieren zum Einkäufer für externen juristischen Sachverstand. Noch vor wenigen Jahren engagierten Unternehmensbosse selbst - und an ihrer Rechtsabteilung vorbei - die Anwälte, die sie aus der Studienzeit kannten. Solche Vetternwirtschaft ist vorbei. Die Anwaltsbranche ist transparent geworden und ihre Honorare auch. Der Syndikus kann nun die volle Einkaufsmacht des Unternehmens ausspielen. Er sitzt am Drücker. Der Zwang zum Sparen wirkt sich auch auf den Markt für Rechtsberater aus. Anwälte müssen es sich gefallen lassen, Großkunden Rabatte zu gewähren oder Preise zu senken, um Mandate zu ergattern.

Was die Freude der Unternehmensjuristen ist, ist die Qual der Anwälte. Für sie ist es obendrein eine Image-Frage: Sehen sie sich selbst doch lieber als Berater des Vorstands denn als Sparring Partner der Rechtsabteilung

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Prominentes Beispiel ist der Nahrungsmittelkonzern Nestlé. Die Schweizer haben die Zahl ihrer Anwaltskanzleien für M&A, Kapitalmarktrecht - Norton Rose - und Kartellrecht - Freshfields - von 1 500 weltweit reduziert: auf zwei. Denn in diesen Rechtsgebiete kostet das Know how am meisten.

Mit welch harten Bandagen die Mandanten der Großkanzleien heute kämpfen, zeigt auch die Umfrage des Fachmagazins "Juve". Mehr als die Hälfte der Unternehmen hat schon mal eine Kanzlei gefeuert, so das Ergebnis. Der Streit entfacht sich, wenn Anwälte Fehler machen. Wenn sie Risiken falsch einschätzen, fehlerhaften Versprechen geben oder bei Fristen schlampen. "Die Mandanten sind selbstbewusster geworden, gleichzeitig wachsen ihre Ansprüche an die Anwälte", beobachtet Brancheninsiderin Astrid Jatzkowski von "Juve".

Die Folge: Die Rechtsabteilungen der Unternehmen werden als Arbeitgeber für Juristen immer attraktiver. Gerade wer nach einigen Jahren in einer Kanzlei keine Aussicht hat, zum Partner aufzusteigen, liebäugelt häufig mit einem Wechsel in ein Unternehmen. Und Partner werden immer weniger. So wie in England und Amerika, wo in den Sozietäten auf einen Partner deutlich mehr angestellte Anwälte kommen - und daher auch mehr Profit abwerfen

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