Korruption: Compliance: Regieanweisung für den Pförtner

Korruption
Compliance: Regieanweisung für den Pförtner

Etliche kleine und mittelgroße Unternehmen unterschätzen nach wie vor das Thema Bestechung. Die ist in Deutschland verbreiteter als angenommen. Erst wenn der Staatsanwalt klingelt, wachen viele Manager auf - und erkennen die existenzielle Bedrohung für ihr Unternehmen.

Es ist 7.15 Uhr an einem nasskalten Wintermorgen. 15 bewaffnete Polizeibeamte passieren das Haupttor eines süddeutschen Autozulieferers und schwärmen auf dem Firmengelände in alle Himmelsrichtungen aus. Einige Uniformierte mischen sich unter die Beschäftigen in der Produktion und stellen Fragen, der Rest nimmt Kurs auf das Verwaltungsgebäude. In der Buchhaltung angekommen, zückt der Einsatzleiter den Durchsuchungsbeschluss, konfisziert Computer und Akten, noch bevor die zuständigen Staatsanwälte am Einsatzort angekommen sind. Danach zieht die Truppe weiter in Richtung Geschäftsführer-Büro. Schränke werden geöffnet, Akten kartonweise im Blitzlicht der wartenden Journalisten abtransportiert. Wo bleibt nur der Chef, fragt sich die Sekretärin. Was sie nicht weiß: Ein zweites Einsatzkommando durchsucht gerade das Privathaus des Managers.

Razzien in Unternehmen und Privatwohnungen von Managern kannte die deutsche Öffentlichkeit bis vor wenigen Jahren nur aus der italienischen Presse. Doch seit die Staatsanwälte bei Siemens und Volkswagen medienwirksam ein- und ausgingen, kann sich kaum ein namhaftes Unternehmen vor Ermittlungen wegen Korruption, Steuerhinterziehung oder Untreue sicher sein. Klaus Leipold, Partner der Münchener Strafverteidiger-Boutique Lohberger & Leipold, sieht gar "eine Welle staatlichen Kontrollwahns" auf deutsche Unternehmen zurollen. Gleichzeitig scheuten die Unternehmen davor zurück, Strafverteidiger prophylaktisch zu engagieren. "Das ist wie bei medizinischen Vorsorgeuntersuchungen, deren Notwendigkeit auch allgemein anerkannt ist, die viele Menschen aber gleichwohl aus Angst vor einer ernsthaften Erkrankung scheuen", sagte Leipold auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Wirtschaftskriminalität, zu der das Handelsblatt am Vorabend der 13. Unternehmensjuristentage im Februar nach Berlin eingeladen hatte.

Leipold empfahl den Unternehmensjuristen, sich eingehend mit möglichen Durchsuchungsszenarien auseinanderzusetzen und den einzelnen Abteilungen für den Tag X eine eindeutige Regieanweisung an die Hand zu geben. "Das fängt beim Pförtner an, der genau Bescheid wissen muss, wen er kontaktieren soll, wenn Polizei und Staatsanwaltschaft anklopfen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Ermittler im Unternehmen unkontrolliert ausschwärmen und verdachtsunabhängige Kontrollen durchführen in der Hoffnung, irgendwo Zufallsfunde zu machen", warnte Leipold. Wichtig sei zudem, innerhalb des Unternehmens einen Stützpunkt zu schaffen, ein Besprechungszimmer, in das man die ermittelnden Beamten zunächst hineinlotst. Außerdem könne das Management den Einsatzleiter darum bitten, mit der Durchsuchung so lange zu warten, bis der ermittelnde Staatsanwalt vor Ort sei.

Auch auf der Anwesenheit eines Strafverteidigers sollte das Management bestehen. Die Staatsanwaltschaften zeigten sich hier durchaus verhandlungsbereit. "Die Staatsanwaltschaft Bochum hat einmal an einem Durchsuchungsort einen halben Tag auf mich gewartet", berichtete Leipold. Und nicht zuletzt empfiehlt der Strafverteidiger den Managern, die Ermittlungsbeamten zu fragen, wonach sie im Unternehmen konkret suchen, um gegebenenfalls einzulenken und die gewünschten Informationen auszuhändigen.

Seite 1:

Compliance: Regieanweisung für den Pförtner

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%