Lästige Liberalisierung
Steuerberater kämpfen für eigenen Schutzzaun

Mit Stolz nennen sich Steuerberater, Rechtsanwälte und Architekten Freiberufler. In der Definition ihrer jeweiligen Kammern ist daraus längst die Freiheit von Konkurrenz aus fremden Berufen geworden.

BERLIN. Rechtsrat dürfen nur Anwälte erteilen, die Architekten schützen sich über ihre Honorarordnung vor lästigem Preiswettbewerb, und gewerbliche Vorsteuererklärungen sind allein Sache der Steuerberater. Drum herum wuchert eine üppige Bürokratie, in der ganze Kammerabteilungen mit dem Schreiben von Abmahnungen ausgelastet sind.

"Muss das alles sein?" fragte sich 2003 der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), und die schwarz-rote Merkel-Regierung war 2005 ebenfalls der Meinung: Nein. Im Koalitionsvertrag steht das Kapitel "Bürokratieabbau". Folgerichtig versucht seit dem Frühjahr 2006 Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), in die wegen des EU-Rechts notwendige Novelle des Steuerberatungsgesetzes mehr Freiheit einzuflechten: Umsatzsteuervoranmeldungen beim Finanzamt sollen künftig auch selbstständige Bilanzbuchhalter erledigen dürfen. Als Angestellte machen sie dies in der Praxis sowieso.

Der DIHK lobte das Vorhaben, und die Bilanzbuchhalter jubelten über ihre neue Berufsfreiheit. Viele Aufträge entgehen ihnen heute: Solange Unternehmer alle Umsätze steuerlich korrekt von Steuerberatern buchen lassen müssen, bleiben freie Bilanzbuchhalter außen vor.

Doch die Buchhalter freuten sich zu früh. Die Steuerberaterverbände wollen das neue Tor im Schutzzaun mit aller Macht verriegeln. Nicht einmal mit zusätzlicher IHK-Prüfung wollen sie Konkurrenz akzeptieren: Riesige Haftungsschäden würden auf die Firmen zurollen, wenn überforderte Buchhalter sich in den Fallstricken des Umsatzsteuerrechts verheddern dürften. Dass der Markt unfähige Anbieter meist aussortiert, scheint Steuerberatern undenkbar.

Lieber verhindern sie die Regel, und als gewiefte Kämpfer im Paragrafendschungel wissen sie, wie?s geht: über den Bundesrat. Bayerns CSU setzt sich vor der Landtagswahl gerne für sie ein - und wird mit den CDU-geführten Bundesländern die Bilanzbuchhalter draußen halten. Die SPD will sich "nicht verkämpfen", heißt es in den Regierungskulissen, Steinbrück wird den Absatz wohl selbst bald streichen. Seit Monaten schon blockiert Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) das Gesetz.

PS: Den Steuerberatern selbst bringt die Novelle neue Freiheiten. Sie dürfen Geschäftsführer werden und mit anderen Freiberuflern kooperieren.

PPS: Die Novelle der Honorarordnung für Architekten ist vor Monaten gescheitert. Auch die Rechtsanwälte haben ihr Beratungsmonopol gerettet.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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