Lohnsteuerabzug
Verzicht auf Steuerklassen birgt Risiken

Ab 2009 sollen Verheiratete statt des bisher gängigen Steuerklassen-Systems für den Lohnsteuerabzug das so genannte Anteilsverfahren wählen können. Unter dem Strich dürfte es aber nur für sehr wenige Arbeitnehmer vorteilhaft sein. Und: Wer sich dafür entscheidet, muss einen gravierenden Eingriff in seine Privatsphäre hinnehmen.

DÜSSELDORF. "Ich rate jedem zu Vorsicht hoch drei", sagte der Präsident des Steuerberaterverbandes, Jürgen Pinne, dem Handelsblatt. Im Einzelfall müssten mögliche Vorteile sehr sorgfältig gegen die Risiken abgewogen werden.

Mit dem vergangene Woche vom Bundeskabinett gebilligten Jahressteuergesetz 2008 sollen Arbeitnehmer wählen können, ob ihr Arbeitgeber wie bisher Lohnsteuer gemäß den bisherigen Steuerklassen einbehält oder ob das neue Anteilsverfahren angewandt werden soll. Dabei erfährt der Arbeitgeber vom Bundeszentralamt für Steuern, wie hoch der Anteil des Arbeitnehmers am Gesamteinkommen eines Ehepaares ist - und damit automatisch auch, wie viel der andere Ehepartner verdient. Entsprechend diesem Anteil wird die Lohnsteuerschuld auf die beiden Partner verteilt. Standardfälle, die genauso viel verdienen wie im Vorjahr, brauchen dann keine Steuererklärung mehr abzugeben.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) will damit erreichen, dass die Arbeitsanreize für Zweitverdiener, meistens Ehefrauen, steigen. "Das Anteilsverfahren ermöglicht eine faire Verteilung der Lohnsteuerlasten innerhalb einer Ehe und senkt die der Steuerklasse V zugeschriebene Hemmschwelle für sozialversicherungspflichtige (Vollzeit-)Erwerbstätigkeit", heißt es in Steinbrücks Gesetzesbegründung.

Steuerberaterpräsident Pinne warnt dagegen: "Wer das neue Verfahren wählt, offenbart dem Arbeitgeber geheime Daten, die diesen gar nichts angehen, insbesondere das Einkommen des Ehepartners." Außerdem bestehe die Gefahr, dass Lohnersatzleistungen, die sich am letzten Nettogehalt orientieren, geringer ausfielen.

Heute ist es gängige Praxis, dass etwa von Arbeitslosigkeit bedrohte Ehepartner die günstige Steuerklasse III wählen, um so ihr Nettoeinkommen zu erhöhen. Gleiches gilt für Mütter, denen in Kürze Elterngeld zusteht. Diese Lohnersatzleistungen orientieren sich an den letzten Nettobezügen. Bislang ist ein Steuerklassenwechsel ohne weiteres möglich. Der neue Gesetzentwurf sieht dagegen kein ständiges Wechseln zwischen beiden Systemen vor.

Für den Hannoveraner Finanzwissenschaftler Stefan Homburg ist klar, "dass der freiwillige Wechsel nur ein Zwischenschritt zu einem obligatorischen Systemwechsel" sein dürfte. "Denn dass der Fiskus das Steuersystem komplizierter macht, ohne dass er einen Mehrertrag davon hat, ist sehr unwahrscheinlich", so Homburg. "Solche Wahlmöglichkeiten schaffen stets neue Bürokratie." Würde das Anteilsverfahren dagegen obligatorisch, entfiele eine Vielzahl von Veranlagungsfällen, und die Lohnersatzleistungen würden insgesamt geringer ausfallen.

In der Regel dürften die individuellen Vorteile aus dem ein oder anderen System freilich gering sein. Die insgesamt für ein Jahr zu zahlende Steuer bleibt konstant. Veränderungen können sich allenfalls in der Verteilung des Nettoeinkommens auf beide Ehepartner ergeben oder im Zeitpunkt der Steuerzahlungen. Ehepaare, die heute die Steuerklassen III/V wählen, müssen tendenziell Steuern nachzahlen. Ehepaare mit IV/IV können eher mit einer Steuerrückzahlung rechnen. Sie zahlen heute also eher zu viel Steuern.

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