Mangelhafte Kontrolle
Lehman-Anleger verklagen US-Finanzaufsicht

Deutsche Anlegerschützer wie der Bund der Kapitalanleger wollen die amerikanische Finanzaufsicht wegen der Lehman-Pleite auf Schadenersatz verklagen. Der Grund: Bei der amerikanischen Investmentbank und ihrer Brokertochter Lehman Inc. muss es offenbar schon viel länger Probleme gegeben haben, als bisher bekannt.

FRANKFURT. Darauf deuten Berichte der amerikanischen Brokeraufsicht Financial Industry Regulatory Authority (FINRA) hin, die dem Handelsblatt vorliegen.

Lehman hatte Mitte September Insolvenz angemeldet und damit nach Schätzung von Anlegerschützern auch mindestens 12 000 deutsche Kleinanleger in den Strudel der Finanzkrise gerissen. Jetzt wollen sie ihr Geld zurück und hoffen, dass die amerikanische Aufsicht haftet. Die FINRA kontrolliert Broker und Wertpapierhändler in den USA und verhängt bei Regelverstößen Geldstrafen gegen die betroffenen Unternehmen. In dem mehr als 1 000 Seiten langen Bericht wird Lehman Inc. immer wieder wegen Verstößen gegen Börsen- und Bilanzregeln zu teils erheblichen Geldstrafen verurteilt und abgemahnt. Mal schönte die Brokertochter ihr Eigenkapital um 1,5 Milliarden Dollar, mal war die Buchführung fehlerhaft, mal gaben die Lehmänner mehr Handelsumsatz an, als sie tatsächlich gemacht hatten. Dazwischen gab es "gravierende Organisationsmängel" und Händler, die ohne Zulassung der Behörde arbeiteten. Insgesamt mehr als 35 Mio. Dollar Bußgeld verhängte die Behörde allein in den vergangenen acht Jahren gegen Lehman Inc. Das ist viel, denn in den vergangenen Jahren sind Anzahl und Höhe der von der FINRA verhängten Strafzahlungen stetig gesunken.

"Keine andere Bank hat ähnlich viele Verfahren der Finanzaufsicht gegen sich laufen, kein anderes Unternehmen hat eine derartig dicke Akte mit derartig gravierenden Verfehlungen", sagt der Bankrechtsexperte Klaus Bröker. - Nur aufgefallen sei es anscheinend niemandem, schon gar nicht der Aufsicht. "Es ist unglaublich, dass da die Aufsicht nicht genauer hingeguckt hat", sagt Bröker und urteilt: "Das ist ein klares aufsichtsrechtliches Versäumnis." Auch im Markt hatte es immer wieder Gerüchte um das Pleiteinstitut gegeben: "Es gab schon länger Anzeichen, dass die Wertpapier-Berichte von Lehman geschönt waren, die Werte waren oft viel zu hoch angesetzt", sagt ein Mitbewerber, der nicht genannt werden will.

Der Bericht der Aufsicht ruft Anlegerschützer auf den Plan. "Nach dem FINRA-Bericht scheint Lehman Brothers eher ein Spielcasino in einer Zocker-Oase gewesen zu sein, als ein ordentliches Investmenthaus", sagt der Wirtschaftsdetektiv Medard Fuchsgruber, der sich im Auftrag von Lehman-Geschädigten auf Spurensuche bei der Pleitebank und ihren Töchtern begeben hat. Gefunden hat er "permanente Verstöße gegen Bilanzierungsvorschriften und Regularien". Er urteilt: "Der hier vorgefundene Sumpf ist ein Fall für den Staatsanwalt und zeigt ein klares Versagen der amerikanischen Finanzaufsicht."

Auch der Tübinger Rechtsanwalt Andreas Tilp prüft im Rahmen seiner US-Aktivitäten "auch behördliche Verfehlungen im Fall Lehman" und eine Klage gegen die Aufsicht. Tilps amerikanische Partnerkanzleien klagen zudem seit Ende Oktober gegen Manager der Lehman Inc. und eine Reihe von Banken. "Die Klage stützt sich maßgeblich auf vielfache, nachhaltige Gesetzesverstöße wie Beispielsweise Falschbilanzierung für 2007 und irreführende Mitteilungen."

Die Brokeraufsicht FINRA wollte sich auf Anfrage des Handelsblattes nicht zum Inhalt des Lehman-Reports und möglichen Kontrollmängeln äußern.Erfahrungen mit Klagen gegen die US-Aufsichtsbehörden gibt es nach Auskunft von Experten bisher nicht. "Eine Klage ist sehr schwierig", sagt Joel Cohen, Partner bei der Kanzlei Clifford Chance in New York. Die FINRA genieße zwar keine Immunität wie die SEC, doch müssten die Kläger beweisen, dass mit einer besseren Kontrolle die Lehman-Pleite hätte verhindert werden können.

Die Aufsichtsbehörden stehen seit längerem wegen ihrer Rolle während der Kreditkrise unter Beschuss. So habe die Börsenaufsicht SEC vor dem Notverkauf der Investmentbank Bear Stearns im März deutliche Warnhinweise missachtet, kritisierte jüngst der Generalinspekteur der Behörde. Auch im Fall Lehman hagelt es Kritik - allerdings von ungewöhnlicher Seite: Ex-Lehman-Chef Richard Fuld warf der Aufsicht vor, sie habe im Verlauf des Jahres regelmäßig, mitunter täglich, das Lehman-Geschäft und die Lehman-Bilanzen kontrolliert und sei über die Liquidität der Bank voll informiert gewesen. Viel helfen werden diese Aussagen Fuld allerdings nicht, schließlich ist er selber ins Visier der Strafverfolger geraten: Inzwischen sollen sowohl das FBI als auch Staatsanwälte gegen den Ex-Lehman-Chef ermitteln.

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