Nachgefragt
„Vergleichbarkeit der Produkte bleibt auf der Strecke“

Sechs Fragen zum Thema Finanzproduktverkauf an Andreas Tilp, Gründer von Tilp Rechtsanwälte, Tübingen und Berlin.

Wo sehen Sie die Probleme bei den Umsatzvorgaben an die Berater in den Banken?

Das Problem betrifft alle Finanzprodukte. Banken müssen verkaufen. Es gibt Umsatzvorgaben, über die ungern geredet wird. Darin liegt auch kein Problem. Es liegt vielmehr in fehlender Transparenz. Wo (Rück)Vergütungen gezahlt werden, das heißt die Bank Gebührenanteile vom Zertifikateemittenten oder Fondsanbieter bekommt, bestehen Anreize zum Produkttausch. Im einfachsten Fall geht es aber um Ausgabeaufschläge bei Fonds, entsprechende Aufschläge bei Zertifikaten. Interessanterweise verstößt das Verschweigen dieser Praktiken gegen die Paragrafen 675, 667 des Bundesgesetzbuches, dass immerhin vor über einem Jahrhundert in Kraft trat. Aber es gibt eine ebenso alte schlechte Tradition, sich nicht daran zu halten. Wir hatten schon Anlageberater aus Banken und Vermittler bei uns sitzen, die der Arbeitgeber zum Verkaufen um fast jeden Preis angehalten hat.

Wie verbreitet sind die Verkaufspraktiken?

Ob Strukturvertrieb oder Bank: Das Kundeninteresse ist allenfalls sekundär. Es gibt auch Fälle, in denen wird über die Wahl des Handelsplatzes abkassiert. Wir hatten einen Fonds für einen institutionellen Investor mit sehr vielen Transaktionen - überwiegend Aktiengeschäfte im Dax-30-Spektrum. Die Transaktionen wurden sämtlich außerbörslich über den Eigenhandel der Bank abgerechnet. Das ist ungewöhnlich, unnötig und intransparent. Aber man bekommt leider nur sehr schwer heraus, dass diese Geschäfte auf Kosten des Kunden getätigt wurden - das betrogen wurde. Das kann natürlich auch bei Investmentfonds für Private passieren.

Wo liegt das Problem bei den Zertifikaten?

Hier gibt es viele Missstände. Es ist Teil der Anbieterpolitik, dass durch Anpassungen im Portfolio und hohe Komplexität Durchsichtigkeit und Vergleichbarkeit der Produkte auf der Strecke bleiben. Zur Berechnung eines fairen Preises sind Finanzmathematiker nötig. In einem unserer aktuellen Fälle hat ein französischer Broker das Exklusiv-Vertriebsrecht für das Zertifikat einer britischen Bank an deutsche vermögende Kunden. Unsere Recherchen ergaben, dass das französische Haus das Zertifikat mit einem Durchschnitts-Aufschlag von sieben Prozent an die Endkunden weiter gab - ohne dass die davon wussten. Diese Prozente kamen auf die ausgewiesenen Gebühren noch obendrauf. Auch hier gab es keine Preiskontrolle beispielsweise durch einen Börsenhandel.

Wie ist die aktuelle Rechtslage?

Es fehlen richterliche Entscheidungen, wie wir sie bei Investmentfonds mit der Forderung zur Offenlegung von Vergütungen bereits gesehen haben. Es gibt einen Zyklus, der wohl auch für die noch jungen Zertifikate zutreffen wird: Eine neue Produktgattung entsteht, fünf Jahre vergehen bis zur Regelung durch den Gesetzgeber, weitere fünf Jahre bis zu den ersten Fallentscheidungen durch den Bundesgerichtshof. Wir verfolgen einige Zertifikatefälle, aber zu denen gibt es noch keine richterlichen Entscheidungen.

Und was kann der geschädigte Kunde tun?

Je schwieriger die Produkte zu durchschauen sind, um so schwerer ist ein anwaltliches Vorgehen. Das Fehlverhalten beim Berater muss ja beweisen werden. Und Schadensfälle unter 30 000 Euro nehmen wir erst gar nicht an, weil das aus Kostengründen sinnlos wäre. Auf der Zertifikateseite gibt es meiner Meinung nach übrigens in Deutschland höchstens zehn sachkundige Kanzleien, die Anleger vertreten.

Die Umsetzung der EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid fordert eine Offenlegung von Vergütungen und eine Orderausführung im Interesse des Kunden. Wird das die Praktiken ändern?

Kaum, denn die Produktanbieter und Vertreiber können Mifid-konform auf Vergütungsanteile verzichten und sich diese Gelder beispielsweise bei komplexen Produkten über die intern berechneten Kurse für die Preisfeststellung abzweigen. Ganz allgemein werden wir ein Ausweichen auf weniger transparente Produkte erleben, die mehr Möglichkeiten zum Verstecken von Gebühren bieten. Und wenn nur der Zertifikateemittent Preise für seine Produkte stellt, ist der Manipulation ohnehin Tür und Tor geöffnet.

Die Fragen stellte Ingo Narat

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