Prozess gegen einen Liechtenstein-Steuersünder
Bochumer Schauspielereien

Im ersten Prozess gegen einen Liechtenstein-Steuersünder wird nachgespielt, was vorher schon hinter verschlossenen Türen geprobt wurde: Auf Geständnis und handzahme Verteidigung folgt ein schnelles und zu mildes Urteil.

Wie muss er sich fühlen, in so einem Moment? Auf Familienfeiern mag er vielleicht große Reden gehalten haben. Oder früher, als Geschäftsmann, als er Verkaufsgespräche führte. Da war er für kurze Zeit im Mittelpunkt einer Gesellschaft. Aber ansonsten? Elmar S. ist keine große Nummer in Deutschland, kein Prominenter, kein Gesicht der Zeitgeschichte. Aber er ist reich - und er war zu gierig.

Und deshalb jetzt das: Fotografen und Kamerateams überall, das übliche Gedränge, er weiß, morgen ist er in ganz Deutschland zu sehen, vielleicht wird ein dürrer schwarzer Balken wenigstens seine Augen verdecken. Doch was nützt das schon bei denen, die ihn kennen, bei den Nachbarn im piekfeinen Millionärsdorf Bad Homburg? Steuersünder, Liechtenstein, viel Geld, wenig Moral - eine Menge wird morgen über ihn zu lesen und zu hören sein. Man möchte nicht in seiner Haut stecken.

Aber Elmar S. ist natürlich selbst schuld daran. Wer wie er über 11 Millionen Euro in Liechtenstein vor dem Fiskus versteckt hat, dem ist nicht zu helfen. Eines muss man diesem Freitagmorgen in Bochum deshalb lassen: Er befriedigt nicht nur die Schadenfreude des Publikums, sondern für einen kurzen Moment auch das Gerechtigkeitsgefühl in einem Land, in dem man hervorragend leben kann - auch ohne Steuern zu hinterziehen.

Für einen kurzen Moment - denn weniger befriedigend ist das Ergebnis und das schnelle Ende dieses Prozesses, schon wenige Stunden später. Hier, in Saal C 240 des Bochumer Landgerichts wirkt der Ablauf wie geschauspielert, als werde nur noch herunter agiert, was vorher schon hinter verschlossenen Türen geprobt wurde. Schneller Prozess, mildes Urteil gegen Geständnis und handzahme Verteidigung. Vorhang auf, der Richter kommt.

Oder, stopp, zuerst noch der Prolog.

Liechtenstein heißt das kleine Land, ein Fürstentum. Bei Deutschen erfreute es sich schon immer größter Beliebtheit. Klaus Zumwinkel, Ex-Postchef, gehörte zu den Reisenden in Sachen Geld, er ist der Prominente unter jenen vielen hundert Sündern, die auszogen, ihr Vermögen am deutschen Fiskus vorbei in Liechtensteinischen Stiftungen zu stecken. Am 14 Februar 2008 wurde er, live im ZDF, bloßgestellt. Seither wird verfolgt und enttarnt, was das Zeug hält. Bis heute gingen bei den Finanzämtern über 250 Selbstanzeigen ein, 56 Millionen Euro sind nachgezahlt worden. Gegen mehr als 700 Verdächtige wird ermittelt.

Elmar S. war einer von ihnen. Der Vorsitzende Richter Gerd Riechert hat ihn und die restlichen Anwesenden soeben aufgefordert, Platz zu nehmen. Das Schauspiel kann beginnen.

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