Seitenwechsel
Vom Steuerfahnder zum Zigarettenschmuggler

Was bringt einen leitenden Steuerfahnder dazu, die Seiten zu wechseln? Das Psychogramm eines Karriere-Juristen aus dem Saarland, der zum Zigarettenschmuggler wird und den Fiskus um insgesamt 1,44 Millionen Euro prellt. Ein Handelsblatt-Report.

HB SAARBRÜCKEN. Den 8. März 2005 wird Erich Müller, 60, nicht so schnell vergessen. Als der große, grauhaarige Mann mit Brille die Abflughalle des Flughafens in Eindhoven betritt und auf den Schalter der Ryanair zusteuert, schlagen die Ermittler zu. Die holländische Polizei hat einen Tipp bekommen, mehrere Zivilfahnder stürzen sich beim Einchecken auf ihn. Müller wird noch einmal laut, arrogant, wie früher. Aber das Ende seiner monatelangen Flucht ist besiegelt: Boeing 737, Flugnummer FR 9124 ins spanische Girona, hebt ohne Erich Müller ab.

Erich Müller? Da war doch was. Vor allem die Menschen im Saarland kennen den Namen gut. Einst jagte er selbst Verbrecher - als Chef der saarländischen Steuerfahndung. An diesem 8. März aber haben ihn nun quasi seine Ex-Kollegen festgesetzt. Müller wird mit internationalem Haftbefehl gesucht - wegen Steuerhinterziehung und Zigarettenschmuggel im großen Stil.

Ab Freitag wird dem früheren Karriere-Juristen vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Saarbrücken der Prozess gemacht. Seither rätseln nicht nur Kriminologen: Was bringt einen Mann des Rechts dazu, die Seiten zu wechseln?

Wer Antworten sucht, der sucht sie zuallererst im Saarbrücker Lerchesflurweg 37. Dort, auf einer Anhöhe oberhalb der Stadt, thront ein mächtiger grau-gelber Gebäudekomplex. Es ist ein Ort der ungestillten Sehnsüchte. "Wolle, I miss you", hat jemand in krummen Buchstaben auf die riesige Mauer gesprüht, die den Kastenbau fast vollständig von der Außenwelt abschirmt. Die Einheimischen haben diese Festung mit feinem Sinn für Ironie "Hotel Gitterblick" getauft. Hier, in der Justizvollzugsanstalt Lerchesflur, sitzt Erich Müller mittlerweile in einer Einzelzelle und wartet auf seinen Prozess. Kurz nach seiner Auslieferung hat er ein Geständnis abgelegt, das ein erhebliches Maß an krimineller Energie offenbart: Innerhalb von einem Jahr, von 2002 bis 2003, haben er und seine Komplizen aus Osteuropa 21 Millionen Zigaretten unverzollt in die EU transportiert. Der Schaden für den Fiskus beläuft sich auf 1,44 Millionen Euro.

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