Steuerflucht
Fluchtpunkt Übersee

Das Fürstentum Liechenstein ist nur ein Steuerparadies von vielen. Seit der Verhaftung von Klaus Zumwinkel steht das kleine Land am Pranger. Warum kocht der Skandal gerade hier hoch? Wie kommt das Geld am Fiskus vorbei dorthin? Und wie werden Millionentransfers in den Beratungszimmern deutscher Privatbanken eingefädelt? Eine Spurensuche mit Hilfe eines Bankberaters.
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Im Restaurant Lett ist um halb acht Uhr abends jeder Tisch besetzt. In die Pizzeria im Zentrum von Liechtensteins Hauptstadt Vaduz drängen vor allem Bankangestellte, die hier nach Feierabend Pasta und Salat mit einem Rotwein aus der fürstlichen Kellerei herunter spülen. Sie haben die Krawatten gelockert, die Jacketts abgelegt. An den Zweiertischen tuscheln sie, blicken sich besorgt um, nicken sich zu. Nur in einer Gruppe von fünf Bankern wird es lauter. Ihr Geschäftsmodell sei bedroht, "Singapur wird nun besonders interessant", und überhaupt werde "das alles jetzt extrem spannend", rufen sie sich im breiten alemannischer Dialekt zu. "Wir dürfen nicht zu laut sein", warnt ein Vollbartträger halb im Scherz. "Es könnte ja auch hier eine Wanze versteckt sein."

Das ist vielleicht etwas übertrieben. Doch das Fürstentum steht weltweit am Pranger, seit deutsche Steuerfahnder zuerst den ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel TV-gerecht hochgehen ließen und deutschlandweit Durchsuchungen folgten. Der Liechtensteiner Vermögenssteuersatz von knapp einem Prozent, bei Stiftungen sogar nur einem Promille, gilt als Anleitung zum Steuerbetrug.

Dabei war Liechtenstein in den meisten Fällen nicht als Endlagerstätte für Schwarzgeld gedacht, sondern als Drehscheibe vor allem nach Hongkong, Singapur, die Cayman Islands und die Bahamas. Sie gelten als noch sicherer im Vergleich zur "Marke Liechtenstein", die laut Eigenwerbung der Stiftung "Image Liechtenstein" - einer von denen, die ausweislich nicht steuersparenden Zwecken dient - "unverwechselbar" sein soll. Gut 40 Millionen Euro sind nach Informationen der WirtschaftsWoche aus Ermittlerkreisen von deutschen Geheimkonten in Liechtenstein abgezogen worden, allein in den vergangenen zwölf Monaten gab es massenhafte Überweisungen nach Singapur, Hongkong und in die Karibik.

Warum dann überhaupt die Zwischenstation Liechtenstein? Und wenn schon die Zwischenstation - warum bahnen Steuerflüchtlinge ihre Millionentransfers über Privatbanken in Deutschland an? Und wie landet das Geld in Liechtenstein?

So unverwechselbar wie oft kolportiert, ist das kleine Land gar nicht. Die Banken dominieren die Nachrichtenlage, aber das Bruttosozialprodukt resultiert nur zu knapp 30 Prozent aus Bankgeschäften - 40 Prozent kommt aus der Liechtensteiner Industrie. Aber natürlich gibt es auch noch das andere Liechtenstein. Neben unauffälligen dahingewürfelten Bankgebäuden mit Sparkassenflair gibt es in der Fußgängerzone von Vaduz das übliche Umfeld für Besserverdienende: Uhren-Shops, die von Jaeger Le Coultre bis Rolex so ziemlich alles in der Auslage haben, was teuer ist. Die Flanierstrecke nennen die Liechtensteiner niedlich ihr "Städtle". Doch einen kleinen Unterschied gibt es schon, Geldautomaten und Schalter haben nur die Liechtensteinische Landesbank und die LGT - Daten letzterer hatte sich der BND beschafft und damit die Steueraffäre ins Rollen gebracht -, die anderen Institute empfangen den Kunden mit freundlichen Empfangsdamen, die nach dem vereinbarten Termin fragen.

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