Steuerhinterziehung
„Jetzt noch zu schweigen ist Wahnsinn“

Kleine Sünden bestraft das Finanzamt sofort – für größere gibt es Swiss Leaks, Steuer-CDs und den Informationsaustausch. Zwei Anwälte erklären, für wen eine Selbstanzeige noch lohnt und was Geschäftsführer wissen müssen.
  • 7

Seit Jahresanfang gelten verschärfte Bedingungen für eine strafbefreiende Selbstanzeige. Zu den wichtigsten Änderungen gehören eine verlängerte Offenlegungsfrist und höhere Strafzuschläge. Auch der internationale Informationsaustausch zwischen Behörden macht Steuersündern das Leben schwer. Ein zusätzliches Risiko sind veröffentlichte Kundendaten à la Swiss Leaks. Bernulph von Crailsheim, Rechtsanwalt und Steuerberater, und Sascha Kuhn, Strafrechtsexperte von der internationalen Rechtsanwaltskanzlei Simmons & Simmons, erklären, was Betroffene jetzt noch tun können.

Herr von Crailsheim, Herr Kuhn, haben Sie sich vom Last-minute-Ansturm der reuigen Steuerhinterzieher erholt?
Kuhn: Zum Jahresende haben sich die Anfragen tatsächlich massiv gehäuft. Eine hat uns sogar noch ganz kurz vor Silvester erreicht. Seit Anfang dieses Jahres sind die Anfragen aber quasi auf Null zurückgegangen.

Haben die jüngsten Ermittlungen gegen Kunden einer HSBC-Tochter in der Schweiz das noch einmal geändert?
von Crailsheim: Nein, denn es gab in den vergangenen Jahren schon einige pressebekannte Ermittlungswellen – wer eine Selbstanzeige abgeben wollte, hat dies aber bereits spätestens bis Ende 2014 gemacht.

Die Rede ist von mehr als 2100 Personen mit Bezug zu Deutschland, die Steuern hinterzogen haben könnten. Haben diese jetzt noch eine Chance auf eine strafbefreiende Selbstanzeige?
Kuhn: Häufig dürfte hier die Tat schon entdeckt sein, sodass eine Selbstanzeige keine strafbefreiende Wirkung mehr entfalten kann. Allerdings kann sich eine verspätete Selbstanzeige auf das Strafmaß positiv auswirken.

Deutschlandweit haben sich 2014 etwa 38.500 Steuerhinterzieher selbst angezeigt. Welche Rolle hat dabei das neue Gesetz gespielt?
von Crailsheim: Die Änderungen machen die ganze Sache komplizierter, denn straffrei bleibt jetzt nur noch, wer seine Steuererklärungen für die vergangenen zehn Kalenderjahre korrigiert. Gerade bei Privatpersonen ist die Dokumentenlage oft recht desolat, im Vergleich zu Unternehmen haben sie noch größere Schwierigkeiten, sich lückenlos zu erklären. Hinzu kommen die Strafzuschläge. Sie werden schon ab einem hinterzogenen Betrag von 25.000 Euro fällig – und nicht mehr erst ab 50.000 Euro – und wurden auf zehn bis 20 Prozent erhöht. Viele Betroffene haben deshalb schnell noch die alte Rechtslage genutzt.

Lohnt sich eine Selbstanzeige jetzt trotzdem noch?
von Crailsheim: Wer ein Strafverfahren vermeiden möchte, sollte sich auch heute noch selbst anzeigen – obwohl es schwieriger und teurer geworden ist. Es gibt aber immer einige Unbelehrbare, die auch jetzt noch darauf pokern, dass sie nicht entdeckt werden. Jetzt noch zu schweigen ist Wahnsinn.

Für eine Verschärfung sorgt nicht nur das neue Steuergesetz, sondern auch der internationale Informationsaustausch über Kapitaleinkünfte.
Kuhn: Das ist eine gravierende Veränderung. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist enorm gestiegen, denn die wichtigsten Länder haben sich bereits dem Austausch angeschlossen. Das Problem für die Finanzverwaltung wird künftig nur sein, diese riesigen Datenmengen auszuwerten – im Prinzip kann sie aber nahezu jedes versteckte Konto entdecken.

Kommentare zu " Steuerhinterziehung: „Jetzt noch zu schweigen ist Wahnsinn“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wo Sie recht haben, haben Sie recht:
    Positive Bestätigung bringt allemal mehr als Terror.

    Mit "Terror" meine ich hier übrigens:
    Eine überkomplizierte Steuergesetzgebung (die oft genug nicht mal mehr für Finanzbeamte nachvollziehbar ist!) nebst ausufernder Bürokratie , Kontrollwut, Einschüchterung und "Drohszenarien" jeglicher Art und ähnliche völlig überflüssige Dinge.
    Obendrein sind die "Bescheide" für viele - eher praktisch veranlagte - Gemüter trotz durchaus gut funktionierendem Verstands schon aufgrund dieser Überkomplexität unseres Steuersystems schlicht nicht mehr nachvollziehbar.

    Es kann und darf einfach nicht sein, dass man entweder studiert haben oder teure professionelle Hilfe in Anspruch nehmen muss - wobei selbst das noch keine Garantie ist - wenn man sich vor bösen "Überraschungen" einigermaßen sicher fühlen können will!!!

  • Unternehmen zu gruenden und dabei sein Geld zu riskieren ist in Deutschland nicht mehr sinnvoll. Wer will schon mit den Stasimethoden des Finanzamts incl. all seinen Fallstricken zu tun haben ? Dann die ganzen anderen Rechtsvorschriften etc etc Man muss schon Sado/Maso drauf sein um sich das Alles anzutun. Und wenn man dann mal wider Erwarten doch gut verdient dann hat man in Deutschland nur Neider. Auswandern kann ich jedem nur raten . Deutschland koennte sehr viel von Laendern wie Singapur lernen -- aber dieses Land wird von allen gleich als Diktatur abgestempelt ohne sich genau darueber zu informieren. Die haben ein simples effizientes und gutes Steuerrecht. Wenn man seine Steuern zahlt bekommt man als Antwort ein Dankeschoen. In Deutschland bekommt man Bescheide. Man sollte deutsche Unternehmer die viel Steuern bezahlen jaehrlich mit einem Pokal oder Medalllie lokal feiern damit auch dem letzen klar wird wo dieser Wohlstand ueberhaupt herkommt.

  • Der rechtzeitige Umzug ins geeignete Ausland ist längst schon billiger als der potentielle Beratungsaufwand plus Risiko plus Nachzahlungen und Strafen.

    Und wer sich für ein Unternehmen - und wär's sein eigenes noch mit einem Fuß ins Kittchen begibt, dem ist auch nicht zu helfen.

    Der deutsche Steuerdschungel überfordert bereits die Fachleute auf beiden Seiten des Zauns.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%