Umkämpfter Anwaltsmarkt
Dekra-Siegel für Anwälte ist ein Rohrkrepierer

Der Kampf um die Mandanten unter Deutschlands Anwälten verschärft sich zusehends. Ein Fachanwaltstitel alleine reicht als Alleinstellungsmerkmal schon lange nicht mehr aus. Ein Siegel der Dekra sollte nun Qualität garantieren. Doch das Siegel scheitert an seinem Anspruch.

HB. Für die rund 150 000 Anwälte in Deutschland wird der auf rund elf Milliarden Euro geschätzte Rechtsberatungsmarkt immer enger. In den Großstädten buhlen jeweils mehr als 10 000, teilweise sogar mehr als 15 000 Berufsvertreter auf engstem Raum um die Gunst der Mandanten. Vor allem für die große Schar der Einzelanwälte und kleinen Kanzleien wird es immer schwerer, sich von der Konkurrenz abzuheben.

Selbst der Erwerb eines Fachanwaltstitels, der von den Anwaltskammern vergeben wird, reicht als Alleinstellungsmerkmal nicht mehr aus, weil sich mittlerweile jeder fünfte Anwalt Fachanwalt in einem oder zwei von insgesamt 20 Rechtsgebieten nennen darf. In einer medialen Welt voller Reizüberflutungen und Übertreibungen stumpfen Verbraucher und Unternehmer eben schnell ab. Sie nehmen meist nur noch die jeweiligen Branchenführer wahr.

Da kommt vielen Anwälten das Angebot der Dekra, sie gegen Entgelt zu zertifizieren und ihnen Unterschlupf unter eine starke Dachmarke zu gewähren, gerade recht. Entsprechend vollmundig wurde das Zertifikat als echte Alternative zum Fachanwaltstitel beworben. Tatsächlich aber ist das Angebot ein Rohrkrepierer. Der Grund: Die Dekra hat die Verbraucher an der Nase herumgeführt, urteilte das Landgericht Köln. Das Angebot erwecke nämlich den unzutreffenden Eindruck, als seien die Kriterien für die Vergabe dieses Gütesiegels allgemein anerkannt.

Das Dekra-Siegel zielt aber eben in Wahrheit nur auf die selektive Wahrnehmung der Verbraucher statt auf echte Qualitätsauslese. So wird der Mandant, der in einer Verkehrssache einen Anwalt sucht, den Dekra-zertifizierten Anwalt als quasi „öffentlich bestellt“ wahrnehmen und ihn wegen der Strahlkraft der Marke sogar einem Fachanwalt für Verkehrsrecht vorziehen, obwohl die Ausbildung nicht nur in theoretischer Hinsicht weit hinter derjenigen der Fachanwälte zurückbleibt. Denn ob der so ausgezeichnete Anwalt überhaupt jemals einen Fall in der Praxis bearbeitet hat, wird überhaupt nicht abgefragt.

Fraglos genießt die Dekra viel öffentliches Ansehen bei der Überprüfung von Fahrzeugen. Der Transfer dieses Vertrauens auf den Anwaltsmarkt ist allerdings gescheitert. Das wiegt besonders in der Finanzkrise schwer, die sich ja auch als Vertrauenskrise in das Expertentum erwiesen hat. Darüber sollten diejenigen Anwälte einmal eingehend nachdenken, die für das Gütesiegel bezahlt haben und sich jetzt öffentlich darüber beklagen, dass ihnen die Kammern den Gebrauch verbieten.

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