Urteil: Bundesfinanzhof erlaubt Abschreibung von Aktienverlusten

Urteil
Bundesfinanzhof erlaubt Abschreibung von Aktienverlusten

Es ist ein Aufsehen erregendes Urteil: Der Bundesfinanzhof erlaubt die Teilwertabschreibung von Aktien, die als langfristige Anlage gehalten werden. Voraussetzung ist, dass der Börsenkurs auch sobald nicht wieder ansteigt. Eine Regelung, die gerade während der aktuellen Kurseinbrüche für viele Anleger interessant ist.

BERLIN. Vor dem Hintergrund der abstürzenden Aktienkurse hat der Bundesfinanzhof (BFH) ein Aufsehen erregendes Urteil gesprochen. Die Richter erlauben die Teilwertabschreibung von Aktien, die als längere Finanzanlage gehalten werden. Die Voraussetzungen sind angesichts der Lage an den Aktienmärkten scheinbar einfach: Der Börsenkurs muss zum Bilanzstichtag unter die Anschaffungskosten gesunken sein, und es dürfen keine konkreten Anhaltspunkte für ein alsbaldiges Ansteigen vorliegen. (Az.: BFH I R 58/06)

Das Urteil betrifft Gewerbetreibende, Personengesellschaften oder bilanzierende Freiberufler, die zur Stärkung ihres Kapitals Aktien in das Betriebsvermögen aufgenommen haben. In dem Fall hatte eine GmbH im Jahr 2001 Aktien der Infineon AG zu einem Preis von 44,50 Euro erworben. Der Kurs sank bis zum 31.12. 2001 auf rund 23 Euro. Bis zur Aufstellung des Jahresabschlusses 2001 stieg der Kurs auf rund 26 Euro an. Die GmbH ordnete die Aktien dem Anlagevermögen zu und nahm in ihrer Körperschaftsteuererklärung eine Teilwertabschreibung auf der Basis des Börsenskurses zum Bilanzstichtag (23 Euro) vor. Die Abschreibungssumme betrug 468 999,80 Euro.

Das Finanzamt lehnte den Antrag der Klägerin ab. Teilwertabschreibungen seien nur erlaubt, wenn die Wertminderung voraussichtlich dauerhaft sei, schrieben die Finanzbeamten. Die sich daraufhin anschließende Klage vor dem Finanzgericht Köln hatte ebenfalls keinen Erfolg. Die Finanzrichter in der unteren Instanz waren ebenfalls der Ansicht, dass "Kursschwankungen von börsennotierten Wirtschaftsgütern des Anlagevermögens nur eine vorübergehende Wertminderung darstellen."

Ganz anders urteilte jetzt der BFH. Ob "eine voraussichtlich dauernden Wertminderung" vorliege, sei vielmehr danach zu entscheiden, ob zum Zeitpunkt des Bilanzstichtags mehr Gründe für ein Anhalten der Wertminderung sprächen als dagegen. Die Richter ließen sich dabei von folgender Überlegung leiten: Bei den Aktien spiegelt der aktuelle Börsenkurs die Einschätzung der Marktteilnehmer auch über die künftige Entwicklung des Börsenkurses wider. Mit anderen Worten: Vom Steuerpflichtigen können keine besseren prognostische Fähigkeiten verlangt werden als vom Markt. Wenn der Markt also die Aktie so niedrig einschätzt, liegt eben auch eine dauerhafte Wertminderung vor.

Steuerrechtsexperte Thomas Elser aus dem Münchener Büro der internationalen Kanzlei Linklaters LLP rät deshalb jetzt allen Betroffenen, die ihre Bilanzen zum Stichtag 31.12.2007 erstellen, umgehend in ihren Betriebsvermögen Aktienverluste festzustellen und diese als Teilwertabschreibungen gegenüber den Finanzämtern geltend zu machen. Die Finanzverwaltung könne das Urteil allgemein anwenden oder zu einem so genannten Nichtanwendungserlass greifen.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
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