Votum
Kommentar: Im Sozialrecht geht es viel schlimmer zu

Gut und schön, die Fraternisierung der Parteien zum Zwecke der Vereinfachung des Steuerrechtes. Aber ist das wirklich ein so dringliches Anliegen?

Millionen Familien haben so geringe Einkommen, dass sie der Fiskus nicht mehr beißt. Für die Masse der Arbeitnehmer ist das Steuerrecht nur wichtig, wenn sie Pendler oder Häuslebauer sind, ansonsten erledigt der Arbeitgeber ihre Steuersachen vollautomatisch und umsonst. Um jede Ecke wohnt ein Steuerberater. Und im Übrigen (vor der Rechtschreibreform musste man schreiben "im übrigen"): Jede schwierige, aber einmal gelernte Materie wird durch Reform und Vereinfachung für den Anwender noch komplizierter. Noch nie musste man so oft in den Duden schauen wie nach seiner Entrümpelung.

Aber jedermann hat immer wieder mit Ärzten zu tun, und hier ist jeder auf sich selbst gestellt, es gibt keinen Vormund in der Person des Arbeitgebers. Viel erbarmungsloser in seiner Unverständlichkeit ist jedoch mittlerweile das gesamte Sozialrecht, vor allem in seiner Verknüpfung von Renten- und Krankenkassenrecht. Hier kann es passieren, dass Millionen von Betriebsrentnern und Versorgungsempfängern zu Beginn dieses Jahres durch die nicht avisierte und nicht einmal diskutierte Verdoppelung des Krankenkassenbeitrages eine Kürzung ihrer Bezüge um 7,5 % erleben, und auch ihre lahme Lobby hat nichts von der Gesetzesänderung bemerkt.

Die Renten-, die Kranken-, die Pflegeversicherung sind mittlerweile kodifiziert in einem tausendseitigen Buch, das siebenfach versiegelt und dazu noch in einer Sprache geschrieben ist, die selbst der Gesetzgeber nicht mehr versteht. Der Kranke und der Rentner und der kranke Rentner sind ausgesetzt in einem Dschungel von Paragrafen, in dem sich selbst Ärzte und Apotheker verirren.

Im Vergleich zum Sozialrecht ist das Steuerrecht doch eine freundliche Fußgängerpassage. Der Verschönerungsverein der Parteien hat sich für seinen Reformeifer den falschen Platz ausgesucht. Der Bürger ist, wenn es um seine Gesundheit geht, einem gewaltigen bürokratischen Überbau ausgeliefert, dessen Wachstum kein Ende nimmt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%