Zinssteuer: EU-Richtlinie lässt Hinterzieher kalt
Nur Kleckerbeträge für deutschen Fiskus

Die Einnahmen Deutschlands aus der EU-Zinssteuer dürften sich in diesem Jahr etwa verdreifachen. Trotzdem wird nicht einmal das Niveau von manch einer Bagatellsteuer wie der Sektsteuer erreicht.

HB DÜSSELDORF. Dies zeigt eine Handelsblatt-Umfrage unter den wichtigsten Fluchtburgen für Hinterzieher von Kapitaleinkünften in Europa. Demnach hat die Schweiz für das abgelaufene Jahr 2006 gut 63 Mill. Euro an den deutschen Fiskus gezahlt. Wien überwies für deutsche Anleger mit Konten in Österreich gut 33 Mill. Euro nach Deutschland, Liechtenstein 4,4 Mill. Euro. Das Luxemburgische Finanzministerium wollte keine Angaben machen.

Die EU-Zinssteuerrichtlinie trat am 1. Juli 2005 in Kraft. Daher ist sie auch nur für seitdem gezahlte Kapitalerträge relevant. Sie soll die Hinterziehung von Kapitaleinkünften erschweren. Hochgerechnet auf die insgesamt 14 betroffenen Steuerfluchtburgen kann Deutschland damit auf rund 150 Mill. Euro hoffen. Zum Vergleich: Die Gesamteinnahmen aus der Zinsabschlagsteuer sind rund fünfzig Mal so hoch. Für das zweite Halbjahr 2005 hatten die Steueroasen insgesamt 47,7 Mill. Euro an den Fiskus überwiesen. Von diesem Betrag musste Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) 44 Prozent an die Länder und 12 Prozent an die Kommunen weiterleiten.

Die EU-Zinssteuerrichtlinie verpflichtet Banken grundsätzlich, Zinserträge von EU-Ausländern den Finanzbehörden des jeweiligen Heimatstaates zu melden. Konkret bedeutet dies, dass etwa eine niederländische Bank dem Bundeszentralamt für Steuern eine Kontrollmitteilung über die Erträge schickt, wenn ein deutscher Anleger in den Niederlanden ein Festgeldkonto hat.

Wichtige Finanzzentren in Europa haben sich Ausnahmen von den Kontrollmitteilungen erbeten, um ihr Bankgeheimnis zu schützen. In Belgien, Luxemburg, Österreich und den Nicht-EU-Mitgliedern Schweiz und Liechtenstein sowie den britischen Kanalinseln können ausländische Anleger wählen, ob sie anstelle von Kontrollmitteilungen eine anonym abgeführte Quellensteuer auf Zinserträge von zunächst 15 Prozent bevorzugen. Dieser Steuersatz steigt ab Juli 2008 auf 20 Prozent und in der Endstufe ab Juli 2011 auf 35 Prozent. Ein Viertel der Einnahmen behält der Quellenstaat, den Rest überweist er an den Wohnsitzstaat des Anlegers. Der ehrliche Anleger kann die Quellensteuer bei seiner Steuererklärung anrechnen lassen.

Für den Finanzexperten des Münchner Ifo-Instituts, Rüdiger Parsche, sind die geringen Einnahmen keine Überraschung: "Wer Steuern hinterziehen will, der tut es auch weiterhin." Die Masse des Fluchtkapitals sei so angelegt, dass es von der Richtlinie nicht tangiert werde. Dafür hätten die Finanzdienstleister in den Fluchtburgen schon gesorgt. "Es wäre naiv anzunehmen, dass Länder wie die Schweiz oder Liechtenstein sich von der EU das Geschäft kaputt machen lassen, von dem sie Jahrzehnte hervorragend gelebt haben", sagte Parsche. "Wer sich von der EU-Zinssteuer nennenswerte Einnahmen oder eine Zunahme der Steuerehrlichkeit erhofft hat, der hat sich getäuscht."

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