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25.02.2008 
LGT nennt Informanten

Der Mann, der die Steuerdaten klaute

von Sven Prange

Langsam bekommt der Schatten ein Gesicht. Der Mann, der tausende vermögende Europäer dem Fiskus ausgeliefert haben soll, ist bei internationalen Fahndern kein Unbekannter. Fotos des Liechtensteiners kursieren jetzt in der Öffentlichkeit. Die Steuerbetrugs-Geschichte wird immer mehr zur Räuberpistole.

Die LGT verdächtigt ihren Ex-Mitarbeiter Heinrich Kieber, Steuerdaten an den BND verkauft zu haben. Foto: blick.chLupe

Die LGT verdächtigt ihren Ex-Mitarbeiter Heinrich Kieber, Steuerdaten an den BND verkauft zu haben. Foto: blick.ch

DÜSSELDORF. Unauffällig soll er privat sein, etwas kauzig und ein Einzelgänger. So beschreiben Nachbarn den Mann, der europaweit tausende Millionäre das fürchten lehrt. Die Liechtensteiner Bank LGT hat » bestätigt, dass die Steuerdaten vermögender Kunden vermutlich von ihrem 42-jährigen Ex-Mitarbeiter Heinrich Kieber an den BND verkauft wurden.

Dabei galt Kieber in seiner Umgebung als nicht besonders auffällig. In seinem Heimatort Balzers, einem 4500-Seelen-Örtchen im Fürstentum, kann man sich noch gut an "Henry" erinnern, wie Kieber dort genannt wird. "Er war eher verschwiegen, erzählte nie von seiner Arbeit", werden Nachbarn in » Schweizer Zeitungen zitiert. Demnach galt Kieber als Kauz und Einzelgänger, der allenfalls ab und an durch finanzielle Probleme auffiel. Eine Nachbarsfamilie erzählt, ihn zeitweise "durchgefüttert" haben, im Gegenzug spielt Kieber den Fahrer für die Kinder. Von Verwicklungen in Straftaten will in dem kleinen Liechtensteiner Ort niemand etwas bemerkt haben.

An anderer Stelle ist Kieber dagegen seit langem ein bekanntes Gesicht. Vor allem die Liechtensteiner Bankenszene hat den 42-Jährigen in schlechter Erinnerung. Schonmal hat er Angst und Schrecken unter Europas Vermögenden verbreiten wollen. Im Januar 2003 soll Kieber nach Angaben der Liechtensteiner Staatsanwaltschaft bereits versucht haben, das Fürstentum mit der Herausgabe von LGT-Kundendaten zu erpressen. Es war der vorläufige Höhepunkt einer zwielichtigen Karriere.


Bildergalerie Bild für Bild: Die spektakulärsten Fälle von Steuerhinterziehung


Kieber tauchte 1997 das erste Mal auf den Listen internationaler Fahnder auf. Bei einem Immobiliengeschäft in Barcelona soll der Liechtensteiner, dessen Mutter Spanierin ist, durch geplatzte Schecks 600 000 Schweizer Franken für seine private Kasse abgezweigt haben. Deswegen wurde er von den Behörden in Spanien und später auch in Liechtenstein gesucht. Während die internationale Fahndung schon lief, arbeitete Kieber zwischen April 2001 und November 2002 in der IT-Abteilung der fürstlichen Bank LGT. Dort digitalisierte er das Papierarchiv der Bank. Auf diesem Weg ist er offenbar auch an die Kundendaten gelangt. Die LGT will von den damaligen Ermittlungsverfahren gegen ihren Ex-Mitarbeiter erst später erfahren haben.

Nach Angaben der fürstlichen Staatsanwaltschaft erpresste Kieber nach seiner Trennung von der LGT im Januar 2003 die Liechtensteiner Behörden. Sollte er nicht zwei falsche Reisepässe für seine Flucht vor dem internationalen Haftbefehl aus seiner Spanien-Zeit bekommen, werde er Kundendaten der LGT-Treuhand an ausländische Medien und Behörden weitergeben. Die Liechtensteiner ließen sich auf den Deal nicht ein.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie die Liechtensteiner Behörden gelinkt wurden

Kieber stellte sich schließlich doch. Im Verfahren legte er ein Geständnis ab und versprach, alle in seinen Händen befindlichen Kundendaten an die Bank zurückzugeben. Kieber wurde im Januar 2004 zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt, die allerdings ausgesetzt wurde. Der internationale Haftbefehl der spanischen Strafverfolgungsbehörden wurde im Oktober 2004 aufgehoben und das Strafverfahren in Spanien im November 2005 eingestellt.


» Gewusst wie: Die steuerliche Selbstanzeige


Seinen vermeintlichen neuen Coup hat Kieber wohl geschickter eingefädelt. Nicht nur, dass er sich jene DVD mit den brisanten Daten über mehrere hundert potenzielle deutsche Steuersünder mit gut 4,2 Millionen Euro honorieren ließ. Der Liechtensteiner Banker hat die brisanten Daten offenbar regelrecht vermarktet. Die britische Regierung hat eingeräumt, ebenfalls gezahlt zu haben, um an die Namen englischer Kunden in den Büchern der Liechtensteiner Privatbank LGT zu gelangen; vermutlich floss ein sechsstelliger Betrag. Auch in den USA sollen sich Behörden die Daten von 50 potenziellen Steuerbetrügern gesichert haben.

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins Spiegel hatte Kieber schon Anfang 2006 mit den Briten über einen Verkauf der Informationen verhandelt. Weil die Briten ihm aber offenbar nicht schnell genug reagierten, wandte der mitteilungsfreudige Banker sich an den deutschen Bundesnachrichtendienst. Die Schlapphüte aus Pullach bekamen den Zuschlag. Die Datensätze britischer und US-amerikanischer Kunden löschte Kieber allerdings zuvor offenbar von der DVD - um sie dann getrennt an die dortigen Behörden zu verkaufen. Auch Kanada, Australien und Frankreich sollen mittlerweile Daten über ihre Staatsbürger bezogen haben.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ist Kieber wirklich der einzige Informant?

Ob Kieber tatsächlich der Informant des Bundesnachrichtendienstes ist, lassen die deutschen Behörden weiter offen. Die Theorie ist aber insofern plausibel, als dass Kieber zwischen April 2001 und November 2002 Zugang zu allen wichtigen Daten der LGT hatte. Dabei hat er offenbar auch eigene Kopien angefertigt. Nach Angaben der LGT sind ihm auf diesem Wege Daten von gut 1400 Kunden - davon 600 aus Deutschland - in die Hände gefallen. Die aktuellsten dieser Daten stammen aus dem Jahr 2002.

Um diese Daten zu aktualisieren, sollen sich deutsche Fahnder nach Berichten verschiedener Boulevardmedien auch nach weiteren Informanten im Alpen-Fürstentum umgeschaut haben. Angeblich sollen Liechtensteiner Bankmitarbeiter sogar vom BND unter Druck gesetzt worden sein, auszupacken. Ob sie dabei erfolgreich waren, ist unklar. Während der BND entsprechende Berichte als "Unsinn" bezeichnet, berichtet die Süddeutsche Zeitung von einem zweiten Informanten. Dieser habe den deutschen Steuerfahndern weitere 700 mögliche Steuerbetrüger aus der Kundenkartei einer anderen Liechtensteiner Bank geliefert.


Tabelle  Infografik: Die Liechtenstein Connection


Für Heinrich Kieber dürfte das alles mittlerweile egal sein. Er hat seine Heimat in Liechtenstein offenbar schon vor zwei Jahren verlassen. Wo er sich derzeit aufhält, dürfte nur der Bundesnachrichtendienst wissen. Der hat den auskunftsfreudigen Banker nach Spiegel-Erkenntnissen mit einem neuen Namen ausgestattet und ihn an einen unbekannten Ort gebracht. Amerikanische Medien spekulieren, dass Kieber sich in Australien aufhalten, in Schweizer Zeitungen ist von einem Refugium bei den Eidgenossen die Rede. Mit den gut fünf Millionen Euro Honorar im Gepäck dürfte der Neuanfang jedenfalls nicht so schwer fallen.


Links zum Thema im Web:

» LGT-Group: "Informationen zum Datenklau"
» Blick: "Wie kam der Schnorrer an die Steuerdaten?"
» The Wall Street Journal: "Theft of Tax Data Hits Bank Clients Around Globe "
» Financial Times: "UK turned down Liechtenstein tax list"

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