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26.03.2008 
Steuerflucht

Fluchtpunkt Übersee

von A. Wildhagen, M. Bergmann, C. Welp und T. Katzensteiner, Wirtschaftswoche

Das Fürstentum Liechenstein ist nur ein Steuerparadies von vielen. Seit der Verhaftung von Klaus Zumwinkel steht das kleine Land am Pranger. Warum kocht der Skandal gerade hier hoch? Wie kommt das Geld am Fiskus vorbei dorthin? Und wie werden Millionentransfers in den Beratungszimmern deutscher Privatbanken eingefädelt? Eine Spurensuche mit Hilfe eines Bankberaters.

Endlagerstätte für Schwarzgeld? Foto: ArchivLupe

Endlagerstätte für Schwarzgeld? Foto: Archiv

Im Restaurant Lett ist um halb acht Uhr abends jeder Tisch besetzt. In die Pizzeria im Zentrum von Liechtensteins Hauptstadt Vaduz drängen vor allem Bankangestellte, die hier nach Feierabend Pasta und Salat mit einem Rotwein aus der fürstlichen Kellerei herunter spülen. Sie haben die Krawatten gelockert, die Jacketts abgelegt. An den Zweiertischen tuscheln sie, blicken sich besorgt um, nicken sich zu. Nur in einer Gruppe von fünf Bankern wird es lauter. Ihr Geschäftsmodell sei bedroht, "Singapur wird nun besonders interessant", und überhaupt werde "das alles jetzt extrem spannend", rufen sie sich im breiten alemannischer Dialekt zu. "Wir dürfen nicht zu laut sein", warnt ein Vollbartträger halb im Scherz. "Es könnte ja auch hier eine Wanze versteckt sein."

Das ist vielleicht etwas übertrieben. Doch das Fürstentum steht weltweit am Pranger, seit deutsche Steuerfahnder zuerst den ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel TV-gerecht hochgehen ließen und deutschlandweit Durchsuchungen folgten. Der Liechtensteiner Vermögenssteuersatz von knapp einem Prozent, bei Stiftungen sogar nur einem Promille, gilt als Anleitung zum Steuerbetrug.

Dabei war Liechtenstein in den meisten Fällen nicht als Endlagerstätte für Schwarzgeld gedacht, sondern als Drehscheibe vor allem nach Hongkong, Singapur, die Cayman Islands und die Bahamas. Sie gelten als noch sicherer im Vergleich zur "Marke Liechtenstein", die laut Eigenwerbung der Stiftung "Image Liechtenstein" - einer von denen, die ausweislich nicht steuersparenden Zwecken dient - "unverwechselbar" sein soll. Gut 40 Millionen Euro sind nach Informationen der WirtschaftsWoche aus Ermittlerkreisen von deutschen Geheimkonten in Liechtenstein abgezogen worden, allein in den vergangenen zwölf Monaten gab es massenhafte Überweisungen nach Singapur, Hongkong und in die Karibik.


Tabelle  Infografik: Standorte, Zahlen und Geschäftsführer der Liechtensteiner Banken


Warum dann überhaupt die Zwischenstation Liechtenstein? Und wenn schon die Zwischenstation - warum bahnen Steuerflüchtlinge ihre Millionentransfers über Privatbanken in Deutschland an? Und wie landet das Geld in Liechtenstein?

So unverwechselbar wie oft kolportiert, ist das kleine Land gar nicht. Die Banken dominieren die Nachrichtenlage, aber das Bruttosozialprodukt resultiert nur zu knapp 30 Prozent aus Bankgeschäften - 40 Prozent kommt aus der Liechtensteiner Industrie. Aber natürlich gibt es auch noch das andere Liechtenstein. Neben unauffälligen dahingewürfelten Bankgebäuden mit Sparkassenflair gibt es in der Fußgängerzone von Vaduz das übliche Umfeld für Besserverdienende: Uhren-Shops, die von Jaeger Le Coultre bis Rolex so ziemlich alles in der Auslage haben, was teuer ist. Die Flanierstrecke nennen die Liechtensteiner niedlich ihr "Städtle". Doch einen kleinen Unterschied gibt es schon, Geldautomaten und Schalter haben nur die Liechtensteinische Landesbank und die LGT - Daten letzterer hatte sich der BND beschafft und damit die Steueraffäre ins Rollen gebracht -, die anderen Institute empfangen den Kunden mit freundlichen Empfangsdamen, die nach dem vereinbarten Termin fragen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Die Angst ist groß."

Ist es also doch allein die vermeintliche Diskretion im Fürstentum, die das Land auszeichnet? Die Antwort ist wohl noch einfacher: Vielen deutschen Steuervermeidern erscheine es reizvoll, ihre Geheimkonten in erreichbarer Nähe zu wissen, berichten Banker, und es auf der Durchreise nach St. Moritz oder Davos nach einem Zwischenstopp in Vaduz in Form eines klein gefalteten Kontoauszugs bei sich zu führen. "Viele Leute wollen ihr Schwarzgeld nicht zehntausend Kilometer entfernt liegen haben", sagt ein Berater einer deutschen Privatbank. Und Sprachprobleme gibt es in Vaduz nicht mehr als in der Schweiz.

Dass der Verrat eines Liechtensteiner Bankmitarbeiters diese Gemütlichkeit auffliegen lässt, lag meilenweit von der Vorstellungswelt der Geldschieber entfernt. Dabei drohte die Gefahr ständig. Denn es waren stets auch Kundenberater in deutschen Banken als Mitwisser involviert.

Je größer das Vermögen eines Kunden, desto sensibler und geheimnisvoller werde das Thema Steuern mit wissendem Blick angesprochen, sagt der Berater einer kleinen Privatbank, der Wert auf Anonymität legt. "Was lässt sich denn da kreativ und diskret machen?", laute eine der Fragen. Manche Gutbetuchte würden sich zu gefährlichen Aussagen hinreißen lassen: "Ich kann es nicht mehr ertragen, dass ich dem Fiskus so viel Geld in den Rachen werfe". Oder: "Wenn ich sehe, was für Leute ich mit meinen Steuern durchfüttere, habe ich keine Lust mehr". Die Anzahl dieser Kunden, die schließlich auch auf Steuerhinterziehung setzen, um sich ihres Frusts zu entledigten, sei allerdings relativ klein. "Die Angst, dass man ihnen auf die Schliche kommt, ist groß", sagt der Bankmitarbeiter.


Tabelle  Infografik: Die Liechtenstein Connection


Dennoch: Hin und wieder muss sich der Bankberater mit derartigen Wünschen auseinander setzen und begibt sich damit in eine heikle Situation: "Wenn ich den Kunden aktiv unterstütze, bin ich dran." Auf der andern Seite: "Wenn ich ihm nicht helfe, tut es ein anderer, und wir verlieren möglicherweise den Kunden", so seine Version. Um sich nicht die Finger zu verbrennen, gelte die Sprachregelung: Dem Kunden könne geholfen werden, indem man ihn an Gesellschaften verweist, in die er "investieren" könne.

Zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, Geld bei einer Liechtensteiner Gesellschaft einzuzahlen, die es dann wiederum in Investmentfonds in fernen Steueroasen anlegt. Die Gewinne müsste der deutsche Kunde dann später in Deutschland eigentlich versteuern, da zwischen Deutschland und Liechtenstein kein Doppelbesteuerungsabkommen besteht. "Darüber kläre ich die Kunden auch auf", sagt der Berater. Die fragten dann stets etwas unsicher: "Kann das Finanzamt denn sehen, welche Gewinne auf meinem Liechtensteiner Konto ankommen?" Die trügerische Antwort darauf lautete bisher: "Nein, auf ihre Konten hat niemand Zugriff."

Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Sie haben mir das doch empfohlen!"

Immer wieder haben Betuchte den Weg über ihre deutsche Bankfiliale gewählt. Warum sind sie nicht gleich ohne Umwege nach Vaduz gefahren? "Die Kunden erwarten von uns, dass wir ihnen einen Kontakt herstellen", sagt der Bankinsider. Handschriftlich, so seine geheime Faustregel, würde er niemals einen solchen Kontakt notieren. Dem Kunden wird die Gesellschaft, an die er sich wenden kann, diktiert, damit er den Namen mit eigenem Stift und auf eigenem Papier notieren kann. Die üblichen Blätter mit Aufdruck des klangvollen Banknamens werden plötzlich ganz weit weg gelegt. "Oder ich drucke beispielsweise eine Adresse aus. Dann kann ich später, wenn es Probleme gibt, immer behaupten, dass der Kunde nur kurz an meinem PC etwas ausdrucken wollte", sagt der Berater.

Denn dass es später Probleme gibt, ist gar nicht selten. Wenn die Kunden ihr Geld in Fonds investieren und Verluste erleiden, "dann stehen sie bei mir auf der Matte." Dann heiße es, "Sie haben mir das doch empfohlen". Dass solche Fälle öffentlich werden, wollen die Banken mit aller Macht vermeiden. In solchen Fällen suche die Bank deshalb immer einen Kompromiss mit dem Kunden und übernimmt teilweise sogar komplett die Verluste, nur um Aufsehen zu vermeiden - eine Art Schweigegeld. Der Hinweis eines Kunden vor Gericht, "die Bank hat mir das empfohlen", wäre der Killersatz für das Institut. Die Spurenverwischung, wie sie der Bankberater schildert, gleicht der Story eines schlechten Tatorts aus den achtziger Jahren.

Ebenso der Weg des Geldes - bar und über die Grenze. Natürlich gibt es immer mehr Bargeldkontrollen des Zolls. Selbst der zwischen den Weinbergen südlich von Freiburg dahinschaukelnde Intercity nach Basel SBB wird inzwischen von Uniformierten durchkämmt. Die Antwort reisenden Geldschleicher ist darauf ebenso simpel: Die Kunden heben über Monate kleinere Summen von ihren Konten ab - so dass der Transfer möglichst nicht auffällt. In Vaduz wird der Geldberg dann sorgfältig am Schalter durchgezählt und aufgestapelt.


Bildergalerie Bild für Bild: Die spektakulärsten Fälle von Steuerhinterziehung


Ein anderer Geldkanal sind manipulierte Geschäfte. Bankmitarbeiter reden mittlerweile offener über dieses Transportsystem: So würden Kunstwerke zu völlig überteuerten Preisen aus Liechtenstein angekauft. Mit dem Ziel, die zu viel gezahlte Summe auf dortigen Konten verschwinden zu lassen.

Tragisch, dass bei manchen Kunden das Thema Steuerhinterziehung eine fixe Idee ist. Der anonyme Bankberater hat direkt Mitleid mit seiner Klientel: "Sie schaufeln Schwarzgeld und schaffen es außer Landes - auch dann, wenn es gewinnbringender wäre, das Geld ordnungsgemäß zu versteuern und dann anzulegen." Und Martin Lausterer, Partner und Steuerrechtsexperte bei der Kanzlei Linklaters sagt: "Es wird gern übersehen, welche Transaktionskosten mit solchen Manövern verbunden sind und dass sie sich ja nach betriebenem Aufwand gleich mehrfach der Steuerhinterziehung schuldig machen."

Lesen Sie weiter auf Seite 4: "Wir sind nicht der verlängerte Arm der deutschen Steuerbehörden."

All das ist für Menschen wie Hans Uehlinger-Martin angeblich eine fremde Welt. Der Kommunikationschef der LGT Bank musste am 14. Februar, als Zumwinkel verhaftet wurde, seinen Urlaub abbrechen, und jetzt schiebt er Schichtdienst rund um die Uhr. Uehlinger ist ein freundlicher, älterer Herr mit Paisley-Krawatte und Goldknöpfen am Jackett, der jeden Satz erstmal überdenkt, bevor er ihn ausspricht.

Alle angebliche Schuld weist er von sich. "Wir weisen unsere Kunden explizit darauf hin, dass sie sich um die Besteuerung in ihrem Domizilland kümmern müssen", sagt er. "Wir sind aber nicht der verlängerte Arm der deutschen Steuerbehörden." Für die Bank gehe es nun darum, das Vertrauen ihrer Kunden zu behalten. Bislang hätten nur vereinzelte Kunden ihre Verbindung zur Bank beendet, schließlich seien nur vier Prozent der Kunden der LGT Treuhand betroffen vom Diebstahl ihrer Daten durch Ex-Mitarbeiter Heinrich K. und den Weiterverkauf an den BND. Und es gebe inzwischen eine Ansprechstelle für Mitarbeiter, die "wie der Herr K. persönliche Probleme haben". Der Finanzplatz sei mehr als eine "Stiftungsmaschine", sagt Uehlinger und verweist auf die Auslandsfilialen der LGT, die fast alle unbedenkliche und erfolgreiche "Onshore"-Geschäfte machten. Dann muss er weiter.

Wenig Zeit haben alle Betroffenen in diesen Tagen in Vaduz, auch Regierungssprecherin Gabriele Manz-Christ hetzt von einem Termin zum nächsten. Sie erklärt ihre Sicht der Dinge: Dass das deutsche Vorgehen "ungerecht" sei, weil Liechtenstein "seit zehn Jahren Reformen umgesetzt habe", ein europäisches Land sei und dass "Steuerhinterziehung in Deutschland die Liechtensteiner eigentlich ja nichts angehe", auch wenn sie, aber natürlich doch, wollten, dass Gesetze eingehalten werden. Die Regierung werde den eingeschlagenen Weg weiter gehen aber in einer direkten Demokratie bräuchten Reformen eben Zeit. Und vielleicht sei es mittelfristig sogar eine Chance, dass das kleine Land ohne Armee, ohne Geheimdienst und ohne großen Bahnanschluss nun so im Fokus der Welt stehe. "Der Liechtensteiner an sich", sagt Manz-Christ, "ist sehr pragmatisch. Wir werden schon eine Lösung finden."


» Wo Milliarden schlummern: Hier finden Sie unser Special zum Thema Steuerparadiese


Sie wollen ja den Dialog, sie wollen die Zusammenarbeit, den Kompromiss, die Reformen. Das sagen sie immer wieder. "Ich verstehe auch die Situation in Deutschland. Es gibt wohl kein wirklich gerechtes Steuersystem", sagt Michael Lauber, Geschäftsführer des Liechtensteinischen Bankenverbandes. Nein, es kämen keine Kunden mit Geldkoffer mehr über die Grenze, das habe es vielleicht noch in den 80er Jahren gegeben. Ja, die Banken würden über die "Steuerthematik" aufklären, sonst wären sie zu Schadensersatz verpflichtet.

Im März wird er zu einem Austausch nach Berlin fliegen und "ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich verstecken muss", sagt Lauber. Ohnehin müsse man die Debatte in einem großen Kontext sehen. Subprime, Managergehälter, "es geht darum, wie die europäischen Finanzplätze wettbewerbsfähig sein können." Liechtenstein sei da nur ein ganz kleiner Spieler und die Konkurrenz in Fernost schon sehr stark.

Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 10, 03.03.2008

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