Ist es also doch allein die vermeintliche Diskretion im Fürstentum, die das Land auszeichnet? Die Antwort ist wohl noch einfacher: Vielen deutschen Steuervermeidern erscheine es reizvoll, ihre Geheimkonten in erreichbarer Nähe zu wissen, berichten Banker, und es auf der Durchreise nach St. Moritz oder Davos nach einem Zwischenstopp in Vaduz in Form eines klein gefalteten Kontoauszugs bei sich zu führen. "Viele Leute wollen ihr Schwarzgeld nicht zehntausend Kilometer entfernt liegen haben", sagt ein Berater einer deutschen Privatbank. Und Sprachprobleme gibt es in Vaduz nicht mehr als in der Schweiz.
Dass der Verrat eines Liechtensteiner Bankmitarbeiters diese Gemütlichkeit auffliegen lässt, lag meilenweit von der Vorstellungswelt der Geldschieber entfernt. Dabei drohte die Gefahr ständig. Denn es waren stets auch Kundenberater in deutschen Banken als Mitwisser involviert.
Je größer das Vermögen eines Kunden, desto sensibler und geheimnisvoller werde das Thema Steuern mit wissendem Blick angesprochen, sagt der Berater einer kleinen Privatbank, der Wert auf Anonymität legt. "Was lässt sich denn da kreativ und diskret machen?", laute eine der Fragen. Manche Gutbetuchte würden sich zu gefährlichen Aussagen hinreißen lassen: "Ich kann es nicht mehr ertragen, dass ich dem Fiskus so viel Geld in den Rachen werfe". Oder: "Wenn ich sehe, was für Leute ich mit meinen Steuern durchfüttere, habe ich keine Lust mehr". Die Anzahl dieser Kunden, die schließlich auch auf Steuerhinterziehung setzen, um sich ihres Frusts zu entledigten, sei allerdings relativ klein. "Die Angst, dass man ihnen auf die Schliche kommt, ist groß", sagt der Bankmitarbeiter.
Infografik: Die Liechtenstein Connection
Dennoch: Hin und wieder muss sich der Bankberater mit derartigen Wünschen auseinander setzen und begibt sich damit in eine heikle Situation: "Wenn ich den Kunden aktiv unterstütze, bin ich dran." Auf der andern Seite: "Wenn ich ihm nicht helfe, tut es ein anderer, und wir verlieren möglicherweise den Kunden", so seine Version. Um sich nicht die Finger zu verbrennen, gelte die Sprachregelung: Dem Kunden könne geholfen werden, indem man ihn an Gesellschaften verweist, in die er "investieren" könne.
Zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, Geld bei einer Liechtensteiner Gesellschaft einzuzahlen, die es dann wiederum in Investmentfonds in fernen Steueroasen anlegt. Die Gewinne müsste der deutsche Kunde dann später in Deutschland eigentlich versteuern, da zwischen Deutschland und Liechtenstein kein Doppelbesteuerungsabkommen besteht. "Darüber kläre ich die Kunden auch auf", sagt der Berater. Die fragten dann stets etwas unsicher: "Kann das Finanzamt denn sehen, welche Gewinne auf meinem Liechtensteiner Konto ankommen?" Die trügerische Antwort darauf lautete bisher: "Nein, auf ihre Konten hat niemand Zugriff."
Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Sie haben mir das doch empfohlen!"
