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Anwältin für Versicherungsrecht: „Als fair würde ich keinen Versicherer bezeichnen“

Beatrix Hüller war Sachbearbeiterin in einer Versicherung. Sie musste Invaliden und Kranken systematisch Leistungen verweigern. Heute ist sie Anwältin und erklärt, wie Versicherer tricksen und Kunden an ihr Geld kommen.

Beatrix Hüller ist heute Rechtsanwältin in Bonn. Sie war früher 1. Sachbearbeiterin und Referentin in einer Versicherung, Abteilung Leben Leistung und Unfall / Berufsunfähigkeit Quelle: Frank Beer für Handelsblatt Quelle:
Beatrix Hüller ist heute Rechtsanwältin in Bonn. Sie war früher 1. Sachbearbeiterin und Referentin in einer Versicherung, Abteilung Leben Leistung und Unfall / Berufsunfähigkeit Quelle: Frank Beer für HandelsblattQuelle: 

Frau Hüller, Sie haben bei einer Versicherung gearbeitet und Geld ausgezahlt, wenn ein Versicherter berufsunfähig wurde oder einen Unfall hatte. War das eine schöne Aufgabe?
Das klingt zumindest so. Ich bin als junge Akademikerin angetreten mit dem hehren Ziel, Leuten zu helfen. Relativ schnell habe ich jedoch festgestellt, dass dies nicht meine Aufgabe war.

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Sondern?
Meine Aufgabe war eher, Leistungen nicht auszuzahlen oder möglichst lang hinaus zu zögern.

Wie haben Sie das gemacht?
Ich habe unendlich viele Formulare angefordert, Fragebögen verschickt, Arztberichte angefordert – und immer wieder nachgefragt. Oft hielt ich den Fall schon für reif, um zu zahlen. Doch wenn ich die Freigabe vom Vorgesetzten brauchte, dann hatte er immer noch eine Idee, um zunächst einmal nicht zu zahlen.

Die Neinsager – was Experten meinen

  • Der Film

    Ein Panorama-Film vom 04. September 2012, „Die Nein-Sager“, löste sehr kontroverse Diskussionen aus. Die Autoren Christian Deker, Christoph Lütgert, Sabine Puls und Kristopher Sell reißen ihren Film so an: „Sie stürzen Tausende in finanzielle und seelische Nöte: Deutsche Versicherungen kassieren Jahr für Jahr, Monat für Monat ihre Prämien. Wenn sie aber gebraucht werden, können sie sich fast ohne Risiko verweigern.“

    Quelle: NDR/Panorama

  • Hans-Peter Schwintowski, Professor für Versicherungsrecht

    „Sie können als Schadensregulierer überlegen, ob sie durch Verzögerung der Schadensregulierung Geld sparen können. Und fast immer können Sie dann Geld sparen, wenn das Opfer selbst keine großen finanziellen Reserven hat, nicht rechtsschutzversichert ist.“

    „Tatsächlich ist es nicht wirklich riskant für die Versicherer, weil die Erfahrung zeigt, dass von allen Fällen, die abgelehnt werden zwischen 2 bis maximal 5 Prozent tatsächlich klagen – und der Versicherer immer dann wenn geklagt wird den Fall aufgreift und jetzt versucht zu vergleichen.“

  • Christoph Lütgert, Fernsehjournalist und Autor

    „Häufig gibt es bei der Schadensregulierung eine fast schon zynische Taktik des Verzögerns und Abweisens. Die wenigsten Menschen trauen sich, gegen Ablehnungsbescheide vorgehen. Manchmal ist es fast schon brutal, wie Versicherungen vorgehen. Da werden zum Beispiel abstruse Gründe vorgeschoben, offenbar um Zeit zu gewinnen oder die Versicherungsnehmer mürbe zu machen.“

    „Da wird Menschen, die vom Schicksal schwer geschlagen wurden und die zu Recht darauf setzen, dass die Versicherung ihre berechtigten Forderungen erfüllt, Schreckliches zugemutet.“

  • Rolf-Peter Hoenen, Präsident des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft

    Hoenen wirft Medien und Anwälten unzulässige Verallgemeinerung von Einzelfällen vor. Manche Anwälte machten Unfallopfern und anderen Geschädigten falsche Hoffnungen auf unberechtigt hohe Entschädigungen, sagte Hoenen der FTD. Der Vorwurf: Versicherer verzögerten in großem Stil die Zahlung oder versuchten, Geschädigte mit Minibeträgen abzuspeisen und in kostspielige Prozesse zu zwingen. "Das zeichnet ein Zerrbild der Branche", sagte Hoenen, der bis 2009 Chef von Huk-Coburg war.

  • Der Versichererverband GDV

    Panorama und NDR Info haben beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nachgefragt. „Grundsätzlich ist es völlig legitim, dass der Versicherer auch zum Schutz der Versichertengemeinschaft überprüft, ob überhaupt ein Leistungsfall vorliegt.[...] Der Versichertengemeinschaft entsteht jährlich ein Schaden durch Versicherungsbetrug von etwa vier Milliarden Euro.“

  • Die Allianz

    „Die erhobenen Vorwürfe sind unbegründet und haltlos. Das Gegenteil ist richtig: Die Allianz reguliert allein in Deutschland jedes Jahr mehr als 3,3 Millionen Schäden. Im Jahr 2011 hat die Allianz in der Schaden- und Unfallversicherung über 5,7 Milliarden Euro an Kunden und Geschädigte ausgezahlt. An einer zügigen Regulierung haben auch Versicherer ein Interesse. Dass Schadenfälle bei der Allianz nach Sach- und Rechtslage so zeitnah wie möglich reguliert werden, spiegelt sich in einer hohen Kundenzufriedenheit und einer geringen Beschwerdequote wider.“

  • Michael Bittner, Unfallopfer-Hilfswerk

    “Täglich sterben 14 Menschen auf deutschen Straßen, rund 1200 werden verletzt. Ein einziger Augenblick kann im wahrsten Sinne des Wortes alles verändern, das Leben eines Unfallopfers genauso wie das der Angehörigen und Unfallbeteiligten.“

    Unfallopfer.de ist nach eigenen Angaben die größte deutschsprachige Plattform im Internet, in der sich Betroffene gegenseitig helfen unter anderem im Kampf gegen Sachverständige, die parteilich für Versicherer Gutachten verfassen.

    Auf zwei Internetseiten tauschen sich Unfallopfer aus. An Versicherungen lassen sie kaum ein gutes Haar.

  • Elmar Fuchs, Fachanwalt für Autorecht

    Experten wie der Fachanwalt für Autorecht und Geschäftsführer des Bundesverbandes der Kfz-Sachverständigen, Elmar Fuchs, schätzen, dass circa zehn Prozent der berechtigten Kostenforderungen den Unfallgeschädigten nicht ausgezahlt werden. Das hieße nach seinen Schätzungen, dass die Versicherer eineinhalb Milliarden Euro pro Jahr sparen. Das systematische Bestreiten von Forderungen hat also offenbar Erfolg.

  • Rechtsanwalt Jürgen Melchior aus Wismar

    „Die Schätzung von zehn Prozent erscheint allerdings allemal realistisch - und ist um so mehr Grund, es bei der Schadensregulierung gar nicht erst mit „Hobbybastelei" zu versuchen, sondern gleich ein verkehrsrechtlich versiertes Anwaltsbüro einzuschalten. In der Tat lassen Versicherungen ihre Rechnungskürzungen nur ungern gerichtlich überprüfen.

Um wie viel Geld geht es da?
In der Berufsunfähigkeitsversicherung geht es um Monatsrenten bis zu 5.000 Euro und mehr im Monat, bei der Unfallversicherung geht es um Kapitalleistungen von 100.000 Euro und mehr bei schweren Schäden – und zusätzlich um eine monatliche Rente von 1.000 Euro und mehr.

Wie viele Fälle haben Sie bearbeitet?
Im Jahr hatte ich rund 600 Fälle.

Wie erfolgreich waren Sie?
Beim ersten Schriftwechsel waren es sicher drei Viertel, die ich abgelehnt habe.

So viel, wie geht das?
In der Unfallversicherung haben wir gezielt nach kritischen Formulierungen in den Unfallanzeigen geschaut. Wenn die Leute sich ungeschickt ausdrücken, hatten wir es relativ leicht. Wir haben einfach festgestellt, dass es sich um keinen Unfall handelt. Dafür gab es vorbereitete Textbausteine, die waren mit Ziffern bezeichnet. Im Computer haben wir auf die Ziffer gedrückt und schon hatten wir das Ablehnungsschreiben.

Und wenn die Leute den Unfall dann noch mal genauer erklärt haben?
Dann haben wir diese Erläuterung in Zweifel gezogen – und oft erneut abgelehnt.

  • 15.12.2012, 13:14 Uhrgrey

    ich bin im rechtsstreit mit der ttk, ansonsten eine gute versicherung, aber bei mir geht es um eine rückwirkend geschriebene krankmeldung, hier versucht die vs aus prinzip den ärzten diese rechtlich, im einzelfall, richtige möglichkeit zu nehmen und lässt sich, in der hoffnung, das ich aufgebe, auf eine viel teurere und langjährige verhandlung ein.

  • 15.12.2012, 12:20 Uhrposchy

    Ich kämpfe selber seit 8 Jahren gegen die RV und Allianz, habe schon zweimal gewonnen und immer noch kein Recht bekommen. Ich habe 2009 einen Peditionsantrag gestellt, der abgewiesen wurde. Von Politikern, die von den Versicherungen Parteispenden erhalten. Nun ist es in aller Munde und auch Frau Leutheusser- "Schnarchberger" musste sich äußern. Es muss sich was ändern, die Versicherungen haben zu viel Macht und das durch die Angst, die diese verbreiten. Überprüft ob Ihr wirklich alle Versicherungen braucht, lasst Euch nicht beschwatzen.

  • 14.12.2012, 06:45 UhrFrank_Palmer

    Guten Tag, danke den Redakteuren u. dem Handelsblatt für den mutigen Artikel, und vor allem auch Dank an Frau Hüller. Präzise nach diesem System ist die DAK-Gesundheit in meinem Fall vorgegangen: Nicht antworten, abwiegeln, ablehnen u. immer auf Zeit spielen. Falls Sie interessiert sind, können Sie eine genaue Auflistung u. alle Fakten und Nachweise zur Veröffentlichung erhalten.
    Es wäre auch m.E. nun am Handelsblatt, zu recherchieren, wieviel von dem den Versicherten vorenthaltenen Geld in den gebunkerten 22 Milliarden Euro stecken. MfG Frank Palmer

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