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Systemstreit: Die PKV wird selbst zum Patienten

exklusivDie private Krankenversicherung muss reformiert werden. Das räumen selbst die Regierungsparteien ein. Der Dauerbeschuss von SPD, Grünen und der Linke gegen die Privaten und für eine Bürgerversicherung wirkt.

„Patient“ Krankenversicherung: An der Besserung arbeiten die Politiker. Quelle: Getty Images
„Patient“ Krankenversicherung: An der Besserung arbeiten die Politiker. Quelle: Getty Images

DüsseldorfDeutschland auf dem Weg in die Bürgerversicherung? Darüber diskutieren heute in Berlin auf der Euroforum-Tagung „Krankenkassen 2013“ Politiker aller wichtigen Parteien. Im Visier haben sie dabei jedoch nicht die gesetzliche Krankenversicherung, sondern die private, die PKV.

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SPD, Linke und Grüne wissen zwar noch nicht, wie sie die Bürgerversicherung aufstellen sollen. Doch in einem Punkt sind sie sich einig: im Feindbild. Das ist die PKV, die zwar nicht abgeschafft werden kann, aber irgendwie zurecht gestutzt werden soll.

GKV gegen PKV: Was die Kämpfer fordern

  • Debatte

    Politiker, Manager und Ökonomen diskutieren seit Monaten über die Zukunft der Krankenversicherung in Deutschland. Einige Auszüge.

  • PKV-Direktor Leienbach

    Volker Leienbach, PKV-Verband:
    „Deutschland hat dank seines Zwei-Säulen-Systems aus Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung eine auch im internationalen Vergleich hervorragende Gesundheitsversorgung mit kurzen Wartezeiten, freier Arztwahl und medizinischem Fortschritt für alle.“

  • Die Linken

    Der Linken-Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg sagte dem Handelsblatt: „Die Zahlen der Bundesregierung belegen, dass die PKV ihre besten Zeiten hinter sich hat.“ Beiträge und Ausgaben stiegen rasant und deutlich stärker als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Zinsentwicklung bei den Alterungsrückstellungen zeige, dass die PKV nicht demographiefest sei. 

  • FDP

    FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann fordert "grundlegende Veränderungen" von der Branche. „Ich bezweifle, ob die Vollversicherung in der heutigen Gestalt in der Zukunft noch so bestehen bleiben kann“, sagte er dem „Stern“.

  • Gesundheitsökonom

    Können die Versicherer überhaupt noch 3,5 Prozent am Kapitalmarkt erwirtschaften?
    Professor Jürgen Wasem:
    „Im Moment gelingt das noch, weil die Alterungsrückstellungen langfristig angelegt sind. Doch auf Dauer ist das zu bezweifeln, vor allem wenn die Kapitalmarktzinsen so niedrig bleiben wie derzeit. In der Lebensversicherung wurde daher der Garantiezins ja bereits auf 1,75 Prozent gesenkt.“

  • AOK

    Jürgen Graalmann, Verbandschef der Krankenkassengruppe AOK:
    „Ich halte das Geschäftsmodell der PKV im Bereich der Vollversicherung für gescheitert.“

  • Barmer GEK

    Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der größten Krankenkasse Barmer GEK:
    „Ich bin nicht dafür, die PKV abzuschaffen, sondern für einen fairen Wettbewerb beider Systeme. Allerdings müssen die privaten Krankenversicherer eine Reihe von Problemen angehen."

  • Debeka

    Uwe Laue, der Vorstandsvorsitzende des mit 2,2 Millionen Vollversicherten größten privaten Krankenversicherers:
    "Die PKV ist die bessere Alternative im Gesundheitswesen.“ Laue beklagt eine „Anti-PKV-Propaganda, bei der Einzelfälle ohne Hintergründe und Beweise skandalisiert werden, um ein funktionierendes System Schritt für Schritt kaputt zu reden“.

  • Signal Iduna

    Die Krankenkassen halten das Geschäftsmodell der PKV für gescheitert. Hat ihr letztes Stündchen bald geschlagen? 

    Reinhold Schulte, Chef des PKV-Verbandes und des Versicherers Signal Iduna:
    „Jedes Jahr wechseln deutlich mehr Menschen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die Private Krankenversicherung als in umgekehrter Richtung. Gegenteilige Behauptungen sind absurd und nachweislich falsch. Wenn einzelne Vertreter gesetzlicher Krankenkassen versuchen, einen anderen Eindruck zu erwecken, ist das nicht seriös.“

     

Zu einer der schärfsten Kritiker hat sich dabei zuletzt Biggi Bender von den Grünen aufgeschwungen. „Die PKV ist nicht zukunftsfähig – diese Haltung ist inzwischen in der Politik weit verbreitet, nicht nur im linken Spektrum“, sagte sie Handelsblatt Online.

Letztlich bezahle die PKV nur Rechnungen. Die privaten Krankenversicherer, die rund neun Millionen Deutsche voll versichern, hätten keine Verträge und könnten weder die Qualität noch die Menge von Gesundheitsleistungen beeinflussen. Die Folge sei etwa eine immense Überversorgung im ambulanten Bereich. Die Kunden zahlten dafür mit ihren Prämien. Diese stiegen viel stärker als in der GKV.

Aufgepasst! Die Tricks der Krankenversicherer

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Darüber hinaus sei die PKV auch der demographischen Entwicklung nicht gewachsen, sagte die Grünen-Politikerin. „Die Altersrückstellungen der Branche reichen nicht annähernd aus, um den Beitragsanstieg im Alter in Grenzen zu halten“, glaubt Bender im Gegensatz zur Branche. Der PKV-Verband hebt gerade das hohe Niveau der Altersrückstellungen hervor.

Bender sagt dagegen: Man müsse doch bedenken, dass es derzeit noch gar nicht viele Hochbetagte in der PKV gibt. Denn die Älteren seien bisher relativ schnell wieder weg aus der PKV gewesen, wenn ihre Beiträge im Alter das GKV-Niveau erreichten oder überschritten. „Die eigentliche Welle von Älteren kommt jetzt erst in der PKV an. Die Folge wird sein: ständig steigende Prämien.“

Die Beitragsspirale in der PKV

  • Rechenspiele

    Die Beitragssteigerung in der PKV ist umstritten. Das Problem: Es gibt keine verlässlichen Zahlen der Branche. Ein Überblick über verschiedene Berechnungen von Experten.

  • Mittelwerte

    Die Ergebnisse hängen von den Berechnungsmethoden ab. Wichtig: In den meisten Fällen handelt es sich um Durchschnitte, die natürlich sowohl nach oben wie nach oben vom Mittelwert abweichen können.

  • Tendenz

    Angestellte bezahlen eher überdurchschnittlich mehr, Beamte eher unterdurchschnittlich.

  • Männer

    Laut Morgen & Morgen stiegen die Beiträge für Neuverträge dieses Jahr um 4,4 Prozent. Männer zahlen überproportional mehr:

    2006: 4,54%

    2007: 4,91%

    2008: 4,55%

    2009: 5,37%

    2010: 5,62%

    2011: 5,67%

    2012: 5,24%

  • Frauen

    Bei weiblichen Versicherten fallen die Steigerungen in diesem Jahr deutlich niedriger aus.

    2006: 3,87 %

    2007: 4,29 %

    2008: 3,46 %

    2009: 3,94 %

    2010: 4,20 %

    2011: 4,29 %

    2012: 3,87 %

  • 2001 bis 2012: Beitragssteigerung laut Map-Report

    Schnitt über 12 Jahre: 4,1 Prozent

    2012: 1,98%
    2011: 4,95%
    2010: 6,97%
    2009: 1,23%
    2008: 2,71%
    2007: 4,89%
    2006: 3,37%
    2005: 2,77%
    2004: 6,86%
    2003: 5,28%
    2002: 4,51%
    2001: 3,65%

  • 2006 bis 2011: Beitragsanstieg laut Assekurata

    Schnitt über sechs Jahre: 4,18 Prozent
    Schnitt Angestellte: 4,8 Prozent

    2011: 4,17%
    2010: 6,75%
    2009: 2,23%
    2008: 3,72%
    2007: 2,74%
    2006: 5,46%

  • 2006 bis 2010: Prämie je Vollversicherter

    Schnitt über fünf Jahre: 2,88 Prozent

    2010: Prämie: 2706,10 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,67%
    2009: Prämie: 2560,94 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,54%
    2008: Prämie: 2522,20 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,66%
    2007: Prämie: 2480,91 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,69%
    2006: Prämie: 2415,99 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,87%

    Quelle: Zahlenbericht der PKV

  • 2001 bis 2005: Prämie je Vollversicherter

    Schnitt über zehn Jahre: 4 Prozent

    2005: Prämie: 2348,64 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,60%
    2004: Prämie: 2289,15 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,95%
    2003: Prämie: 2160,60 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 7,73%
    2002: Prämie: 2005,53 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,32%
    2001: Prämie: 1904,22 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 4,00%

  • 1996 bis 2004: Prämie je Vollversicherter

    Schnitt über 15 Jahre: 3,73 Prozent

    2000: Prämie: 1831,05 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,55%
    1999: Prämie: 1768,28 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,67%
    1998: Prämie: 1705,69 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,07%
    1997: Prämie: 1654,88 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,32%
    1996: Prämie: 1617,42 Euro: Veränderung zum Vorjahr: 3,27%

  • Die Inflationsraten: 1989 bis 2011

    Schnitt: 2,2 Prozent

Ihr Fazit lautet daher: „Dieses System ist hoffnungslos überfordert. Es implodiert von innen.“ Das Parlament in Berlin könne zwar nicht entscheiden, die PKV dicht zu machen. Doch klar sei für die Grünen: „Die PKV sollte sich mittelfristig an der GKV orientieren.“

  • 28.01.2013, 14:43 Uhr

    Selten so eine Stuss gelesen wie in diesem Beitrag, in dem echte Probleme mit Lösungsansätzen gepaart werden, die mit den Problemen eigentlich nichts zu tun haben.
    und das nur, weil die Politik an die Gelder der PKV Versicherten ran will und dazu sehr gute Chancen hat, wenn die PKV abgeschafft würde.
    Das ist deshalb so, weil die Versicherten eben nicht einen persönlichen Anspruch auf die Altersrückstellungen haben, weil der Gesetzgeber dies bei Einführung nicht wollte. jede Wette, das der Staat diese Gelder kassiert mit der Begründung die fehlende bisherige Einzahlung im gesetzlichen System zu kompensieren.

    Bevor man über eine Bürgerversicherung schwadroniert, sollte erst mal ein Konzept dafür her. Bis jetzt sieht es eher so aus, als sei nur der Name neu und der Inhalt ist klassische gesetzliche Versicherung, die aber mindestens ebenso marode ist, wie die Privaten.

    Also was wollen uns die Grünen da auftischen?
    Ich bezweifle heftig das es wirklich um eine optimale Lösung geht.

    H.

  • 28.01.2013, 15:08 Uhr

    Erstaunlich, dass niemand mal was dazu schreibt, wie diese beiden Systeme in unserem Land gewachsen sind.
    Klar muss jedoch eigentlich jedem sein, dass das System PVK von seiner Konstruktion her natürlich das tragbarere, weil in sich geschlossene System darstellt. Es beruht nämlich auf dem Deckungverfahren, nicht auf der Finanzierung durch folgende Generationen. Dass nun keine ordentliche Verzinsung des Kapitals mehr erzielt werden kann, ist wohl kaum das Verschulden der PKV, wohl aber der sogenannten "Euro-Retter"...

  • 28.01.2013, 15:17 Uhr

    Der Ansatz der Grünen, die Vollversicherung in der PKV denselben Bedingungen zu unterwefen wie die GKV, würde zumindest fairen Wettbewerb um die Versicherten bedeuten. Keine Einheitskasse, aber fairer Wettbewerb im Standardtarif:
    - keine Gesundheitsprüfung
    - kostenlose Mitversicherung der Kinder
    - kostenlose Mitversicherung des nicht arbeitenden Ehepartners
    - über den Standardtarif hinausgehende Leistungen (gegen Aufpreis) problemlos zubuchbar
    - Freiheit für die GKV, kostenpflichtige Wahlleistungen selbst gegen Beitragszuschlag mitzuversichern

    Dann schauen wir mal, was sich der Markt entwickeln wird. Eine schöne Idee ...

    Zum Thema Demografieresistenz kann ich übrigens auch etwas beitragen: Meine Schwiegermutter (84) ist seit Jahrzehnten privat krankenversichert. Im Rentenalter sind dann ihre Beiträge regelrecht explodiert, was sie zunächst mit immer höherem Selbstbehalt und Leistungsausschlüssen für Zahnersatz und Zahnbehandlung einzudämmen versuchte. Als auch das nicht mehr bezahlbar war, wechselte sie in den (der PKV von der Politik glücklicherweise aufgezwungenen)Standardtarif.

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