1. Teil: Altersvorsorge im Zinstief
Wie Mario Draghi Ihre Rente kürzt

Die gesetzliche Rente ist nicht mehr sicher. Nun schwächelt auch die private Vorsorge, weil die EZB die Zinsen abschafft. Warum Sparer beim Blick in die Zukunft jetzt umdenken müssen. Das Tool der Woche.
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DüsseldorfSo hatte sich Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) die Sache sicherlich nicht vorgestellt. Ihr Rentenpaket sollte allen zugutekommen. Die, die ihr Leben lang geschuftet haben, sollten früher in Rente gehen können. Die, die über Jahre Kinder erzogen hatten, sollten dies bei der Rente angerechnet bekommen. Schließlich die ganz normalen Beitragszahler – sie sollten weniger von ihrem Gehalt an die Rentenkasse abzwacken müssen. Doch schon scheinen die Geldgeschenke die Rentenkasse zu strapazieren. Bereits jetzt müsse die Deutsche Rentenversicherung auf Rücklagen zurückgreifen, warnte ihr Präsident Axel Reimann im Handelsblatt. Sofern der Staat nicht extra zuschießen wolle, müsse der Rentenbeitrag schon 2018 wieder steigen.

Für viele Arbeitnehmer dürften diese Neuigkeiten eine Enttäuschung gewesen sein. Behält Reimann recht, müssen sie früher als gedacht wieder mehr berappen. Ob der Rentenbeitrag 2030 tatsächlich nur 22 Prozent beträgt – wie man ursprünglich annahm – ist damit ebenfalls fraglich. Nur eines ist sicher: Im Alter bleibt in jedem Fall weniger gesetzliche Rente. Seit 2001 sinkt das Rentenniveau sukzessive, seit 2004 werden gesetzliche Renten besteuert. Bekommt ein Rentner heute noch 48 Prozent des durchschnittlichen Erwerbseinkommens (nach Abzug von Sozialbeiträgen, aber vor Steuern), sollen es 2030 nur noch rund 43 Prozent sein. Der zu versteuernde Rentenanteil wird von heute 70 auf dann 90 Prozent steigen.

Schuld ist der demografische Wandel in Kombination mit dem umlagefinanzierten Rentensystem. Das führt dazu, dass immer weniger Erwerbstätige die Rente von immer mehr Älteren finanzieren müssen. Rückblickend sind die meisten Ökonomen überzeugt, dass die damalige Regierung Schröder richtig gehandelt hat, die umlagefinanzierten Renten schrittweise zurückzufahren. Nur so habe man nachfolgende Beitragszahlergenerationen entlasten können. „Das Ganze war ein Kompromiss zwischen den Generationen“, sagt etwa Jochen Pimpertz, Rentenexperte am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

Müssten nun Arbeitnehmer nur bei der gesetzlichen Rente zurückstecken – sie würden es vielleicht noch zähneknirschend akzeptieren. Doch mehr denn je stehen jetzt auch betriebliche und private Renten – die Säulen zwei und drei des deutschen Altersvorsorgesystems – auf dem Spiel.

Wie prekär die Lage bei den Privatrenten, bei den Riester- und Rürup-Renten wirklich ist, stellt Handelsblatt Online in einer Serie ab dem kommenden Donnerstag vor. Das Analysehaus Morgen & Morgen hat dabei exklusiv ausgewertet, welche Renditen Kunden noch erwarten können – und welche Gesellschaften die Nase vorn haben. Der Schnellcheck auf Handelsblatt Online zeigt, wie viel sie bis zum Alter zurücklegen müssen, um eine bestimmte Rentenauszahlung im Alter zu erhalten.

Jahrzehntelang waren neben einer üppigen gesetzlichen Rente auch Betriebspensionen und satte Erträge aus der Lebensversicherung für Rentner der Garant, im Alter ihren Lebensstandard halten zu können. Arbeitnehmer heute blicken neidvoll auf eine goldene Rentnergeneration, die zum Teil mit 55 oder 60 Jahren in den Vorruhestand gegangen ist, ohne große Abstriche machen zu müssen. Wer Ende der 1990er-Jahre eine Lebensversicherung besaß, konnte sich noch über Beitragsrenditen von sieben Prozent und mehr freuen. Im Durchschnitt gelang es Lebensversicherern damals, Zinsen in Höhe von 7,5 Prozent auf ihre Kapitalanlagen zu erzielen – außerordentliche Erträge mit eingerechnet.

„Wir haben heute ein Versorgungsniveau der Älteren, wie wir es zuvor nie hatten“, sagt denn auch Ökonom Pimpertz. „Doch das wird es alles so nie wieder geben.“ Die Zeiten, in denen betriebliche und klassische private Vorsorge die gesetzliche Rente verlässlich ergänzt haben, sind also vorbei.

Kommentare zu " 1. Teil: Altersvorsorge im Zinstief: Wie Mario Draghi Ihre Rente kürzt"

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  • Seien wir doch ehrlich! Dass die staatliche Altersvorsorge immer kritischer wird ist nicht neu. Und bei einer veraltenden Bevölkerung wird es für die jüngere Generation nicht besser… Nur, mit solchen Wahrheiten gewinnt keine Partei eine Wahl, weshalb der Mut zur Reform selten in Erscheinung tritt. Wer für sein Alter versorgen will, muss sich nicht auf den Staat verlassen, sondern privat versorgen (hierfür gibt es auch staatlich beförderten Produkten). Da die Staaten deren Verschuldung billig finanzieren müssen, um durchhalten zu können, hilft die EZB mit einer Niedrigzinspolitik. Wer zahlt: Die Sparer! Es ist zwar eine Schweinerei, aber vielleicht der geringster Übel vor einer Staatspleite… Viele Versicherungen werden immer weniger Kontrakte mit höheren garantierten Zinsen honorieren können. Deshalb stimme ich zu, dass die Sparer im Hinblick auf die Zukunft umdenken müssen. Generell bieten die neuen Rentenversicherungsprodukte weniger Garantie, aber höhere Ertragschancen und Flexibilität mit Hilfe von Fonds. Die reichsten dieses Landes legen auch nicht deren finanziellen Mitteln in Sparbücher an!

  • Sehr geehrter Herr Heckner,

    ich stimme mit Ihnen vollkommen überein, dass nur die wenigsten den Mut haben, mit Aktien und Immobilien zu diversifizieren. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Beschwerden, dass es dann keine Zinsen mehr gibt, sollten diese Personen aber dann tunlichst vermeiden. Ein (erfolgreicher) Unternehmer, der i.d.R. ein hohes Risiko trägt, wird sich (wenn er will) einen Porsche kaufen können. Ein Beamter wird sich so einen Wagen richtigerweise nicht leisten können.

  • "Ist der Abschluss einer klassischen Lebensversicherung noch attraktiv?" Selbstverständlich! Nur nicht für den Versicherungsnehmer. Seit das neue Lebensversicherungsreformgesetz die Versicherten offiziell und mit gesetzlicher Legitimation enteignete, sind Lebensversicherungen aus Sicht der Versicherer ein einträgliches Geschäft. An den Bewertungsgewinnen nehmen die Versicherten nicht mehr teil. Die Bewertungsverluste werden ihnen nach HGB-Vorschrift durchbelastet. Zu allem Überdruss haben die Lebensversicherten den Aktionären auch noch die Dividende zu sichern. Man möge nur nichts mehr über kommunistische Verhältnisse sagen. Dieser Vorstoß geht mit aller Brutalität aber in die entgegen gesetzte Richtung. Wenn Betroffene hier Korruption der Abgeordneten ausmachen wollen, dann ist dem wahrscheinlich wenig entgegenzusetzen sein. Anders ist dies wirklich nicht erklärbar.

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