Altersvorsorge, Immobilien, Baugeld
„Das grenzt an Betrug“

Die Altersvorsorge der Versicherer schwächelt. Daher rät der Chef von Deutschlands größter Verbraucherzentrale zu Aktien. Wie Kunden auch beim Immobilienkauf und bei der Baufinanzierung in die Falle tappen.
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DüsseldorfSo sieht Klartext aus. „Wir warnen vor dem Abschluss einer Lebenspolice“, erklärt Wolfgang Schuldzinski, neuer Vorstand der Verbraucherzentrale NRW im ersten Teil des Interviews mit Handelsblatt Online. Die Riester-Renten hätten „leider auch nicht funktioniert“, erklärt der Chef von Deutschlands größter Verbraucherzentrale. Sein Fazit zu Wohnriester-Verträgen fällt ebenfalls nicht gerade überschwänglich aus: „Wir halten das Produkt für undurchschaubar.“
Mit Blick auf die kleine staatliche Rente müssen die Deutschen aber privat vorsorgen. Wie soll das funktionieren? Schuldzinski empfiehlt Aktien. Das ist bemerkenswert, weil vielen Verbraucherschützern die Börse noch vor einigen Jahren wie ein Spielkasino vorkam. Bemerkenswert ist auch, was der Finanzexperte zu Immobilien und zur Beratung der Banker zu sagen hat.

Herr Schuldzinski, im ersten Teil unseres Gesprächs haben Sie kein gutes Haar an den Versicherern gelassen. Aktien seien eine Alternative für Altersvorsorge-Sparer. Das ist ein etwas ungewöhnlicher Rat für einen Verbraucherschützer.
Mein Plädoyer für Aktien bedeutet natürlich nicht, dass alle Sparer ihre Verträge für die Lebensversicherung sofort kündigen sollten, vor allem wenn die Verzinsung noch hoch ist. Für Berufseinsteiger ist dieses Produkt für die Altersvorsorge aber nicht mehr geeignet.

Die Aktienkurse notieren aktuell auf historischen Höchstständen. In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder Börsencrashs.
Auch das ist mir bewusst. Aktien sind ein langfristiges, solides Investment. Ich rate nicht zur wilden Spekulation. Ein bewusster Einstieg in den Aktienmarkt ist etwas anderes als der Kauf von Kontrakten auf Schweinebäuche – in der Hoffnung, dass in den USA morgen die Schweinepest ausbricht und meine Titel in die Höhe schießen. Wir wissen, dass Aktien langfristig eine gute Wertentwicklung aufweisen.

Fürchten Sie keine Verluste?
Wenn in ein paar Jahren die Zinsen wieder steigen, werden die Kurse natürlich nachgeben. Die private Altersvorsorge ist aber kein Projekt, bei dem man an das Geld in drei Jahren wieder dran möchte, wenn die Börsenkurse gerade im Keller sind.

Wie sollten Altersvorsorge-Sparer in Aktien investieren?
Die Zockerei auf einzelne Titel bringt nichts. Es ist besser breit zu streuen, etwa in ETFs oder Fonds-Sparpläne. Aber so ein Rat ist in Deutschland beinahe revolutionär.

Warum tun sich die Deutschen so schwer mit der Börse?
In Deutschland investieren sehr wenige Personen in Aktien, das stimmt. Der Schock nach dem T-Aktien-Trauma und der Blase in den frühen 2000er-Jahren sitzt vielen offenbar noch tief im Nacken. Den Crash nach der Lehman-Pleite nicht zu vergessen.

Kommentare zu " Altersvorsorge, Immobilien, Baugeld: „Das grenzt an Betrug“"

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  • "Zum Schutz der Verbraucher hat der Gesetzgeber die Anlagemöglichkeiten der Versicherer stark eingeschränkt..."
    Merken Sie den Widerspruch?
    Einerseits wird erklärt, das Aktien für Lebensversicherungen nicht sicher genug sind, andererseit wird von den gleiche Leuten gepredigt, die Leute sollen sich statt Lebens- und Rentenversicherungen Aktien zulegen.
    Natürlch sind Aktien und Aktionenfonds mit mehr Risiko verbunden, als eine Lebensversicherung.

  • @ D.Te.: "Wenn die Aktien und Aktionfonds so risikolos sind, warum steigen die Versicherer nicht großzügig ein, um den Minizinsen zu entgehen?" Weil sie es nicht dürfen. Zum Schutz der Verbraucher hat der Gesetzgeber die Anlagemöglichkeiten der Versicherer stark eingeschränkt, auf Produkte mit gutem Rating und stabilen Erträgen. Das wiederum hat den Rating-Agenturen erst ihre Macht gegeben, da die Versicherer sich nach den Ratings orientieren müssen.

  • @ D.Te.: "Wenn die Aktien und Aktionfonds so risikolos sind, warum steigen die Versicherer nicht großzügig ein, um den Minizinsen zu entgehen?"

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