Anzug simuliert Einschränkungen
Um Jahrzehnte gealtert

Wie fühlen sich Senioren beim Autofahren? Ein spezieller Anzug lässt das nachempfinden. Wirtschaftswoche-Redakteur Thomas Katzensteiner hat ihn anprobiert.

Wie bekomme ich jetzt bloß die Tür wieder zu? Seit fünf Sekunden versuche ich mich an der simplen Aufgabe. Ohne viel Erfolg quäle ich mich ab. Meinen linken Arm kann ich nicht richtig strecken, meinen Kopf und meine Hüfte nur mit Mühe drehen. Und so halte ich mich mit der rechten Hand mühsam am Lenkrad des Ford S-Max fest, während die Linke nach dem Türgriff der etwas zu weit aufgeschwungenen Tür tastet. Es kostet einige Kraft, bis es endlich klappt.

Der Grund für die ungewohnte Schwerfälligkeit ist ein Anzug, den normalerweise Ingenieure von Ford anlegen, um die Einschränkungen zu simulieren, mit denen ältere Menschen beim Autofahren fertig werden müssen. Ich bin 31 Jahre alt, stecke nun in dem Anzug, der mich gefühlt um zwei bis drei Jahrzehnte altern lässt. Wie viel genau, können auch die Ford-Entwickler nicht sagen - das hängt von der physischen Konstitution des Trägers ab. Fest steht aber, dass ich nun einige Probleme habe, die mir noch fremd sind. Spezielle Bandagen an den Gelenken schränken nicht nur meinen Aktionsradius ein, sondern mindern auch die Kraft, die ich mit Beinen und Armen ausüben kann. Für die Entwickler ist das wichtig: Während ein trainierter 40-Jähriger die Handbremse durchschnittlich noch mit einer Kraft von 295 Newton ziehen kann, sind es bei einer 60-jährigen Frau nur noch 100 Newton - in etwa die Kraft, mit der ein Zehn-Liter-Eimer Wasser Richtung Boden zieht.

Noch mehr als der Anzug schränkt mich die gelbe Brille ein, die zum Senioren-Simulations-Outfit gehört. Sie hat die gleiche Wirkung wie die bei älteren Menschen häufig vorkommende Netzhauttrübung. Mein erster Reflex: Wer so schlecht sieht, sollte gar nicht Auto fahren. Doch "das Gehirn gleicht die Beeinträchtigung ein Stück weit aus", erklärt mir Clemens Marek, bei Ford verantwortlich für die ergonomische Sitz- und Interieurgestaltung. Mag sein, mein Gehirn schafft es jedenfalls nicht, die gelblich verschleierte Umgebung während des 45 Minuten dauernden Tests in ein halbwegs klares Bild zu verwandeln. Immerhin, nach einiger Zeit finde ich mich auch so auf dem Armaturenbrett zurecht.

Auch die Tasten für die Klimaanlage, die eben noch seltsam groß wirkten, erscheinen mir plötzlich genau richtig dimensioniert. Und auch die aufgerauten Oberflächen an den Rädchen für die Lüftungsdüsen oder die Einstellung des Scheibenwischintervalls sind auf einmal mehr als optischer Schnickschnack, weil ich sie trotz meines durch zwei Lagen Latex-Handschuhe gedämpften Tastsinns intuitiv finde, ohne den Blick von der Straße abwenden zu müssen.

Hätte ich den gleichen Test vor zwölf Jahren gemacht, als Ford damit begann, die Bedürfnisse älterer Autofahrer zu erforschen, wäre mir vieles wohl deutlich schwerer gefallen, wenn nicht gar unmöglich gewesen. "Zu Beginn unserer Forschungen haben wir uns zum ersten Mal damit beschäftigt, wie stabil ein Lenkrad eigentlich sein muss, damit ein 150-Kilo-Mann sich daran hochziehen kann", erzählt Marek.

Als ich Anzug und Brille wieder abgelegt habe, überlege ich, was mir an dem Cockpit aus Sicht eines jungen Autofahrers nicht gefällt. Und komme zu dem Schluss, dass ich nichts ändern würde. Alles wirkt aufgeräumt und sitzt genau da, wo ich es vermute. Und klobig sieht es auch nicht aus. "Unsere Untersuchungen zeigen immer wieder, dass fast alles, was ältere Autofahrer schätzen, wie etwa eine gute Übersicht über die Straße oder einfache Bedienung, auch jüngeren Fahrern angenehm ist. Ein spezielles Seniorenauto ist deshalb unnötig", sagt Entwicklungsingenieur Marek, "und außerdem würde es wohl keiner kaufen." Die ästhetischen Ansprüche bleiben - auch im Alter.

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