Bernd Raffelhüschen im Interview
„Länger arbeiten für immer weniger Rente“

Die Nachhaltigkeitslücke des Systems konnte mit Rentenreformen teilweise geschlossen werden. Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen sieht aber einen erhöhten Bedarf an privater Vorsorge.
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Herr Professor Raffelhüschen, was bedeutet die Alterung und Schrumpfung der deutschen Gesellschaft wirklich für die Nachhaltigkeit der Sozialsysteme?

Die demografische Entwicklung ist eine wirkliche und neue Krise. Sie zwingt uns zu grundlegenden Reformen der Sozialsysteme, wenn wir die Nachhaltigkeitslücke schließen wollen. Sie wird allerdings auch positive Begleiterscheinungen haben, etwa einen starken Anstieg der Reallöhne und der Lohnquote zulasten der Kapitaleinkommensquote.

Gehen wir mal die Sozialsysteme der Reihe nach durch. Wie sieht es bei der Rente aus?

Im Rentensystem sind drei Viertel des Reformwegs geschafft. Die Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors in die Rentenversicherung war faktisch die größte Rentensenkung der deutschen Geschichte. Das hat damals keiner gemerkt, aber inzwischen haben die Arbeitnehmer begriffen, dass sie länger arbeiten müssen und dafür weniger Rente zu erwarten haben als frühere Generationen. Dafür ist die Nachhaltigkeitslücke in diesem Bereich vom doppelten Bruttoinlandsprodukt auf ein halbes BIP geschrumpft.

Also können wir die Hände in den Schoß legen?

Wir dürfen jetzt nicht die Reformerfolge durch neue Wohltaten wie die von Frau von der Leyen vorgeschlagene Zuschussrente gefährden. Irgendwann wird auch eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters notwendig werden. Aber darüber müssen wir erst ab 2030 reden – und wir sollten auch nicht früher darüber reden, weil das die Menschen verunsichern würde.

Wenn Sie die Zuschussrente ablehnen, was können wir stattdessen gegen die Altersarmut tun?

Wir haben im Moment, anders als die breite Diskussion in den Medien suggeriert, kaum Altersarmut. Rentner sind sogar die Bevölkerungsgruppe, die am wenigsten von Armut betroffen ist. Das wahre Armutsproblem liegt bei Kindern, unqualifizierten Jugendlichen und alleinerziehenden Müttern. Altersarmut wird als Massenphänomen nicht vor 2030 auftreten, und es reicht, wenn wir uns dann darum kümmern.

Und wie?

Renten unter der Sozialhilfegrenze werden Menschen bekommen, die nicht lückenlos gearbeitet oder sehr niedrige Löhne bezogen haben. Aber für diese Menschen sollten die Sozialämter zuständig sein, die ihre Bedürftigkeit prüfen. Es spricht ja nichts dagegen, den Betroffenen einen Aufschlag auf den Sozialhilfesatz zu zahlen. Von einer Zuschussrente, die alle kleinen Renten auf einen bestimmten Satz aufstockt, würden aber auch Menschen profitieren, die neben der gesetzlichen Rente andere Einkommensquellen haben, etwa betriebliche Renten, Miet- und Kapitaleinnahmen. Warum soll ein kleiner Steuerzahler für diese Rentner eine Aufstockung finanzieren?

Kommentare zu " Bernd Raffelhüschen im Interview: „Länger arbeiten für immer weniger Rente“"

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  • Es spricht mal wieder der Verkäufer der Versicherungswirtschaft und des Kapitals, nichts anderes ist der "feine Herr". Da braucht man keinen Cent drauf zu geben, alle seine Aussagen sind nur dafür konstruiert, der Finanzwirtschaft Geld zuzuschanzen.

  • Herr Raffelhüschen ist kein Wirtschaftswissenschaftler sondern bekanntermaßen ein von der Versicherungswirtschaft bezahlter und korrupter Professor, der für Zigtausende von Euros Schulungen für Versicherungsvertreter hält. Sie sollten sich schämen, so eine Propaganda zu verbreiten!

  • Zitat: "Die Zulage, die der Staat dazugibt, wird in der Regel von den Verwaltungsbebühren aufgezehrt".
    Wie wäre es dann mal mit einer Initiative im ERGO- Aufsichtsrat, dieser Selbstbedienungsmentalität Einhalt zu gebieten?

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