Erbe
Das dicke Geschäft mit toten Konten

Der Weg zum Erbe kann manchmal schwieriger sein als man denkt. Die Banken profitieren vom nicht genutzten Geld der Verstorbenen und erschweren den Erben deswegen den Zugriff auf das von ihnen verwaltete Vermögen.
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Otto Beier ist einer ihrer schwierigsten Fälle. In einer schlichten grauen Pappmappe steckt seine Vergangenheit. Papiere, Dokumente und Notizen, zusammengehalten von einem beigen Stoffgurt. Sybille Wolf-Mohr rollt einen meterlangen Stammbaum auf dem Schreibtisch aus.

Sechs DIN-A4-Seiten hat sie hintereinander geklebt. Viele Rechtecke mit Namen, durch Linien verbunden. Im Zentrum, rot unterlegt, Otto Beier, der natürlich anders hieß. Sechs Jahre hat Wolf-Mohr, schlichte weiße Bluse, enge Jeans, auffällige Brille, an dem Stammbaum gepuzzelt. Sie ist Erbenermittlerin, für ihre Kunden sucht sie auf der ganzen Welt nach Nachfahren.

Oft findet sie die in der dritten und vierten Generation, 20 Erben seien keine Seltenheit, erzählt die zierliche Bankkauffrau, deren feine Lachfältchen davon zeugen, dass ihr Job nicht so tod-trist ist, wie es scheint. Im Regal hinter ihr stapeln sich die grauen Pappmappen mit den Fällen.

Otto Beier war alleinstehend und kinderlos, hatte aber über zahlreiche Geschwister seiner Eltern diverse Cousinen und Cousins, die ihrerseits viele Kinder bekommen haben. Einer dieser Cousins sitzt nach Otto Beiers Ableben in Wolf-Mohrs Büro in Iffezheim, einem kleinen Ort bei Baden-Baden. Seine Vermutung: Beier habe mehrere Immobilien und ein größeres Bankvermögen hinterlassen.

Wo genau, das wisse er nicht. Auch nicht, wer neben ihm noch erbberechtigt sei. Aber ohne seine Miterben darf sich der Cousin bei den Banken nicht auf die Suche nach dem vermuteten Vermögen machen. „Diese Fälle sind gar nicht so selten“, sagt Wolf-Mohr. Oft wüssten Verwandte gar nicht, dass sie erbberechtigt sind. Oder könnten nicht alle Erben ausfindig machen.

Es sind Stammbäume wie der von Otto Beier, die erklären, warum deutsche Banken und Sparkassen in ihren Verzeichnissen teilweise Hunderttausende Sparbücher, Konten und Depots haben, auf denen nichts mehr passiert. Vergessene Konten ohne Ein- oder Auszahlungen, Depots, in denen das letzte Wertpapier vor vielen Jahren gehandelt wurde.

Totes Vermögen, weil es keine direkten Erben gibt. Als nachrichtenlos werden diese Konten bezeichnet, wenn über ein paar Jahre kein Kontakt zum Besitzer besteht und Post als unzustellbar wieder bei der Bank landet. Schätzungen gehen schon heute davon aus, dass in Deutschland zwischen zwei und neun Milliarden Euro auf solchen Konten schlummern. Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen.

Weil immer mehr Menschen ihre Konten online führen und sie den Wohnort häufiger wechseln, dürften in den nächsten Jahren noch viel mehr Konten nachrichtenlos werden. Allein bei der Sparkasse Dortmund ist die Zahl der nachrichtenlosen Konten seit Anfang 2016 um 50.000 auf insgesamt 250.000 gewachsen.

Exakte Zahlen für alle Banken gibt es nicht, das Geld wird dem Wirtschaftskreislauf unbemerkt entzogen. Es ist Vermögen, über das viele Banken lieber nicht reden wollen – weil sie daran verdienen.

Provisionen auch nach dem Ableben

Eingeweihte berichten von Depots, bei denen längst klar war, dass der Inhaber verstorben war. Die Bank verdiente weiter Geld daran, etwa Provisionen. „Wenn wir noch Erträge brauchten, haben wir die eben umgeschichtet und noch ein paar Wertpapiere hin- und hergehandelt“, berichtet ein Insider. Auch wenn es sich dabei um Einzelfälle handeln dürfte, erlaubt das Regelwerk der Banken derartige Depotumschichtungen.

„Wenn der Kontakt zum Kunden abbricht, werden Wertpapierdepots von den Banken auf Basis der bisherigen Anlageentscheidungen weitergeführt“, sagt Thorsten Höche, Chefjustiziar des Bundesverbands deutscher Banken. So handhabt es auch die Commerzbank. „Konten und Depots werden grundsätzlich so geführt, wie mit dem Kunden vereinbart“, heißt es bei Deutschlands zweitgrößter Privatbank.

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