EZB-Präsident und Renditen
Keine Zinsen? Draghi rät Sparern zu mehr Risiko

EZB-Chef Mario Draghi verteidigt in einem Interview die Niedrigzinspolitik der Notenbank. Er äußert Verständnis für die Ängste der Sparer. Aber wer keine Zinsen erwirtschafte, sei auch ein bisschen selbst Schuld.
  • 45

FrankfurtEZB-Präsident Mario Draghi hat Verständnis für die Sorgen deutscher Sparer angesichts der Niedrigzinsen. „Die Lage der Sparer ist uns sehr wohl bewusst. Und nicht nur in Deutschland müssen Sparer mit niedrigen Zinsen leben“, sagte Europas oberster Währungshüter der „Bild“-Zeitung. Sie hätten es mit ihren Anlageentscheidungen aber auch selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfielen. „Die Sparer müssen ihr Geld nicht nur auf dem Sparbuch anlegen, sondern haben auch andere Möglichkeiten“, sagte Draghi.

Draghi verwies auch darauf, dass der reale Zins – also der Zins minus aktueller Inflationsrate – gar nicht so niedrig sei. „Derzeit liegt der reale Zins höher als im Durchschnitt der 90er-Jahre. Zu der Zeit hatten Sie höhere Zinsen auf dem Sparbuch, aber zugleich meist Inflation, die weit darüber lag und alles auffraß“, so Draghi. Der Zins habe damals also nur auf den ersten Blick gut ausgesehen, in Wahrheit seien die realen Erträge aber viel geringer gewesen als derzeit.

Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte vor wenige Wochen dazu allerdings gesagt: „3 Prozent Zins bei 3 Prozent Inflation ist nicht dasselbe wie 0 Prozent Zins bei 0 Prozent Inflation.“

Im März hatte die Notenbank den Leitzins auf null Prozent gesenkt. Zu den beschlossenen Maßnahmen gehören auch mehr monatliche Anleihekäufe der EZB, ein höherer Strafzins für Banken und eine Prämie für Institute, die mehr Kredite vergeben. All das drückt die langfristigen Zinsen und soll die Inflation im Euro-Raum anfachen.

Im März stagnierten die Preise im Währungsraum – die Notenbank strebt aber eine Preissteigerung von mittelfristig knapp zwei Prozent an. Dieses Ziel verfehlt sie jedoch schon seit drei Jahren, was die Sorge vor Deflation nährt, also einer Spirale aus fallenden Preisen und schrumpfender Wirtschaft.

Die Niedrigzinspolitik der EZB steht in Deutschland massiv in der Kritik. Schäuble hatte die Geldpolitik der EZB und ihres Chefs Mario Draghi jüngst sogar für das Erstarken der rechtspopulistischen AfD mitverantwortlich gemacht. Mehrere Unionspolitiker forderten außerdem eine Intervention der Bundesregierung gegen die EZB-Politik.

Im Gespräch mit der Zeitung verteidigte Draghi die Unabhängigkeit der EZB gegen Einmischungen aus der Politik. „Die EZB gehorcht den Gesetzen, nicht den Politikern.“ Einer seiner Vorgänger habe einmal gesagt: „Es ist normal, dass Politiker unser Tun kommentieren. Aber es wäre unnormal, wenn wir darauf hörten.“

Seite 1:

Keine Zinsen? Draghi rät Sparern zu mehr Risiko

Seite 2:

„Eine höfliche Debatte ist willkommen“

Kommentare zu " EZB-Präsident und Renditen: Keine Zinsen? Draghi rät Sparern zu mehr Risiko"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • „Herr Draghi hat leicht reden. Er hat sicher eine Rente pro Monat, das hat der deutsche Normalrentner als Jahresrente.“

    Ja, das ist ein Problem. Wenn Mario Drucki weiter exponentiell Geld druckt und die Kredite/Versprechen, die es „decken“ offensichtlich immer fauler & riskanter werden, stellt sich die Frage, was die produzierten Geldmengen überhaupt noch in der Realität verbriefen?

    Wenn Geld hochgradig heiß-windig wird, führt diese Unterhöhlung des Vertrauens in das Geldsystem für Otto-Normal-Mensch zum Problem, womit er stattdessen die Vorsorge für schlechte Zeiten oder das Alter bestreiten soll. Er ist gezwungen sein Vorsorgeverhalten in Richtung Naturalwirtschaft zu ändern, also mit Kindern und Sachwerten (Grundbesitz, Gold, Immos, Ackerland) vorzusorgen. Das Problem: diese Naturalwirtschaft ist einerseits deutlich primitiver, weniger flexibel/liquide und weniger arbeitsteilig also eine Regression. Andererseits benachteiligt es den Kleinsparer im Vergleich zum Großeigentümer und spaltet die Gesellschaft verstärkt in arm und reich.

    Vielleicht ist es so wie Karl Marx es vorhersagte: Mit der Sättigung des Wirtschaftssystems und dem Wegfall organischer Gewinne (tendenzieller Fall der Profitrate), stellt sich die Frage nach dem Eigentum oder vielleicht sogar nach dem Eigentümer, die beide nur Konventionen sind. Die Antwort der Sozialisten, die diese Frage auf eine Verteilung von Eigentum reduzieren, scheint allerdings deutlich zu kurz gesprungen zu sein…

  • Herr Draghi hat leicht reden. Er hat sicher eine Rente pro Monat, das hat der deutsche Normalrentner als Jahresrente.
    Im Kern geht es darum, daß das ganze Konstrukt Euro in der jetztigen Form nicht funktioniert. Länder mit (einigermaßen) Disziplin haben ihren Haushalt (einigermaßen) im Griff. Andere Länder werden das nie und nimmer tun, weil eine andere Grundüberzeugung und Mentalität herrscht. Das war schon immer so, hat aber früher nichts ausgemacht, weil jeder seine Währung hatte.
    Das gleich zu machen würde eine enorme Quersubventionierung auslösen - auf ewig.

    Das heißt: Entweder wir treten aus dem Euro-Raum aus oder wir entschließen uns deutlich mehr und schneller Schulden zu machen, als alle anderen. Dann würde wieder Gleichgewicht herrschen.

  • "Wir brauchen 'n neues System"

    Vielleicht sind wir auch am Ende von System an sich oder zumindest dem verabsolutierten Glauben daran und die Lösung ist gerade der Verzicht auf "zu viel" System oder zumindest auf ein für alles und alle gültiges System und stattdessen mehr ein gesundes Nebeneinander von Systemen. Die globalistischen Eliten wollen uns ja mit TTIP, Euro, EU usw. gerade DAS TOTALE System aufschwatzen und fahren die Welt damit krachend gegen die Wand.

    Wie auch immer – vielleicht gilt in Wirtschaft und Politik, was Gödel in Bezug auf Mathematik und Logik als geschlossenem (absolutem) System (Hilbertsches Programm) Anfang des letzten Jahrhunderts herausfand und einige der damaligen (mathematischen) Eliten in eine schwere Krise stürzte: solche Systeme sind nicht geschlossen, transzendieren sich also immer selbst und das perfekte System ein Widerspruch in sich und der „Fehler im System“ systemimmanent.
    https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6delscher_Unvollst%C3%A4ndigkeitssatz

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%