Girokonten
Die große Dispo-Show

Der Leitzins liegt jetzt bei 0,05 Prozent – für den Dispo verlangen Banken aber immer noch bis zu 13. Jetzt warnen sie ihre Kunden, wenn sie ihr Konto überziehen. Die Politik jubelt – den Kunden bringt das aber wenig.
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Wenn Banken es ihren Kritikern mal Recht machen möchten, kann das zu kuriosen Situationen führen. So warnte die Commerzbank einen erfolgreichen Finanzvermittler aus Frankfurt, dass sein Konto einen „negativen Kontostand“ aufweist. „Dafür bezahlen Sie Zinsen“, klärten die Commerzbanker den Finanzprofi via Kontoauszug auf. Falls er den „Saldo länger in Anspruch zu nehmen“ gedenke, sollte sich der Kunde „über mögliche Alternativen beraten“ lassen.

Der Kunde wunderte sich über das Angebot. Er war um 527 Euro ins Minus gerutscht und das bei einem Dispo-Rahmen von 40.000 Euro. „Ein paar Tage später habe ich den kleinen Fehlbetrag aus der Portokasse wieder ausgeglichen“, erklärt der Kunde, der lieber anonym bleiben möchte. „Das Beratungsangebot der Commerzbank ist für uns völlig unpassend“, sagt der Vermittler, der täglich mit Bausparverträgen, Hypotheken und Ratenkrediten zu tun hat. „Paradox: Bei der niedrigen Summe bietet die Commerzbank weder Raten- noch Rahmenkredite an und die prompte Tilgung per Zahlungseingang kommt mich ohnehin günstiger“.

Ein Sprecher der Commerzbank erklärt, sein Institut möchte Kunden, „sensibilisieren und mögliche Alternativen aufzuzeigen“. Ein Ratenkredit sei eine mögliche Alternative zum Dispo wie auch Umbuchungen von anderen Konten oder Anlageprodukten. Die Bank möchte ihren Kunden Disziplin beibringen. „Weiterhin spielt die Planung regelmäßig anstehender Ausgaben oder die bewusste Kostenkontrolle bei spontanen Ausgaben eine wichtige Rolle“, erklärt der Commerzbank-Sprecher.

Die Commerzbank ist nicht das einzige Institut, das seine Kunden aktuell vor den eigenen Dispokrediten warnt. Der Vorstoß soll im Sinne der Kunden sein. Denn Dispokredite erscheinen in Zeiten des historischen Zinstiefs beinahe aberwitzig teuer. Die Commerzbank verlangt im Neugeschäft etwa einen Satz von 11,4 Prozent, die teuersten Institute bis zu 13 Prozent. Mit dem Girokonten-Vergleich auf Handelsblatt Online können Interessenten die günstigsten Dispo-Offerten individuell ermitteln.

Auch die ING-Diba verschickt jetzt „Dispo-Warnbriefe“. Den Kunden sollen günstigere Kreditalternativen angeboten werden. „Wir würden uns freuen, wenn andere Kreditinstitute unserem Beispiel folgen, denn das verbessert das Vertrauen der Menschen in die Bankenbranche“, sagt Roland Boekhout, Vorstandsvorsitzender der ING-Diba. Die Direktbank senkte zusätzlich den Zinssatz beim Dispo um 0,1 Prozentpunkte auf 7,85 Prozent, die auch bei geduldeter Überziehung des Disporahmens anfallen.

Politiker und Banker sind voll des Lobes. „Es ist eine gute Entwicklung für Verbraucherinnen und Verbraucher, wenn Banken ihren Kunden bei der Inanspruchnahme des Dispos einen Hinweis geben“, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas. „Ich hoffe, dass die Branche hier nachzieht.“ Maas hatte erst vor kurzem gefordert, Banken müssten ihren Kunden ein Beratungsgespräch anbieten, wenn diese über längere Zeit teure Dispokredite nutzen.

Kommentare zu " Girokonten: Die große Dispo-Show"

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  • Warum muss denn der Staat wieder eingreifen? Weil die generelle Verschuldung zunimmt und das Wahlversprechen nur dazu gedient hat, ausreichend Menschen zu treffen..... Nicht um ein offensichtliches Problem zu lösen (kalte Progression!)

    Ich verstehe ja, dass die Banken nicht beliebt sind - aber wenn hier eine weitere Einnahmequelle reduziert wird, lassen die sich was neues einfallen, was sicherlich nicht besser ist. Zudem ist jeder für sich selbst verantwortlich!

    Und: nicht jede Bank kann sich zu diesem EZB-Zins refinanzieren! Die Differenz zum dispozins als Gewinn oder Marge zu betrachten, ist Unsinn. Aber das lese ich bestimmt gleich in den noch folgenden Postings.....

  • Meine Güte, endlich mal wieder ein Bericht zu den Dispozinsen. Danke! Hab mich schon gewundert ihr hättet diese unverschämtheit der Banken vergessen! Als ob es nichts wichtigeres auf der Welt gibt!

  • Die Dispozinsen sind längst an einen Referenzzins gekoppelt, überwiegend ist das der EURIBOR-3-Monatsgeld (OLG Düsseldorf Urteil vom 05.04.2012 AZ.: I-6U 7/11). Nur mit der Zinsanpassung wurde es nicht so genau genommen, beziehungsweise von einem Ermessen auf Bankenseite ausgegangen, welches es nicht geben darf(OLG Düsseldorf Urteil vom 05.05.2014 AZ.: I-9 U 64/13).

    Dies wird bei all der Medialenpräsenz zum Thema der hohen Dispozinsen in den letzten Jahren nicht erwähnt!

    Überhöht abgerechnete Zinsen können zurückgefordert werden.

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