Nachgefragt: Heinrich Bockholt
"Das Geld muss 30 Jahre reichen"

Heinrich Bockholdt ist Professor für Finanzierung und Investition an der Fachhochschule Koblenz. Im Interview erklärt er, wie man seine Rentenlücke exakt ermitteln kann.

Handelsblatt: Wie kann ich meine Rentenlücke möglichst exakt ermitteln?

Heinrich Bockholdt: Dafür sind mehrere Schritte notwendig. Erst berechne ich spätere Renteneinkünfte und Bedarf nach heutigen Preisen. Dann rechne ich hoch, wie die Lücke unter Berücksichtigung der Inflation zum Zeitpunkt des Renteneintritts ausfällt. Hinzuzurechnen ist dann noch der Preisverfall während der Rentenphase. Wer kerngesund ist, kann dabei ruhig davon ausgehen, dass er die 90 oder gar 95 Jahre erreicht.

Das klingt ja ziemlich kompliziert. Können im Internet angebotene Rechner dabei helfen?

Ich arbeite persönlich vorrangig mit professionellen Modellrechnern, die lediglich Beratern und Experten zur Verfügung stehen. Diese Programme sind durchaus brauchbar, aber sie enthalten oft systematische Fehler. Drei von vier Programmen schaffen es nicht, eine bestimmte Preissteigerungsrate korrekt zu berücksichtigen. Ich kann mir vorstellen, dass das bei den Rechnern, die dem Publikum kostenlos zur Verfügung stehen, keinesfalls besser ist.

Wo sind weitere typische Schwachpunkte?

Schwierig wird es auch, wenn bei der Beurteilung eines Produkts, wie etwa der Riester- oder Rürup-Rente, Steuereffekte berücksichtigt werden sollen. Da rechnen auch die Programme der Banken fast immer mit Durchschnitts-Steuersätzen von 20 oder 30 Prozent. Die individuellen Sätze sehen aber oft ganz anders aus. Wenn dann die Steuerersparnis mehrerer Alternativen verglichen wird, ist das Ergebnis meistens falsch.

Sollte man von den Vorsorge-Rechnern die Finger lassen?

Keinesfalls. Sich mal per Programm eine grobe Vorstellung zu verschaffen, wie die Altersversorgung aussehen könnte, kann überhaupt nicht schaden. Es ist auf jeden Fall eine gute Übung. Autofahren lernt man ja auch nur, wenn man sich erst mal irgendwo hinters Steuer setzt. Das schult auf jeden Fall das Vorstellungsvermögen. Wenn man dann ins Beratungsgespräch geht, hat man schon ein viel besseres Gefühl für die Qualität des Beraters und seiner Produkte.

Woran erkenne ich einen guten Berater?

Er sollte Faktoren wie Inflation und Steuersätze ansprechen und angemessen berücksichtigen. Die gesamte Argumentation für ein Produkt sollte schlüssig sein. Anleger sollten nichts kaufen, was sie nicht verstanden haben. Auch ist es wichtig, dass weiche Faktoren Erwähnung finden. Wie etwa, dass das in eine Rürup-Rente eingezahlte Geld an die Versicherung geht, wenn der Sparer stirbt, weil die eingezahlten Summen nicht vererbbar sind. All diese Dinge sind nicht innerhalb von ein paar Tagen geklärt. Wer einen Vertrag abschließt, sollte sich Zeit lassen.

Die Fragen stellte Gertrud Hussla.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%