Nachteile der Riester-Förderung
Riester-Rente fast nur für Gutverdiener

Die Riester-Rente soll vor allem Klein- und Mittelverdiener bei der privaten Altersvorsorge unterstützen – von der staatlichen Förderung profitieren einer Studie zufolge aber zum großen Teil Gutverdiener.
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Berlin38 Prozent der Gesamtförderung bei der Riester-Rente verteilen sich auf die oberen zwei Zehntel der verfügbaren Einkommen in der Gesamtbevölkerung, wie aus der am Dienstag veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Freien Universität Berlin (FU) hervorgeht.

Von den 2,79 Milliarden Euro Fördergeld, die der Staat im Jahr 2010 ausschüttete, entfiel laut Studie mehr als eine Milliarde Euro auf Menschen, die mehr als 60.000 Euro netto im Jahr verdienten. Auf die unteren beiden Zehntel der Einkommensbezieher entfielen demnach nur sieben Prozent der Gesamtfördersumme.

Die Forscher werteten repräsentative Daten der Bundesbank aus den Jahren 2010 und 2011 aus. Sie prüften, wie sich Alter, Geschlecht, Region, Bildung, Anzahl der Kinder oder eben das Einkommen auf den Abschluss einer Riester-Rente auswirken. Sie fanden heraus, dass vor allem das Einkommen bestimmend ist. "Man braucht offenbar ein gewisses Einkommen, um sich die Teilnahme an der Riester-Rente überhaupt leisten zu können", sagte FU-Forscher Johannes König der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Riester-Sparer bekommen eine Grundzulage von 154 Euro sowie 300 Euro für jedes ab dem Jahr 2008 geborene Kind. Für ältere Kinder gibt es eine Zulage von 185 Euro. Die Kinderzulage gibt es, solange Eltern Kindergeld für ihren Sprössling erhalten. Wer die volle Zulage bekommen möchte, muss vier Prozent seines Bruttoeinkommens einzahlen. Für viele Niedrigverdiener ist das laut König schwer zu leisten.

Ein zweiter Grund ist laut dem FU-Forscher, dass Riester-Renten im Alter auf die Grundsicherung angerechnet und nachgelagert voll besteuert werden. Wer frühzeitig wisse, dass er auf Grundsicherung angewiesen sein werde, habe wenig Anreize, einen Vertrag abzuschließen.

Der rentenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Markus Kurth, nannte die Riester-Rente in ihrer bisherigen Form gescheitert. Für Menschen mit geringem Einkommen berge die geförderte private Altersvorsorge mehr Risiken als Chancen. Kurth forderte, die private Altersversorgung zu vereinfachen. Die Grünen wollen ein öffentlich-rechtlich verwaltetes Basisprodukt.

Linken-Chefin Katja Kipping kritisierte die Riester-Rente als "sozialpolitisch unsinnig". Auch hier zeige sich: "Wer viel hat, dem wird gegeben." Das Modell sei eine Verschwendung von Steuergeld. Sie forderte, wieder ausschließlich auf die gesetzliche Rentenversicherung zu setzen und das Rentenniveau anzuheben. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband verlangte, das Rentenniveau wieder zu heben. Die Riester-Rente erzeuge in erster Linie Mitnahmeeffekte für Besserverdienende in Milliardenhöhe.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) kritisierte, die Studie berücksichtige nicht die Verteilungswirkungen der Riester-Förderung nach Steuern. Diese fielen "deutlich" zu Gunsten der sozialpolitischen Zielgruppen aus. Es müssten noch mehr Anstrengungen unternommen werden, Geringverdiener zur Teilnahme zu motivieren, räumte der Verband aber auch ein. So fordere der GDV seit Jahren, dass die Einnahmen aus der Riester-Rente nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden.

Im vergangenen Jahr waren laut GDV rund 464.000 Riester-Verträge abgeschlossen worden. Ende 2014 lag die Zahl der Verträge demnach insgesamt bei knapp elf Millionen.


afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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  • Die Riesterförderung funktioniert folgendermaßen:

    Man zahlt 4% des sozialversicherungspflichtigen Jahreseinkommens ein - abzgl. Zulagen. Das heisst, jemand, der wenig verdient zahlt wenig ein, jemand der viel verdient zahlt viel ein. Die Grundzulagen/ Kinderzulagen sind aber für jeden gleich hoch. Heisst konkret: Ein Gutverdiener zahlt mehr ein als ein Geringverdiener. Bei Müttern in Elternzeit oder geringen Gehältern reichen oft sogar 60,- Euro jährlich, um die hohen Zulagen zu bekommen! Da frage ich mich, wer diesen Artikel recherchiert hat. Schon die Überschrift suggeriert falsche Schlußfolgerungen.
    Auch die Aussage eines der Vorredner, man solle nicht sparen, weil man ohnehin in der Grundsicherung landet - Bild-Niveau! Mit dieser Einstellung brauchen Sie weder Familie gründen, noch Wohneigenum schaffen, noch sparen, ... Beantragen Sie doch gleich Hartz 4!

  • " Sie forderte, wieder ausschließlich auf die gesetzliche Rentenversicherung zu setzen und das Rentenniveau anzuheben."
    Richtig! generationenvertrag wieder ansetzen: Die Kinder treten mit ihrer Geburt in diesen Vertrag ein und zahlen umlagefinanziert die Rente für ihre Eltern.
    Kinderlose sorgen selbst vo, da sie ja auch die Mittel haben. Aufgrund der Kinderlosigkeit haben sie meist auch dazu passende hohe Gehälter.
    Vielleicht auch mal ein anderes Rentensystem wählen: Das Schweizer z.B.
    Oder das beamtensystem übernehmen: Nichts einzahlen, und alles steuerfinanziert bekommen!

  • Wer nur weniger als 500 EUR/Monat (incl. Arbeitgeberanteile) in seine Altersvorsorge stecken kann, sollte alle freiwilligen Altersvorsorgesysteme meiden und vielleicht noch verfügbares Geld am besten in die Ausbildung seiner Kinder stecken: Er wird sowieso in der Grundsicherung landen.

    Ab vielleicht 1000 EUR/Monat ist es vermutlich sinnvoll, sich um Riester oder ähnliche Angebote zu kümmern.

    Überschlagsrechnung:

    - Wer (nach heutigen Preisen) 1000 EUR Rente netto haben will, braucht incl. Krankenkasse und Einkommenssteuer 1500 EUR/Monat - macht rund 20.000 EUR/a.

    - Unterstellen wir zu Rentenbeginn eine Lebenserwartung von noch 25 Jahren, so braucht der Neurentner Rücklagen von 500.000 EUR. Dabei gehe ich von der optimistischen Voraussetzung aus, dass die Kapitalverzinsung Inflationsrate und Ertragsbesteuerung ausgleicht.

    - Unterstellen wir 40 Arbeitsjahre, müsste der Betreffende rund 1000 EUR/Monat in die Altersversorgung stecken, um dieses Kapital aufzubauen.

    Das ist mal wieder ein "schönes" Beispiel, wie wir durch die Niedrigzins-Politik enteignet werden. Denn mit einer Verzinsung von 2%/a über der Inflationsrate plus Ertragsbesteuerung sähe da vieles schon ganz anders aus.

    Griechenland & Co sei "Dank"...

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