Nullzins
Sparer verlieren durch EZB-Politik Milliarden

Für Kreditnehmer ist die Niedrigzins-Politik der EZB ein Segen. Das gilt auch für den Staat. Für vorsichtige Sparer ist sie hingegen ein Fluch: Wer auf verzinslichen Anlagen setzt, verliert derzeit viel Geld.
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Frankfurt/KielDie Null-Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) kostet deutsche Privathaushalte laut einer Studie Milliarden. Der deutsche Staat kann sich hingegen über kräftige Einsparungen freuen. Nach einer am Donnerstag veröffentlichten Analyse des genossenschaftlichen Zentralinstituts DZ Bank sind deutschen Sparern in den vergangenen fünf Jahren Zinseinkünfte in Höhe von 190 Milliarden Euro durch die Lappen gegangen. Der Einbruch dieser Einkünfte bei der Geldanlage zähle damit zu den gravierendsten Folgen der immer weiter sinkenden Zinsen, erklärte DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier.

Den Zinsverlusten stünden zwar auch Einsparungen infolge geringerer Kreditzinsen im Wert von 78 Milliarden Euro gegenüber. So können nicht nur Immobilien so günstig finanziert werden wie nie. Unter dem Strich bleibe aber ein erheblicher Verlust – von durchschnittlich 1366 Euro pro Bundesbürger.

Diese Zahlen sind allerdings rein hypothetisch und bedeuten nicht, dass die Menschen wirklich Vermögen verloren haben: Die Ökonomen vergleichen das tatsächliche Zinsniveau mit einem unterstellten (höheren) „Normalzinsniveau“, also einem langjährigen Durchschnittszins.

Zudem sind die Aktienkurse in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen - unter anderem befeuert durch die Niedrigzinspolitik. Das Problem: Nur wenige der traditionell eher vorsichtigen deutschen Anleger profitieren davon, wie Bielmeier betont. „Lediglich rund zehn Prozent des gesamten privaten Geldvermögens besteht hierzulande aus Aktien.“ Das sei nicht einmal die Hälfte des Anteils, den private Haushalte in anderen europäischen Ländern halten.

Nach der Studie waren vor allem die Jahre 2011 bis 2013 für Sparer problematisch. Denn seinerzeit fiel der durchschnittliche Nominalzins aller verzinslichen Vermögensbestandteile der Bürger unter die Inflationsrate: „Für letztes Jahr lässt sich lediglich dank einer extrem niedrigen Inflationsrate ein leicht positiver Realzins errechnen“, betonten die Experten.

Um das angestrebte Niveau bei der Vermögensbildung halten zu können, müssen die privaten Haushalte einen immer größeren Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante legen, betont DZ-Bank-Experte Michael Stappel. Die Ökonomen erwarten, dass sich die Entwicklung im laufenden Jahr fortsetzten oder sogar noch verstärken wird: „Je länger die Niedrigzinsphase dauert, desto stärker schlägt das auf die Durchschnittsverzinsung des Geldvermögens durch.“

Generell gilt: Netto-Schuldner, allen voran der Staat, aber auch Unternehmen und Privatleute, profitieren von den Mini-Zinsen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat ausgerechnet, dass der deutsche Finanzminister bis ins Jahr 2030 auf Zinseinsparungen von 160 Milliarden Euro zählen kann.

Allein 2015 wird der Bund demnach im Vergleich zu langjährigen Durchschnitts-Zinssätzen weitere 20 Milliarden Euro an Kreditzinsen sparen. Zum Teil verdient der Staat sogar Geld mit der Schuldenaufnahme, weil Anleger mittlerweile bereit sind, eine Gebühr in Form von Negativzinsen zu zahlen.

IfW-Experte Jens Boysen-Hogrefe rechnet mit einem Anstieg des Zinsniveaus erst ab etwa 2017. „Dabei ist es wahrscheinlich, dass gerade dann die Zinslast deutlich steigen wird, wenn zeitgleich die Demografie die öffentlichen Haushalte stark belasten dürfte.“ Die aktuell sehr gute Lage dürfe daher nicht darüber hinweg täuschen, dass mittel- bis langfristig spürbare Haushaltsrisiken bestünden.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • "Für Kreditnehmer ist die Niedrigzins-Politik der EZB ein Segen. Das gilt auch für den Staat."

    Ob das für den Kreditnehmer ein Segen wird, muß sich erst noch rausstellen. Wenn er sich aufgrund der niedrigen Zinsen Überschuldet, wird es ein böses Erwachen geben. Wir werden nicht immer 0-% Zinsen haben. Zur Zeit werden Menschen zu Finanzierungen verleitet, die sie sich eigentlich nicht leisten können.

    Für die Staaten gilt dies schon gar nicht. Es entsteht eine horrende Fehlleitung von Kapital. Die Staaten werden nicht mehr zu Ausgabendisziplien angehalten. Nicht mal Deutschland mit den derzeit enormen Steuereinnahmen schafft eine Rückführung von Krediten. Unser Finanzminister freut sich schon kindisch über die schwarze Null. Die Risikien, die diese Groko schon beschlossen hat, scheint er nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Wir betreiben im Euroraum eine völlig verfehlte Politik, die voraussichtlich in einem großen Knall enden wird. Griechenland wird dann das kleinere Problem sein.

  • das mit der falschen Anlageentscheidung würde stimmen, wenn sich die Zinssätze am Markt so entwickeln würden. Dem ist aber nicht so. Die EZB hat diese aus politischen Gründen auf Null gesenkt . Das ist eine völlig verfehlte Politik. Das wird man ja wohl noch kritisieren dürfen. Dies mal unabhängig davon, dass die Anleger in Deutschland noch nie ein ausgeprägt gutes Verhältnis zu Aktien hatten. Wenn gekauft wurde, dann auf dem Höchstpunkt der Börse, wie bei Immobilien auch. Wenn die nur teuer genug sind, will sie jeder.

  • Hallo Herr Schmidt,

    ich danke Ihnen sehr für Ihre Empfehlung. Die ich selbstverständlich nicht befolgen werde. Mein Erfahrungen beziehen sich auf die letzten 20 Jahre und nicht erst auf die letzten paar Jahre/Monate in denen es "anscheinend" keine Alternative zu Aktien und Immobilien mehr gibt. Solange die Leute es nicht als völlig normal erachten, dass Aktien und auch Immobilien Schwankungen unterliegen und diese auch akzeptieren, werden sich die Leute immer am "Sparbuch" festhalten. Jeder kann mit seinem Geld machen was er will, aber keiner sollte dann auf die EZB/Staat schimpfen, sollte er die falsche Anlageentscheidung getroffen haben. Möglicherweise geht alles -wie Sie prognostizieren- den Bach runter. So genau weiß man das ja nie. Aber auch für den Fall glaube ich, dass Aktien und Immobilienbesitzer die Einäugigen unter den Blinden sein werden.

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