Provisionstransparenz bei Lebensversicherungen
Vertreter gehen auf die Barrikaden

Die Politik möchte Provisionen bei Lebenspolicen transparent machen. Die Vermittler planen einen Demonstrationsmarsch in Berlin. Eine Untersuchung zeigt: Im Vertrieb mangelt es auch andernorts am Willen zur Transparenz.
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DüsseldorfÄrger von der Regierung sind Lebensversicherer und ihre Vertriebe eigentlich gewohnt. Seit 1990 wurde etwa das Versicherungsaufsichtsgesetz 90-mal geändert. Die Vorgaben für die Überschussbeteiligung der Versicherten wurde fünfmal geändert, die Regeln für die Rückstellung für Beitragsrückerstattung zweimal und das Versicherungsvertragsgesetz 31-mal. Das geht zumindest aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage einer Abgeordneten der Linken hervor.

Angesichts der Fülle und der Tragweite der Reformen sollte der aktuelle Gesetzesentwurf zur „Absicherung stabiler und fairer Leistungen für Lebensversicherte“, also keine großen Wellen mehr schlagen. Das Gegenteil ist aber der Fall.

Aktuell organisiert etwa der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute, der sich mit 32.000 Mitgliedern als Sprachrohr der Vermittler und Makler sieht, eine Demonstration in Berlin. Die Mitglieder sollen sich anmelden, damit absehbar ist, ob genug Vertriebler zusammenkommen. Wenn sich genug melden, soll die Vertreter-Demo durch die Hauptstadt ziehen. Die Route steht noch nicht fest, das Bundeskanzleramt könnte ein Ziel sein.

Download: Der Gesetzentwurf

Der Grund für den Vermittlerzorn: Die Bundesregierung möchte die Abschlussprovisionen offenlegen. Am Freitag hatten bereits neun Verbände eine gemeinsame Erklärung verfasst. „Die Neuregelung verleitet nicht nur zu falschen Schlussfolgerungen bei der Produktauswahl des Kunden, sondern sie tangiert die bedarfsgerechte Beratung“ erklären die Verbandspräsidenten. Jobs seien in Gefahr, und auch die „Versorgung der Menschen mit bedarfsgerechten Altersvorsorgeprodukten“. „Die Politik sollte endlich begreifen, dass die Versicherungsvermittler bei der notwendigen privaten Altersvorsorge eine wichtige gesellschafts- und sozialpolitische Aufgabe erfüllen“, sagt Michael Heinz, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute. „Sie sind ehrbare Kaufleute mit hoher fachlicher Qualifikation und keine gierigen Provisionsjäger, als die sie von vermeintlichen Verbraucherschützern dargestellt werden.“

Der Vermittlerverband BVK legte nach: Kunden können die Angabe der Abschlussprovision „nicht richtig einordnen“, weil sie „keine Marktkenntnis“ hätte „welche Vergütung üblich ist“. Transparente Abschlussprovisionen sorgten „für weitere Verwirrungen“, weil die Provisionen der Vermittler „ober- oder unterhalb der rechnerischen Abschluss- und Vertriebskosten liegen können“. Dem Verbraucher würden „Steine statt Brot gegeben“.

Die Stellungnahme von neun Verbänden zum Download

Ob die Verbände in der Bevölkerung mit ihrem Wunsch nach geheimen Abschlussprovisionen große Zustimmung finden werden, wird sich zeigen. „Bei vielen Geldanlageprodukten ist eine Transparenz der Provisionen gesetzliche Pflicht“, sagt Lars Gatschke, Referent Versicherungen vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Wolfgang Schäuble hat die Reform für Lebensversicherer als fairen Interessensausgleich verteidigt. „Unser Maßnahmenpaket ist ausgewogen und gerecht“, sagt der Bundesfinanzminister.

Kommentare zu " Provisionstransparenz bei Lebensversicherungen: Vertreter gehen auf die Barrikaden"

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  • Ein weiterer Tiefpunkt im Diffamierungsfeldzug des Handelsblatts gegen eine ganze Branche. Aber das ist ja ein beliebtes Spiel, immer feste druff. Ärzte machen ständig Behandlungsfehler und zocken den Patienten bei der Abrechnung ab, Handwerker stellen überteuerte Rechnung aus und pfuschen und Finanzberater betrügen ihre Kunden. So oder ähnlich sieht die Welt der Verbraucherschützer aus. Und nur sie schützen den armen, unmündigen Kunden vor diesen Haien und Abzockern.

    Langsam reißt mir der Geduldsfaden. Mit welchem Recht wird hier von Seiten dieser selbsternannten Verbraucherschützer Politik gemacht, wer hat die eigentlich gewählt, wie sind sie legitimiert und wie ausgebildet?

    Fakt ist: Schon heute hat der Kunde alle nötigen Informationen zu den Kosten der Produkte, ob es der Ausgabeaufschlag und die TER beim Fonds ist, die Abschlussgebühr beim Bausparvertrag oder die Abschluss- und Vertriebskosten bei einer Versicherung. D.h. der Kunde kann selbst entscheiden, ob er bereit ist die Kosten zu tragen und ob er das Produkt kauft. Punkt. Wer glaubt, dass er die Produkte nicht braucht oder günstiger woanders bekommt, muss sie ja nicht kaufen. Man muss volljährig und geschäftsfähig sein. Das reicht. Warum muss ich wissen, wie viel der einzelne Berater verdient? Mein Einkommen muss ich nur dem Finanzamt offen legen, sonst niemandem.

    Und ja, ich bin selbst Berater, um den Fragen gleich zuvorzukommen. Ich betreute über 500 Kunden und habe schon tausende Beratungsgespräche durchgeführt. Und deshalb weiß ich auch wovon ich spreche, im Gegensatz zu den Autoren des Artikels und den meisten Kommentatoren.

  • @Schuischel
    Ich denke, dass Sie sich "verrannt" haben.

    Wenn Sie Ihr Beispiel umgestalten, erkennen Sie auch, dass es so nicht gehen kann. Stellen Sie sich vor, dass sich Ihr Einkommen nach einer Provisionsregelung richtet. Diesen Vertrag haben Sie aber mit einem anderen als dem Versicherten abgeschlossen. Einem anderen, als dem, der Sie entlohnt.

    Welcher Arbeitgeber zahlt schon Lohn aus, ohne den Entlohnungsvertrag zu kennen?

    Es ist dann die Frage, ob der, der Sie tatsächlich entlohnt das Recht hat zu erfahren, was er an Sie "abdrücken" muss.

    Ungeachtet dessen, dass ich den Standpunkt vertrete, dass der Kunde Anspruch auf eine Rechnung mit entsprechendem Ausweis hat, stelle ich mich nun auf Ihre Seite und frage, wie konnte dies in der Vergangenheit überhaupt möglich sein? "Stecken alle unter einer Decke"?

    Es ist doch wirklich die Frage, weshalb Sie Ihre tausende von Euros bei Abschluss, z.B. einer Lebensversicherung, offenlegen sollen, wenn dem Kunden tatsächlich ein vielfaches in Rechnung gestellt wird und ihm kein Recht eingeräumt wird, irgendwelche anderen Informationen zu erhalten. Nicht einmal das Recht einen Auszahlungsbeterag nachrechnen zu dürfen.

    Ja es geht sogar soweit, dass er mit dem neuen Gesetz nicht mal mehr ein Anrecht auf sein Eigentum hat. Ich denke da an die Bewertungsreserven, die ihm jetzt einfach per Gesetz enteignet wurden. Aber ich denke auch an den § 89 VAG, der es sogar erlaubt, seitens der BaFin der Versicherung die Leistungspflicht bei einem Versicherungsfall zu untersagen. Das ist schon ein dicker Brocken. Noch dicker wird er, wenn im gleichen Paragraphen auch noch festgelegt ist, dass der Versicherte trotz der fehlenden Gegenleistung aus dem Vertrag, die weitere Beitragspflicht in der Versicherung auferlegt ist.

    Wenn man dies alles sieht, dann bin ich ganz bei Ihrem Kommentar und frage mich, was soll denn das. Die Versicherungsnehmer sollten doch froh sein, wenn vor lauter verteilen seines "Fells" er überhaupt noch etwas erhält

  • Jein. Das haben Sie nicht gesagt. Sie sagten nur pauschal es wäre besser bei Versicherern direkt abzuschließen. Und das ist nicht wahr.
    Weiter sind Direktversicherer eine Sache für sich. Ich bin bei weitem kein Vertreter. Aber ich habe täglich Einblick in die Regulierungspraxis von Versicherern. Und was ich von diesen Direktversicherern halte, schreibe ich hier nun nicht.
    Nebenbei sind z.B. bei Sachversicherungen die Provisionen an den Vertrieb zum Lachen. Dafür überhaupt zum Kunden zu fahren ist betriebswirtschaftlicher Blödsinn für den Vertreter. Die Direktversicherer sind daher gerade bei der Sachversicherung niocht wirklich günstiger - teils lassen sie sich ihr "Billig-Image" sogar mit Mehrprämie gegen Premiumanbieter bezahlen. Und eine Chance auf Kulanz (das i.d.R. der Außendienst als Budgetverwalter im Griff hat) haben Sie bei Direktversicherungen nicht. Dagegen haben Sie im Schaden ein echtes Problem, sollte es eine unklare Situation rechtlich oder bedingungsgemäß geben. Sicher, Premiumversicherer lehnen ebenso mal ab. Sie sind aber im Detail eher kulanter. Und dieses Detail kann Ihnen nachher ein Prozessmarathon und im schlimmsten Fall die verlorene Klage (die meisten Prozesse gewinnen Versicherer, auch wenn es nicht gerne von der Presse aufgegriffen wird).
    Z.B. bekommen Sie bei einem Direktversicherer gerne eine Ablehnung der Höhe nach, haben Sie nach einem Einbruch keine vollständigen Unterlagen des Diebesgutes mehr. Fotos oder solche Nachweise werden dort oft nicht anerkannt - sie könnten den Schmuck ja wieder versetzt haben oder es könnten auch nicht Ihre Fotos sein. Ein Premiumversicherer erkennt solche Nachweise eher an. Zumindest wird er weit mehr einen annehmbaren Vergleich für beide Seiten versuchen und nicht stur auf Ihre Klage warten. Alles schon erlebt.

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