Reform verabschiedet
Was klassische Lebenpolicen jetzt noch taugen

Die letzte Hürde Bundestag ist überwunden, die Lebensversicherung offiziell reformiert. Doch wie attraktiv sind klassische Policen nach der Gesetzesänderung noch? Und welche Alternativen haben Kunden? Experten antworten.
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DüsseldorfEs war ein Gesetzesverfahren im Eiltempo. Vom Referentenentwurf bis zur endgültigen Verabschiedung im Bundestag vergingen keine drei Monate. Seit vergangenen Freitag gilt: Die klassische Lebensversicherung, traditionell das Lieblingsprodukt der Deutschen für die private Altersvorsorge, ist offiziell reformiert. Dabei hat der Gesetzgeber auch an den beiden Stellschrauben gedreht, an denen Kunden in der Regel die Attraktivität der Policen bemessen: Garantiezins und Überschussbeteiligung.

Im Detail dürfen Versicherer, wenn Garantieleistungen in Gefahr sind, ab sofort mehr von den Gewinnen einbehalten, die ihnen Kurssteigerungen festverzinslicher Wertpapiere bescheren (Bewertungsreserven). Im Gegenzug müssen sie Kunden stärker an unverhofften Gewinnen beteiligen – an den Einnahmen also, die den Anbietern verbleiben, weil sie zu vorsichtig kalkuliert haben (Risikoüberschüsse).

Die Überschussbeteiligung – das Geld, das Lebensversicherungskunden beim Auslaufen der Police zusätzlich zum garantierten Ertrag ausbezahlt bekommen – setzt sich also künftig anders zusammen. Ab 1. Januar 2015 gilt zudem: Der Versicherer darf neue Rückstellungen künftig mit maximal 1,25 Prozent verzinsen – statt wie bislang mit 1,75 Prozent. Damit erhalten Kunden auch eine geringere garantierte Leistung auf ihre eingezahlten Beiträge.

Hinter der Reform steckt die Absicht, die klassische Lebenpolice „niedrigzinstauglich“ zu machen. Der Gesetzgeber verspricht sich eine „Absicherung stabiler und fairer Leistungen für Lebensversicherte“. Insbesondere wollte man sicherstellen, dass Versicherer auch künftig die hohen Garantieversprechen an Bestandskunden erfüllen können.

Doch ist die Reform auch in den Worten des Gesetzgebers eine Regelung „für das Kollektiv“. Das heißt: Kunden von heute müssen im Notfall auf einen Teil der Überschüsse verzichten, damit für Kunden von morgen noch etwas übrigbleibt. Klar wird: Das Gesetz ist ein Kompromiss und bringt als solcher – für alle Beteiligten – auch Nachteile mit sich.

Handelsblatt Online hat mit Managern, Analysten und Beratern über die Auswirkungen der Reform gesprochen. Dabei standen drei Fragen im Fokus. Mit Blick auf die Neukunden: Sind klassische Policen noch attraktiv? Mit Blick auf die Bestandskunden: Müssen sie mit Einbußen rechnen? Mit Blick auf die Versicherer: Lohnt es noch, klassische Policen anzubieten oder ist die Zeit gekommen, das Angebot umzustellen?  

Um es vorwegzunehmen: Das Gros der Experten sieht die Attraktivität klassischer Lebenpolicen schwinden – für Neukunden und für Bestandskunden. Die niedrigeren Garantiezinsen stellen nach Meinung der Branchenkenner ein Problem dar, das sich durch die Neuordnung der Überschussbeteiligung mittelfristig sogar noch verschärft.

Auch wenn keiner von einem „Todesstoß“ der klassischen Policen sprechen will, glauben die Experten, dass sich Kunden wie Versicherer mehr als bislang auf alternative Produkte konzentrieren werden. „Der Kunde muss über andere Sparverträge die unter Druck geratenen Rentenhöhen kompensieren“, meint zum Beispiel Stephan Kalb, Leiter der deutschen Versicherungsanalyse bei Fitch Ratings in Frankfurt

Kommentare zu " Reform verabschiedet: Was klassische Lebenpolicen jetzt noch taugen"

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  • "Im Falle der LV übrigens schon das 2 Mal, zuerst hat der Staat sich bedient indem langfristige Verträge nun Sozialabgaben zahlen müssen und nun zu Gunsten der Versicherer"

    Das ist nicht die korrekte Wiedergabe des Urteils - aber auch keine falsche Wiedergabe des Urteils.

    Korrekt ist, dass das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, dass auf langlaufende Versicherungsverträge mit Prämienzahlung aus dem bereits versteuerten und um Sozialabgaben bereinigten verfügbaren Einkommen keine nochmaligen Sozialabgaben erhoben werden dürfen.

    In diesem Sinne hat auch das SG Lübeck (09.10.2012 - S 1 KR 993/11) entschieden.

    Korrekt ist auch, dass der bis zum Bundesverfassungsgericht anhängigen Streit der Streitgegenstand eine "Direktversicherung" war. Jetzt könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass das Urteil nur "Direktversicherungen" betrifft.

    Dem Vernehmen nach soll am 23.07.2014, also schon bald, ein klärendes Urteil dahingehend gesprochen werden, ob das Wort "Direktversicherung" oder die Zahlweise aus dem verfügbaren Einkommen das Kriterium bei der Entscheidung war.

    Aber eines ist festzuhalten, dass die Techniker Krankenkasse als vor dem SG Lübeck beklagte Partei das Urteil des SG bereits damals angenommen hat.

  • "Stiftung Finanztest ruft gerade dazu auf"

    Ich stehe auf der gleichen Seite. Ein Vertrag, der unrechtmäßig geschlossen wurde, existiert zu keinem Zeitpunkt. Eine Prämienzahlung kann nicht begründet werden. Folglich erwirbt der Zahler einen Anspruch bei der Versicherung als Gläubiger, nicht aber als Versicherungsnehmer - weil er nie einen Vertrag besessen hat.

    So das Recht - ganz gleich wie Richter entscheiden.

  • "einzig mögliche Form der Hinterbliebenenabsicherung"

    Das mag für den Einzelfall zutreffen. Es trifft aber nicht für die Versicherten zu.

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