Riester im Interview
„Die Gier ist zurück“

Walter Riester warnt: Die Deutschen befassen sich zu wenig mit ihren Finanzen und legen ihre Altersvorsorge waghalsig an. Die Riester-Rente kommt bei Riester gut weg. Jeder sollte „riestern“, findet er.
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Herr Riester, nachdem Sie 2009 aus dem Bundestag ausgeschieden sind, haben Sie erst einmal Ihr Haus in Österreich renoviert. Ist ein Eigenheim die beste Rentenversicherung?

Na ja, eine Immobilie ist im Regelfall mit Wertverlust und nicht mit Wertgewinn verbunden. Die ergänzende geldwerte Rente ist sicher flexibler und daher nicht weniger wichtig.

Als Sie 1960 Ihre Ausbildung zum Fliesenleger machten, dachten Sie da eine Sekunde an Altersvorsorge?

Nein, überhaupt nicht. Das war für mich kein Thema. Damals war die Einstellung zum Alter und damit auch zur Alterssicherung eine andere. Als meine Großeltern in Rente gingen, hieß es: In der Rente müssen wir unsere Bedürfnisse zurückschrauben. Die haben auch darauf gebaut, dass wir Kinder sie unterstützten. Heute haben die Menschen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, den berechtigten Wunsch, ihr Leben wie gewohnt weiterzuführen. Als ich in die Lehre ging, betrug die durchschnittliche Lebenserwartung von Neurentnern zehn Jahre. Ich als 67-Jähriger habe heute – statistisch gesehen – noch 21 Jahre zu leben. Also müssen wir entsprechend höhere Rücklagen bilden.

Wann haben Sie gemerkt, dass ein Umbau des Rentensystems, am Ende war es die größte Sozialreform nach dem Krieg, nötig wird?

Schon Anfang der neunziger Jahre bei der IG Metall hielt ich die Position, die Sozialversicherungsrente allein würde den Lebensstandard sichern, für eine Illusion. Höherer Lebensstandard und längere Rentenbezugsdauer bedürfen nun einmal höherer Rücklagen, und dies machen Menschen meist nicht freiwillig.

Woran liegt das?

Wenn Menschen sparen, haben Sie normalerweise ein Ziel, etwa ein Auto zu kaufen oder in Urlaub zu fahren. Darauf freut man sich. Die Rücklagenbildung fürs Alter konkurriert mit diesen konkreten Entscheidungen, sie wird dann schnell verdrängt. Doch das ist fatal.

Um gegenzusteuern, erfanden Sie die Riester-Rente, eine staatlich bezuschusste Altersvorsorge. Der Anfang war kein Selbstläufer. Was lief schief?

Wir hatten Neuland betreten. Erstens war da die Frage der Kosten: Die bisherigen Versicherungen ermöglichten den Versicherern, die Kosten und Gebühren sofort auf den Kunden zu übertragen. Viele Kunden haben das erst Jahre später bei der Kündigung gemerkt. Ich habe darauf bestanden, diese Kosten auf zehn Jahre zu verteilen, am Ende wurden es fünf. Das hat die Provisionsgestaltung gravierend beeinflusst, und dann wurde der Vertrieb zunächst gestoppt. Meine Fehleinschätzung war, dass die Anbieter vorfinanzieren. Das haben die nicht gemacht. Zweitens: Ich habe mehr Transparenz durchgesetzt. Die Kosten und die Zusammensetzung der Anlage mussten fortlaufend veröffentlicht werden. Das ließ die Branche zögern.

Noch immer sind die Rentenverträge schnell mehr als 20 Seiten lang. Glauben Sie, dass die Käufer wissen, was Aufschubdauer, Rückkaufswert oder Anlagestock bedeuten?

Nein. Das Problem sind die Rechtsabteilungen der Anbieter, die sich gegen alle möglichen Rechtsrisiken absichern in einer Sprache, die der Bürger nicht versteht.

Kommentare zu " Riester im Interview: „Die Gier ist zurück“"

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  • genau daniel. aber eines ist richtig. riester wirbt hier für sein "verdienst". die riesterrente an sich war kein schlechtes produkt. man wollte die förderung von kinderreichtum belohnen, nur meist geht sowas nach hinten los. und die finanzbranche hat sich die hände gerieben und dem gazprom-arschkriecher bzw. bmw-umweltberater es mit üppigen bezahlten beraterverträgen gedankt. eine hand wäscht die andere. so läufts da oben und der bürger wird mit "brot und spiele" abgelenkt vom irrsinn.

  • gibts doch auch. pensionskassen oder unterstützungskassen haben hier gute möglichkeiten. schade wirds nur, wenn man im unteren einkommensschnitt liegt und keine kinder hat.

    riester lohnt sich nur, wenn jemand 4 oder mehr kinder hat und einen rentenversicherungspflichtigen job nebenbei hat, der in der unteren einkommensklasse liegt. dann lohnt sich sowas. aber das system wird halt ausgehöhlt bzw. von den finanzunternehmen falsch beraten, weil die wie herr riester besagen, dass sich diese art für jeden lohnt. das stimmt nicht. ab ca. 25.000 bis 30.000 euro jahreseinkommen lohnt sich der andere weg der pensionskasse bzw. unterstützungskasse.

    riester vergisst auch zu erwähnen, dass die förderrente später der vollen einkommensteuerpflicht untersteht. somit ist es ein nullkommanix-geschäft. nur die versicherer und banken verdienen (wegen hoher verwaltungskosten usw.)

  • Also bevor mache hier über die Riesterrente lästern, sollten die sich erstmal richtig Informieren.
    Ihr glänzt hier alle mit gefährlichem Halbwissen

    Grüße

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