Seniorenforscher Ernst Pöppel
"Unglaubliche Ignoranz"

Generation 50 plus Seniorenforscher Ernst Pöppel ist sicher: Eine Produktentwicklung, die sich an älteren Menschen orientiert, hilft auch den jüngeren Verbrauchern.

Herr Professor Pöppel, Sie erforschen seit fünf Jahren mit 30 Mitarbeitern die Bedürfnisse älterer Menschen; weltweit gibt es ähnliche Projekte. Hat sich inzwischen herumgesprochen, dass für die Alten als Kunden zu wenig getan wird?

Nicht wirklich. Geredet und geforscht wird schon lange, aber geschehen ist quasi nichts. In Deutschland sind Produkte, die auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind, noch absolute Mangelware.

Brauchen ältere Menschen wirklich andere Produkte als jüngere?

Ja und nein. An dieser Stelle müssen wir uns erst einmal darüber klar werden, wen wir meinen, wenn wir von älteren Menschen sprechen. Fakt ist, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Vor allem der Anteil derjenigen, die relativ jung, mit 55 oder 60 Jahren, aus dem Berufsleben ausscheiden, aber noch lange nicht körperlich alt und gebrechlich sind, wächst stetig. Diese im Kopf jung gebliebenen Alten - ich nenne sie Generation Plus - haben im Durchschnitt noch 20 Jahre aktive Lebenszeit vor sich. 80 Prozent von ihnen sind gesund und wollen noch viel erleben.

Und - was tun Gesellschaft und Wirtschaft für diese Gruppe?

Nichts. Das ist ja der Skandal. Nur 30 Prozent der Unternehmen stellen sich überhaupt die Frage, ob das ein Markt für sie sein könnte. Man hat panische Angst davor, mit dem Segment der über 50-Jährigen assoziiert zu werden. Diese Altersgruppe taucht bisher auch in der Werbung kaum auf. Was die Wirtschaft übersieht, sind die unglaublichen Potenziale, die hier schlummern. Die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg schätzt, dass der Generation Plus hier zu Lande 100 Milliarden Euro jährlich an freien Mitteln, über die Lebenshaltungskosten hinaus, zur Verfügung stehen, Sparbeträge gar nicht eingerechtet. Dieses Geld könnte für vernünftige Produkte ausgegeben werden, wenn es welche gäbe.

Woran mangelt es denn?

Es fehlen Angebote, die diesen Menschen angemessen wären. Waren und Dienstleistungen orientieren sich an unter 50-Jährigen. Selbst in der Pharmabranche, die sehr wohl erkannt hat, dass ältere Menschen das Gros ihrer Kunden stellen, werden klinische Studien fast nur an jungen Menschen durchgeführt. Kaum jemand ergründet die Bedürfnislandkarte dieser neuen Käuferschicht.

Was ist so Besonderes am Markt der Generation Plus?

Zunächst einmal, dass er sehr inhomogen ist. Viele Menschen entdecken sich selbst, wenn sie älter werden. Sie wollen Dinge tun, zu denen sie vorher keine Zeit hatten oder die ihnen oder ihrer Umgebung zuvor abwegig erschienen. Sie wollen Museen besuchen, Kunst konsumieren und selbst kreativ werden, denn das ist identitätsstiftend. Sie wollen reisen, aber anders als früher. Sie wollen sich weiterbilden oder ein Hochschulstudium nachholen, das in jungen Jahren nicht möglich war. Und vieles wollen sie zu einer anderen Zeit als früher tun, denn Ältere brauchen weniger Schlaf und sind oft schon im Morgengrauen wach. Warum bieten Fernsehsender keine Beiträge für diese Zielgruppe ab 4 Uhr morgens an?

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