Studiumsschulden explodieren: US-Studenten müssen „American Dream“ aufgeben

Studiumsschulden explodieren
US-Studenten müssen „American Dream“ aufgeben

Viele ehemalige US-Studenten ächzen unter den Belastungen ihrer Studienkredite. Momentan ist es fast unmöglich, die Darlehen zu refinanzieren. Trotz angesehener Jobs können sich viele den Traum vom Eigenheim abschminken.
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BostonDer amerikanische Traum vom Eigenheim rückt für viele ehemalige Studenten in unerreichbare Ferne, da sie während ihrer akademischen Ausbildung riesige Schuldenberge angehäuft haben. Und es gibt kaum einen Ausweg: Es ist so gut wie unmöglich, Studentenkredite zu refinanzieren, selbst bei einem persönlichen Bankrott reduziert sich die Summe meist nicht. Gleichzeitig wachsen die Zinsen immer weiter an – teilweise auf mehr als zwölf Prozent. Darunter leidet die Erholung des Immobilienmarktes und der gesamten US-Wirtschaft.

Ein Beispiel ist der 35-jährige Geschichts-Professor Luke Nichter, der im Laufe seiner Ausbildung 125.000 Dollar an Schulden angesammelt hat. Seine Frau Jennifer hat ebenfalls studiert und dafür Kredite über 120.000 Dollar aufgenommen. Monatlich zahlt das Paar etwa 2500 Dollar davon ab.

Für Immobilienkredite kommen die beiden aufgrund ihrer hohen Verschuldung gar nicht erst in Frage. Wie ihnen geht es vielen der Unter-40-Jährigen, die eigentlich gerne ein Eigenheim haben würden, sich diesen Traum jedoch auch in näherer Zukunft nicht erfüllen können.

„Die Studienschulden haben dramatische Auswirkungen auf die Fähigkeit, ein Haus zu kaufen, und dann den Geschirrspüler, den Rasenmäher und die ganzen anderen Käufe, die damit zusammenhängen“, sagt Diane Swonk, Chef-Volkswirtin bei Mesirow Financial. „Das wirkt sich auf die gesamte Wirtschaft aus.“

Verstärkt werden die Probleme noch dadurch, dass der 150 Milliarden Dollar schwere private Markt für Studentenkredite regelrecht explodiert ist und für einige Kredite mittlerweile mehr als zwölf Prozent Zinsen gezahlt werden müssen. Im Gegensatz zu Immobilienkrediten haben die Kreditnehmer wenig Aussicht auf eine Refinanzierung zu niedrigeren Zinsen. Im Gegenteil, wer auf staatliche Förderkredite hofft, muss befürchten, dass sich der Zinssatz im Juli verdoppelt, wenn der US-Kongress den aktuellen Satz nicht verlängert, wie im letzten Jahr geschehen.

Seit 2007 hat sich das Volumen privater und staatlicher Studienkredite auf 1,1 Billionen Dollar (840 Milliarden Euro) verdoppelt, wie aus Daten von Verbraucherschützern und der Fed hervorgeht. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass im Zuge der Finanzkrise weniger Eltern dazu in der Lage sind, das Studium ihrer Kinder zu finanzieren. Durch den Einbruch am Immobilienmarkt sind die Hauspreise um etwa ein Drittel eingebrochen, sodass viele Familien Hypotheken abzahlen müssen, die höher sind als der aktuelle Wert ihres Hauses.

Viele Uni-Abgänger können die Hoffnung auf eine eigene Immobilie begraben. Auch wenn dieser Traum, der als der „American Dream“ schlechthin bekannt ist, laut JPMorgan Chase & Co. weiterhin bestehen geblieben ist - trotz Immobiliencrash und Rekord-Zwangsräumungen. In einer Umfrage im März erklärten neun von zehn Befragten, dass sie ein eigenes Heim besitzen wollen, erklärte die Bank.

„Der Kauf eines Hauses und eine Familie zu gründen sind die Kennzeichen eines amerikanische Mittelklasse-Lebens“, sagt Robert Lawless, Professor am University of Illinois College of Law in Champaign. „Die Hoffnung besteht weiter, aber zurzeit sind viele dazu gezwungen, eine Mietwohnung zu nehmen, da ihr ganzes Geld in die Abzahlung der Studentenkredite fließt.“

Während in einem Bankrott-Verfahren Immobilien- und Kreditkarten-Schulden ausradiert werden können, gibt es bei Studienkrediten keine Absolution. Seit die Bankrott-Regeln 2005 geändert wurden, gibt es keine Möglichkeit mehr, sich seiner Studien-Schuld zu entledigen – mit ganz wenigen Ausnahmen, wie einer schweren und permanenten Behinderung. Die Kreditgeber können Einkommenssteuer-Rückzahlungen einsacken, ebenso wie Gehälter und sogar Sozialhilfe-Schecks, um an ihr Geld zu kommen.

„Es ist wahrscheinlicher, bei einem Autounfall zu sterben, als eine Entlastung von Studienkrediten in einem Bankrottverfahren zu erreichen“, sagt Mark Kantrowitz, der FinAid.org leitet, eine Website zu Uni-Stipendien und -Krediten. „Bei Studienkrediten gibt es kein Entkommen.“

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Bloomberg / Nachrichtenagentur

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  • Weiter so Amerika! Wer ja sagt zum freien Kapitalismus und zur Freiheit wird sich über die Zustände freuen.

    Freiheit von Haus, Krankenversicherung, Rente, Konsum etc. bei lebenslanger Knechtschaft für den Schuldendienst. Kein wunder, dass sich die Amis haufenweise gegenseitig umbringen.

    Das System mit dem die Amis jahrzentelang die Welt unterdrückt und ausgeplündert haben, frisst sie jetzt selbst auf. Größere Kapitalansammlungen führen anscheinend immer zur Unterdrückung und Zerstörung der nicht besitzenden.

  • Super! Dann sind ja die meisten Akademiker in den USA um ein vielfaches mehr verschuldet als der letzte Penner !
    Hm, dann waere es ja schlauer nicht zu studieren!

  • Naja, so richtig weiss der amerikanischste Amerikaner, George W. Bush, dann auch nicht, was der American Dream ist. Schliesslich hat er die 2008er Immobilien-Kreditblase erst so richtig ins Rollen gebracht, mit vehementer Werbung für den "American Dream, small home with a white picket fence and two children", den sich jeder, aber auch jeder erlauben können sollte.

    Der American Dream ist das, was er zum gewünschten Zweck sein muss. Zumindest heutzutage.

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