Tool der Woche
Die gefühlte Inflation

Die Inflation in Deutschland ist extrem niedrig. Doch Experten rechnen mit einer anziehenden Teuerungsrate. Verbraucher spüren längst, dass sie weniger für ihr Geld bekommen. Berechnen Sie Ihre persönliche Inflation.
  • 33

DüsseldorfAlles wird teurer! So fühlt es sich zumindest an. Dass die monatlich veröffentlichte Inflationsrate etwas anderes sagt, mag der normale Verbraucher beim Blick auf seinen Kontoauszug oder auch nur den Kassenzettel im Supermarkt kaum glauben. Gerade mal um 0,9 Prozent sollen die Preise im November im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen sein. Im Oktober war die Teuerung sogar noch geringer, sie lag bei 0,7 Prozent.

Und die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet für den Euro-Raum sogar noch bis 2015 mit einer niedrigen Inflation. Nach den neuesten Prognosen vom Donnerstag erwarten die Währungshüter im laufenden Jahr eine jährliche Teuerung im Euro-Raum von 1,4 Prozent (bisher: 1,5) und 2014 von 1,1 Prozent (bisher: 1,3). Auch danach werde sich der Preisauftrieb kaum beschleunigen.

Dennoch sind viele Experten überzeugt, dass die Inflationsrate weiter steigen wird. Ulrich Kater beispielsweise rechnet mit eineinhalb Prozent Inflation im kommenden Jahr. Die zuletzt recht niedrigen Werte hätten damit zu tun, dass Euro-Land zuvor sechs Quartale lang in der Rezession gewesen sei. Das wirke sich verzögert dämpfend auf die Inflation aus. „Da die Wirtschaft aber wieder anzieht, sollte dies auch wieder leichte Impulse bei den Preisen geben“, sagt der Chefvolkswirt der Dekabank.

Frank Naab, Leiter Portfoliomanagement bei Metzler Private Banking, geht ebenfalls von einer langsam steigenden Inflationsrate aus. „Der Preisdruck entsteht jedoch nicht vordringlich aufgrund der oftmals beschworenen Liquiditätsschwemme der Notenbanken, sondern vielmehr aufgrund klassischer Kostendruckargumente“, sagt er. „Ein nur langsames Wachstum unseres Kapitalstocks, geringe Produktivitätszuwächse und steigende Löhne dürften zukünftig die wesentlichen Gründe für steigende Inflationsraten sein.“

Auch Harald Preißler rechnet mit steigenden Inflationsraten in Deutschland. „Der Lohntrend ist hier dank der günstigen Arbeitsmarktentwicklung stabil aufwärtsgerichtet. Die Konjunktur zieht an, was den Unternehmen die Preisüberwälzung erleichtert“, begründet der Chefvolkswirt und Leiter Anlagemanagement des Anleihemanagers Bantleon. „In Anbetracht dessen dürfte die deutsche Teuerungsrate bereits in der zweiten Jahreshälfte 2014 wieder die Zwei-Prozent-Marke überschreiten und 2015 stramm in Richtung 2,5 Prozent marschieren.“ Damit liegt seine Prognose über der Katers.

Metzler-Experte Naab geht sogar noch weiter: „Tatsächlich ist der Preisdruck schon heute zu spüren“, sagt er. „Lässt man die volatilen Energiepreise einmal unberücksichtigt, so hat sich die harmonisierte deutsche Inflationsrate von circa 0,5 Prozent im Jahr 2010 auf zuletzt knapp 1,5 Prozent beschleunigt. Für das kommende Jahr gehen wir hier von einem weiteren Anstieg auf zwei Prozent aus, bevor in 2015 Raten um die drei Prozent erreicht werden dürften.“

Kommentare zu " Tool der Woche: Die gefühlte Inflation"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Den Unterschied zwischen gefühlter und wirklicher Infaltion gibt es, solange es Preise gibt. Das ist völlig unabhängig vom Namen der Währung, die wir gerade haben. Die meisten heute in Deutschland lebenden Menschen kennen eine Inflation, die der Wirtschaft gefährlich werden könnte, doch überhaupt nicht mehr, da die Inflationsrate in den letzten 64 Jahren nie über 7,6 % hinauskam. Und die 7,6% gabe es 1951. Eine deutlich gesteigerte Inflation gab es noch in den 70er Jahren, Anfang der 80er Jahre und nach der Wiedervereinigung. Seit fast 20 Jahren liegt die Inflationsrate um die 2%.

    Offensichtlich nehmen wir Preissteigerung erheblich deutlicher wahr als Preissenkungen. Das wird sich wohl nie ändern.

    Unabhängig von der Wahrnehmung ist aber eine immer wiederkehrende Argumentation zu beobachten, die wohl in Unkenntnis der Berechnung einer Inflationsrate erfolgt. Immer wieder wird argumentiert, dass die selten gekauften Gebrauchsartikel (Elektronik, Autos) doch nicht in den Warenkorb gehören und das Ergebnis verfälschen, weil ein Fernseher doch nur alle 10 Jahre gekauft wird und die Wurst jeden 2. Tag.

    Hier rennt man offene Türen ein. Selbstverständlich werden die einzelnen Preissteigerungen gewichtet. Wenn die Miete im Mittel 30 % der Haushaltsausgaben ausmachen und die Ausgaben für Elektronik 10 % dann werden Mietsteigerungen natürlich gegenüber Elektronik auch 3-fach gewichtet. Es werden keinesfalls einfach nur die Preisveränderungen von ca. 750 Gütern zusammen gezählt und ein Mittelwert gebildet. Jedes einzelne Gut wird entsprechend seinem Anteil an den monatlichen Ausgaben eingeordnet.

    Warenkorb und Gewichtung werden regelmäßig angepasst, weil sich das mit unseren Lebensgewohnheiten ändert.

    Was natürlich bleibt, sind die unterschiedlichen Konsumverhalten. Ein Fernsehabstinenzler wird nie in den Genuss der preiswerter werdenden Fernsehgeräte kommen und einem Veganer weden die gestiegenen Preise von Milchprodukten völlig egal sein.

  • Komisch, "Die Inflation in Deutschland ist extrem niedrig."

    Nur wird alles extrem teurer!!! Liegt vielleicht eine niederträchtige Wahlwerbung vor???
    ??????????????????????????????????????????????????????????

  • Was ist denn nun schlimmer Inflation oder Deflation? Deflation ist doch meiner Ansicht nach ein viel besorgniserregenderer Indikator als Inflation für die Wirtschaft.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%