Versicherung
Streit um die Lebenserwartung

Eigentlich sollte die nach klaren Regeln definierte statistische Lebenserwartung eindeutig bestimmbar sein. Doch Versicherer messen mit zweierlei Maß: Je nach Versicherung leben die Deutschen im Schnitt länger oder kürzer.

FRANKFURT. "Alter spielt überhaupt keine Rolle, es sei denn, man ist ein Käse." Wie sehr sich die Schauspielerin Billie Burke da doch irrte. Für Versicherungen spielt das Alter sogar eine Hauptrolle. Das zeigt sich besonders deutlich an einem bizarren Schaukampf zwischen dem Branchenverband GDV und der Zeitschrift "Ökotest". Inzwischen ringt auch das Fernsehmagazin "Plusminus" mit. Die Beteiligten streiten sich heftig und beschimpfen sich wüst. Letztlich geht es jedoch um eine einfache Frage: Wie alt werden wir eigentlich?

Für Versicherer hängt von der Antwort ab, wie viel Geld sie verdienen. Ein Beispiel: Ein heute 35 Jahre alter Mann schließt eine private Rentenversicherung ab. Welche Rente soll die Versicherung garantieren, wenn er 65 ist? 200 Euro oder 270 Euro? Für die Antwort ist entscheidend, wie lange der Mann lebt. Das statistische Bundesamt schätzt in seiner, im Internet abrufbaren Sterbetafel 2005/2007, dass er 78 Jahre alt wird. Da die Deutschen immer älter werden, rechnen die Versicherer anders. Sie gehen in ihren Sterbetafeln davon aus, dass der Versicherte über 90 Jahre alt wird. Seine Rente würde also eventuell bis 2060 garantiert.

Vorsichtig zu rechnen, macht also Sinn. Doch wie sehr? Dummerweise hat die Branche einen schweren Stand, weil es einige merkwürdige Vorkommnisse gibt. Bekanntlich kann ein Mensch nur 70 oder 90 Jahre alt werden. Doch für den Versicherer geht beides. Wenn er seinem Kunden eine Rentenversicherung verkauft, profitiert er davon, wenn der Versicherte früh stirbt, bei einer Risikolebensversicherung ist es umgekehrt. "Für einen 35-jährigen Mann geht die Versicherung plötzlich nur noch von einer Lebenserwartung von 73 Jahren aus. Weil die Risikolebensversicherung nur im Todesfall zahlt, erhöht eine geringe Lebenserwartung auf dem Papier das Risiko und damit den Preis", urteilt "Plusminus". Im Vergleich zu einer Rentenversicherung ergibt sich sogar eine Differenz von 20 Jahren.

Für Arno Gottschalk von der Verbraucherzentrale Bremen ist das unfair: "Die Versicherer weichen, wie es ihnen am besten passt, von den offiziellen Zahlen ab. In beiden Fällen zieht der Kunde den Kürzeren. Ich finde, wenn man schon von den offiziellen Zahlen abweicht, dann sollten die Versicherer sich doch mal einigen, ob die Kunden nun deutlich älter werden oder deutlich früher sterben als das Statistische Bundesamt prognostiziert."

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