Vorsorgeexperte im Interview

„Arbeitnehmer müssten jetzt mehr sparen“

Im Nullzinsumfeld packt die Politik jetzt bei den Betriebsrenten an. Im Interview erklärt ein Experte, warum Arbeitnehmer Verluste fürchten müssen und welche Art der betrieblichen Altersversorgung künftig dominiert.
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Das Zinstief belastet auch die betriebliche Altersversorgung. Betriebsrenten sind unter Druck.
Sparen für Angestellte

Das Zinstief belastet auch die betriebliche Altersversorgung. Betriebsrenten sind unter Druck.

Wenn Richard Herrmann, Vorstandsvorsitzender des Beratungshauses Heubeck, mittags ein wenig Sonne tanken und beim Blick aufs Wasser durchatmen will, muss er nur ein paar Schritte über die Straße zum Rhein spazieren gehen. Sein Büro liegt in einem modernen Neubaukomplex direkt am Kölner Gustav-Heinemann-Ufer.
Wir treffen uns am frühen Morgen. In ruhiger Atmosphäre lässt es sich gut sprechen über Herrmanns Herzensthema: die Herausforderungen in der betrieblichen Altersversorgung (bAV), unter anderem im Zinstief. Anlass des Gesprächs ist aber auch der Vorschlag der Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, Betriebsrenten künftig verpflichtend im Tarifvertrag festzuschreiben.

Herr Herrmann, das gesetzliche Rentenniveau sinkt, Niedrigzinsen setzen die private Vorsorge unter Druck. Jetzt zaubern Politiker die betriebliche Altersvorsorge aus dem Hut. Löst das das Vorsorgedilemma?
Wenn die Zinsen ausbleiben, man aber das Versorgungsniveau aufrechterhalten will, dann muss irgendjemand die ausfallenden Zinsen finanzieren. Da gibt es nur drei Spieler. Das ist die gesetzliche Rentenversicherung – da ist nicht viel zu erwarten. Da ist der Arbeitgeber und da ist der Arbeitnehmer. Die drei Säulen sind gefragt. Von daher ist die betriebliche Altersversorgung natürlich besonders herausgefordert.

Richard Herrmann ist Vorstandsvorsitzender der Heubeck AG.
Richard Herrmann

Richard Herrmann ist Vorstandsvorsitzender der Heubeck AG.

Geht es nach der Bundesarbeitsministerin, sollen Arbeitgeber künftig im Tarifvertrag Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung zusagen. Kann das gutgehen?
Das Problem ist: Die arbeitgeberfinanzierte betriebliche Altersvorsorge ist ein Add-on, ein freiwilliger Zusatz. Nicht alle Unternehmen können oder wollen sich das in gleicher Weise leisten. Die Entscheidung, die ein Unternehmen normalerweise hat, Geld für die Altersversorgung der Mitarbeiter bereitzustellen oder nicht, könnte es so nicht mehr treffen. Stattdessen stünde eine allgemein verpflichtende Vorgabe. Für die Arbeitgebervertreter ist es schwer, dies zu unterstützen. Dafür ist ihre Klientel zu heterogen.

Auch die Gewerkschaften haben sich mittlerweile von einer verallgemeinernden Pflichtlösung distanziert …
Eine Regelung auf Tarifebene wäre eine Vereinheitlichung, die sich vorteilhaft und nachteilig für Arbeitnehmer auswirken könnte. Einerseits bekämen Arbeitnehmer eine betriebliche Altersversorgung, die bisher keine hatten, andererseits braucht dann ein Arbeitgeber, der bislang mehr zur bAV beigetragen hat, vielleicht nur noch weniger zu zahlen. Es besteht auch die Gefahr, dass manche Arbeitnehmer etwas verlieren.

Die Pflichtlösung auf Tarifebene droht also zu scheitern, bevor überhaupt Details benannt werden?
Ich habe den Eindruck, dass diese Idee momentan auf Eis liegt.

Was halten Sie vom Vorstoß der IG-Metall, dass Arbeitgeber Mitarbeiter künftig aktiv auf einen Anspruch hinweisen, den sie seit 2002 haben: Teile ihres Gehalts steuerfrei in die bAV einzuzahlen? Transparenz und Information sind immer zu begrüßen. Allerdings können die Gewerkschaft selbst oder die Arbeitnehmervertreter die Mitarbeiter auf den Anspruch hinweisen.

„Es besteht die Gefahr, dass sich der Arbeitgeber zurückzieht“
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5 Kommentare zu "Vorsorgeexperte im Interview: „Arbeitnehmer müssten jetzt mehr sparen“"

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  • Kauft lieber knappe Calls....am besten immer VORbörslich...denn dann sind sie immer am billigsten...nur mit knappen Calls sind Renditen von 300% und mehr kein Traum

  • Nicht nur die Nullverzinsung gefährdert die Betriebsrenten, sondern vor allem der volle Krankenversicherungsbeitrag von 14,6% alleine vom Rentner zu tragen.
    Von einer Betriebsrente von z.B. € 500,-gehen also alleine für die Krankenversicherung schon € 73 weg, von einer Betriebsrente von € 1.000,- bereits € 146,-
    Und das ohne Beihilfe, während die Pensionisten dank einer Beihilfe von 75% geradezu lächerlich geringe Beitrage zur PKV (Private Krankenversicherung) bezahlen.
    Betriebsrenten bzw. private Vorsorge benötigt dieser Personenkreis ebenfalls nicht, geht er doch nach 40 Dienstjahren mit 71,7% seines letzten Einkommens in Pension.

  • Wer an irgendwelche Leute Geld für die Rente bezahlt, bekommt niemals sein Geld wertgleich zurück. Im Grunde genommen wird man nur beraubt. Also was kaufen, ohne Staat oder die anderen Räuber.

  • Wenn es dabei bliebe. Der Fiskus ist sehr kreativ, wenn es darum geht, dem Bürger, der Vorsorge für sich getroffen hat, sein Erspartes zu rauben, insbesondere durch diverse Steuern, Abgaben, Enteignungen, Versagen der Verfügungsmöglichkeit, Sperren der Einnahmen, manipulierte Wertverluste an den Börsen u.v.a.m.

  • Nein Arbeitnehmer sollte gar nicht mehr sparen. Es kommt die Einheitsrente und alle Einnahmen werden erst einmal angerechnet, jede zusätzliche Einnhame zur Rente ist doch bereits dem Zugriff der Kranken- und Pflegekassen ausgeliefert.

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