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08.04.2008 

Bei all den Risiken und Nebenwirkungen – in einem Punkt entfaltet die Reform immerhin die volle gewünschte Wirkung: Ministerin Schmidt hat es geschafft, das Monopol der Ärzte zu knacken, ein seit 75 Jahren verteidigtes Privileg. Bisher traten als Vertragspartner der Kassen einzig und allein die Kassenärztliche Vereinigung (KV) auf. In der KV sind alle Ärzte organisiert, die gesetzlich Versicherte behandeln. Künftig dürfen Kassen auch mit bestimmten Gruppen von Ärzten und unabhängig von der KV Versorgungsverträge abschließen – etwa mit dem Hausärzteverband. Die Kassen sparen dadurch im Zweifelsfall Geld, das sie an ihre Versicherten weitergeben können.

Mit gutem Beispiel geht dabei die AOK Baden-Württemberg voran: Sie hat die gesamte Versorgung für ihre vier Millionen Versicherten bundesweit ausgeschrieben. Bewerben können sich Ärztegruppen, die sichere Versorgung gewährleisten können. Im starren Gesundheitssystem, in dem sich jeder an seinen Pfründen festklammert, gleicht dies einer mittleren Revolution.

Anderes dagegen plätschert so vor sich hin, was die Regierung als "Wettbewerb" preist. Zum Beispiel die Rabattverträge. Sie haben zum Ziel, die Arzneimittelkosten zu senken – den zweitgrößten Posten bei den Gesundheitsausgaben. Inzwischen haben so gut wie alle Krankenkassen mit fast 100 Pharmafirmen für über 24 000 Medikamente Rabatte ausgehandelt. Nach Schätzungen des Branchendienstes IMS Health brachte dies im vergangenen Jahr Einsparungen in Höhe von 140 Millionen Euro. Das klingt zwar nach viel Geld – ist es aber nicht. Allein die Erhöhung der Mehrwertsteuer 2007 schlug bei den Kassen mit 800 Millionen Euro zu Buche. Wasem: "Da macht sich Ernüchterung breit."

Die könnte sich noch steigern. So stoppte das Landesgericht Stuttgart kürzlich neue geplante Rabattverträge. Eine Reihe mittelständischer Pharmafirmen hatten sich benachteiligt gefühlt, da große Konzerne leichter große Mengen zu guten Preisen bereitstellen können. Der AOK gehen dadurch 300 Millionen Euro geplante Einsparungen verloren. Jetzt geht die Sorge um, auch andere Firmen könnten klagen.

Die Baden-Württemberger streben deshalb ein Verfahren am Bundessozialgericht an. Von dessen Ausgang hängt ab, wie der Pharmamarkt der Zukunft aussieht: Wird er noch weiter reguliert, wo doch jetzt schon selbst Fachleute nicht mehr durchblicken in diesem Gewirr von Festbeträgen, Höchstbeträgen, Boni und Mali – geschweige denn ihre teils widersprüchliche Wirkung verstehen?

Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker – bei Medikamenten mag das helfen. Doch bei Gesundheitsreform und Gesundheitsfonds ist die Gefahr groß, dass niemand mehr die unerwünschten Auswirkungen überblickt. Merkel und Schmidt haben sich dennoch entschieden. Sie wollen trotz aller Risiken den Fonds pünktlich zum 1. Januar starten. Damit nehmen sie die Wut vieler Versicherter über steigende Beiträge in Kauf. Im Wahljahr 2009 könnte das zu bösen Nebenwirkungen führen.

Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 12, 17.03.2008


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