Das weltweit bereitgestellte Geld trieb quer durch alle Branchen die Kurse. "Der Kaufhunger der Heuschreckenfonds muss gigantisch sein", lästerte das US-Anlegermagazin "Barron’s" noch vor wenigen Wochen, "wenn selbst ein offensichtlich wertloses Unternehmen wie Chrysler einen Käufer findet." Einen Käufer hat Chrysler nur gefunden, weil Daimler-Chef Dieter Zetsche im Frühjahr das Risiko an die Banken weiterreichte. Die suchen jetzt für Kredite von 50 Milliarden Dollar Abnehmer – finden aber keine (siehe Tabelle Die größten Übernahmen).
Bis vor Monatsfrist reichte das pure Gerücht, Finanzinvestoren interessierten sich für ein Unternehmen, schon schossen die Kurse durch die Decke. "Man musste nicht einmal einen Übernahmekandidaten im Depot haben", sagt der Londoner Asset Manager Albrecht von Witzleben, "meist genügte es, die Aktien von irgendwelchen Konkurrenten zu besitzen. Auch deren Kurse zogen an, sobald sich eine Übernahme ankündigte." Das ist nun vorbei.
Trotz der Probleme üben sich Banker in altbekannten Beschwichtigungsformeln. Es handele sich um eine "gesunde Korrektur", die überfällig gewesen sei – ein Crash sei nicht zu befürchten. "Ausgestanden ist das noch nicht; die nächsten Wochen können noch sehr giftig werden", sagt Klaus Schrüfer, Chefinvestor von SEB, "aber die mittelfristigen Aussichten für die Aktienmärkte sind nach wie vor positiv. Die Weltkonjunktur ist robust, die Unternehmensgewinne steigen von ihren Rekordniveaus sogar noch weiter an – und Aktien sind trotz allem günstig."
Allein – die Anleger glauben den Experten nicht mehr so einfach. "Wir beobachten bei unseren Kunden eine weit größere Unsicherheit als bei den vorangegangenen Korrekturen", sagt Tom Weber, Chefvolkswirt beim Bankhaus Wölbern, "obwohl die Märkte im Durchschnitt mit acht Prozent weniger verloren haben als im Mai und Juni 2006 mit fast 14 Prozent." Roland Ziegler, Leiter Aktienstrategie bei BHF-Trust in Frankfurt, ergänzt: "Die Risikowahrnehmung der Anleger hat sich schlagartig verändert, die Risikofaktoren – der US-Immobilienmarkt, die Gefahr steigender Zinsen und Energiepreise, die Möglichkeit, das Gewinnwachstum der Unternehmen könnte abflachen –, sie sind ja alle nicht neu. Nur sind sie bisher unter dem Deckmantel der vermeintlich endlosen Liquidität ausgeblendet worden. Jetzt rücken sie auf einmal in den Vordergrund."
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