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01.05.2008 
Landwirtschaft

Die Vorstadt-Farmer

von Kelly Spors

Farmer leben in den Vereinigten Staaten nicht mehr notwendigerweise auf dem Land. Immer öfter findet man auch in den Städten Gemüsegärten. Denn hohe Agrarpreise machen auch kleine Parzellen attraktiv. Über den lukrativen Wechsel von Gras zu Gemüse.

Frischer Salat aus dem eigenen Garten: Immer öfter werden Gartenanlagen in amerikanischen Städten zum Gemüseanbau genutzt. Foto: dpaLupe

Frischer Salat aus dem eigenen Garten: Immer öfter werden Gartenanlagen in amerikanischen Städten zum Gemüseanbau genutzt. Foto: dpa

BOULDER. Wenn Vorstadtbewohner aus dem Fenster gucken, dann wollen sie in der Regel auf einen gepflegten grünen Rasen schauen. Nicht so Kipp Nash. Er möchte Gemüse sehen. Und darüber sind nicht alle seiner Nachbarn erfreut. "Ich würde lieber grünes Gras als braune, matschige Beete sehen", sagt die 82-jährige Florence Tatum, die in Kipp Nashs Nachbarschaft in Boulder im US-Bundesstaat Colorado wohnt. Der Vorgarten ihres Nachbarn von gegenüber wurde gerade umgegraben und ist frisch gedüngt. "Die Zeiten, in denen in den Vorgärten Rasen wuchs, sind offenbar vorbei", sagt die Seniorin bedauernd.

Seit 2006 hat Kipp Nash seinen Garten und die Gärten von acht Nachbarn umgepflügt und sie in Mini-Farmen verwandelt. Dort wachsen nun Tomaten, Chinakohl, Knoblauch und Rote Beete. Zwischen Mai und September händigt Nash wöchentlich körbeweise frisch geerntete Gemüse und Kräuter an seine Nachbarn aus, die Anteile an seinem Gärtnerei-Betrieb gekauft haben. Die Nachbarn, die ihm ihre Gärten zum Gemüseanbau zur Verfügung gestellt haben, bezahlt er in Form von Naturalien und kostenloser Gartenarbeit.

Eigentlich ist Nash Schulbusfahrer. Morgens um fünf Uhr steht er auf. Wenn er dann vom Frühdienst zurückkommt, verbringt er den Rest des Tages damit, seine Farmgärten in Schuss zu halten: Pflanzen setzen, bewässern und Unkraut jäten. In einem Gewächshaus in seinem Garten zieht er Setzlinge.

Farmer leben in den Vereinigten Staaten nicht mehr notwendigerweise auf dem Land. Immer öfter findet man auch in den Städten Gemüsegärten. Manch ein Nachbar nutzt die steigende Nachfrage nach regional angebautem Bio-Gemüse, um sich etwas dazu zu verdienen. Anders als der traditionelle Hobbygärtner widmet diese neue Gattung von Mini-Farmern nicht nur einen Teil des Gartens dem Gemüseanbau. Vielmehr graben sie den kompletten Garten um und bauen solche Sorten an, die gerne von Restaurants gekauft werden, wie Rauke oder Kohlrabi.

"Die Landwirtschaft verlagert sich mehr und mehr in die Vorstädte", sagt Roxanne Christensen, von der Firma Spin Farming. Ihr Unternehmen verkauft seit drei Jahren Ratgeber und bietet Seminare für Vorstadtgärtner an. Dabei lernen diese, wie sie das meiste aus einem kleinen Garten herausholen können, indem sie in einer bestimmten Fruchtfolge mehrere Gemüsesorten nacheinander anbauen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lukrativer Wechsel von Gras zu Gemüse

Umweltschützer begrüßen die Nutzung der Stadtgärten, denn dadurch entfällt der Transport des Gemüses vom Land in die Stadt und das reduziert den Ausstoß von Kohlendioxyd. Außerdem werde damit das Wasser, das sonst nur zum Sprengen der Rasenflächen verwendet worden sei, sinnvoll eingesetzt, um Lebensmittel abzubauen. Allerdings stören sich viele Nachbarn an den Vorstadt-Farmen. Der Anblick von Gemüsegärten und der Gestank von Dünger ist nicht das, was sich viele unter einem Leben in einem städtischen Vorort vorstellen. Viele Hausbesitzer haben sich deshalb bereits zusammengeschlossen, um Gemüseanbau in ihren Stadtteilen zu verbieten. Die Nachbarn der Vorstadt-Farmen befürchten, dass der Wert ihrer Immobilien dadurch fällt.

Dennoch findet es eine zunehmende Zahl von Vorstadtbewohnern lukrativ, anstelle von Gras essbares Grünzeug auf ihrem Grundstück wachsen zu lassen. Um eine Mini-Farm mit einer Fläche von einem achtel Acre, gut 500 Quadratmeter, anzulegen, müsse ein künftiger Nebenerwerbsgärtner rund 5 500 Dollar investieren, etwa für ein Kühlhaus oder einen kleinen Marktstand, sagt Roxanne Christensen von der Firma Spin-Farming. Die jährlichen Betriebskosten für Saatgut oder Marktstandgebühren beliefen sich auf etwa 2 000 Dollar. Dafür kann der Mini-Farmer mit dem Gemüseanbau 10 000 bis 20 000 Dollar im Jahr verdienen. Wer Geschick und Talent für die Gärtnerei beweise, könne die Einkünfte auch noch erheblich steigern.

Susan und Greg VanHecke zum Beispiel hatten ursprünglich nur einen kleinen Bereich ihres Gartens als Gemüsebeet angelegt. Sie wollten damit ihre Kinder dazu bringen, mehr Grünzeug zu essen. Doch die Ernte war so gut, dass sie im vergangenen Jahr einem Restaurantbesitzer ihr Gemüse anboten. Bald verkauften VanHeckes ihre Überschüsse wöchentlich an das Restaurant und verdienten damit durchschnittlich 100 Dollar pro Lieferung. Inzwischen hat die Familie alle Blumenbeete in ihrem Garten in Nutzfläche verwandelt, denn sie haben nun einen zweiten Restaurantbesitzer als Kunden gewonnen.

Allerdings geht es den VanHeckes wie vielen Nebenerwerbsfarmern: Sie kämpfen damit, dass ihnen der Zeitaufwand für den Garten über den Kopf wächst. "Mein Mann kam von der Arbeit als Marine-Offizier nach Hause und verbrachte den ganzen Feierabend damit, Blätter abzuschneiden und Salatköpfe zu waschen", sagt Susan VanHecke. Die VanHeckes beschlossen deshalb, vom zeitintensiven Salatanbau auf etwas pflegeleichtere Gemüsesorten wie etwa Tomaten umzusteigen.

Eines verbindet die Vorstadt-Farmer mit ihren hauptberuflichen Kollegen vom Land: Beide leiden darunter, wenn das Wetter nicht mitspielt. Ein Frost zur Unzeit oder ein heftiger Sturm können die gesamte Ernte vernichten. Diese Erfahrung musste auch Kipp Nash machen: Ein Hagelsturm im Sommer 2006 machte seinen ersten Versuch, Gemüse in den Gärten seiner Nachbarschaft anzubauen, zunichte. "Das ist einfach eine Sache, die man nicht in der Hand hat", räumt er ein.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wertvolles Ackerland

Immobilienboom
Während die Preise für Wohnimmobilien in den USA wegen der Finanzkrise rapide an Wert verlieren, erlebt der Markt für landwirtschaftliche Flächen eine regelrechte Blüte. Der Grund: Die enorm steigenden Preise für Weizen, Mais, Soja und andere Agrar-Rohstoffe.

Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) schätzt, dass der durchschnittliche Preis für ein Acre (knapp 4 050 Quadratmeter) Anbaufläche im vergangenen Jahr um 13 Prozent auf 2 700 Dollar gestiegen ist. Im Vergleich zu 1998 hat sich der Preis für Ackerland damit mehr als verdoppelt. Das Ministerium sagt für dieses Jahr einen weiteren Anstieg um 15 Prozent voraus.

Preisanstieg
In Iowa sind die Preise für Nutzflächen allein seit September um elf Prozent gestiegen. Für Spitzenlagen wird mehr als 5 600 Dollar je Acre gezahlt. Nach der jährlichen Erhebung de Universität von Nebraska verteuerte sich Ackerland in diesem Bundesstaat im vergangenen Jahr sogar um 23 Prozent auf 1 425 Dollar je Acre. Innerhalb von fünf Jahren stieg der Wert landwirtschaftlicher Flächen im Bundesstaat Nebraska, der zum Maisgürtel der USA zählt, um 88 Prozent.

Überhitzungsgefahr
Einige Experten sprechen bereits von der Gefahr einer Blase auf diesem Segment des Immobilienmarktes. Zuletzt waren in Nebraska beispielsweise im Jahr 1981 Spitzenpreise für Ackerland gezahlt worden. Das war kurz vor dem Crash des Agrarmarkts.

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