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10.04.2008 
Gesetzlich und privat

Versicherte unter Entscheidungsdruck

von Melanie Bergermann und Anke Henrich, Wirtschaftswoche

Der Gesundheitsfonds naht. Gesetzliche und private Kassen starten Werbefeldzüge, um Kunden zu halten und Wechselwillige zu gewinnen. So schützen Sie sich und Ihr Geld.

Gesetzlich, aber auch privat Versicherte sind von der Einführung des Gesundheitsfonds betroffen. Foto: apLupe

Gesetzlich, aber auch privat Versicherte sind von der Einführung des Gesundheitsfonds betroffen. Foto: ap

Alles klar, Clara? Nein! Wer die brünette Geheimwaffe von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt fragt, mit welchem Beitragssatz er ab 2009 bei seiner Krankenkasse zu rechnen habe, bekommt von der Beraterin die Antwort: "Ich habe leider keine Familie. Wie soll ich mich bei meinem 24-Stunden-Job denn noch um mein Privatleben kümmern?" Die Arme. Immerhin ist ihre Gesundheit nicht gefährdet: Denn Workaholic Clara ist nur eine virtuelle Auskunftsperson, eine Art Web-2.0-Avatar der Ministerin auf der offiziellen Internet-Seite Gesundheitsreform.de.

So wie es aussieht, wird Schmidts Clara auch in Zukunft vor lauter Anfragen keine ruhige Minute haben. 2009 startet der Gesundheitsfonds, ab dann müssen alle in einer gesetzlichen Krankenkasse Versicherten, egal, wie günstig oder teuer ihre Kasse derzeit ist, einheitlich derzeit noch geschätzte 15,3 Prozent des Bruttolohns zahlen. Das will die Politik so, um die Gesundheitskosten und die Krankenkassen in den Griff zu bekommen.

Teuer kommt der Fonds für alle, die jetzt günstig versichert sind: Ihre Beiträge werden dann eben von 12, 4 oder 14, 3 Prozent auf die 15,3 Prozent angehoben. Wer heute zum Beispiel 12,4 Prozent vom Lohn, der höher als 3600 Euro ist, an die Kasse überweist (die Hälfte zahlt der Versicherte, die Hälfte der Arbeitgeber), muss ab Januar 47 Euro mehr zahlen – aber ohne Zuschuss vom Chef.


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Gutverdiener können sich in die privaten Kassen retten. Die empfangen sie zwar aufs Herzlichste, denn ihnen gehen die dringend nötigen Neukunden aus. Aber auch von den Kunden der privaten Krankenversicherung (PKV) fordert Ulla Schmidt Tributzahlungen: Zum einen muss die PKV einen sogenannten Basistarif als sinnvolle Billiglösung einführen, der von den anderen PKV-Versicherten quersubventioniert werden muss. Aussagekräftige Zahlen dazu gibt es noch nicht.

Zum anderen können die Privaten ihre Kunden nicht mehr in Ketten legen: Wenn die den Anbieter wechseln wollen, dann müssen sie all das Geld bei der Kasse lassen, das aus ihren Beiträgen für die teuren Krankheiten im Alter zurückgelegt wurde. Das macht den Umstieg bisher extrem teuer, weil sie beim neuen Anbieter wieder von vorn rückstellen müssen.

Damit ist nun Schluss. Die Versicherten müssen zwar ab 2009 deshalb etwas höhere Beiträge zahlen, aber dann sind die Privaten zu ihrem Leidwesen verpflichtet, Überläufern zumindest einen Teil als Mitgift zu überlassen. Na also, geht doch! Jahrzehntelang hatten die Unternehmen ihren Kritikern von einer Gutachterarmee penibel vorrechnen lassen, dass eben diese Morgengabe wirtschaftlicher Selbstmord für das ganze Versichertenkollektiv sei.



Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nun steigen Unsicherheit und Wechselwille

Nun steigt das Wechselfieber. Nur gut 8,5 Millionen Menschen in Deutschland sind privat versichert. Weitaus mehr, rund 70 Millionen, sind Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Nicht alle freiwillig: Erst wer im Jahr mehr als 43 200 Euro verdient, dem gestattet der Staat, die Solidargemeinschaft der GKV zugunsten der PKV zu verlassen. Unter diesen 70 Millionen sind aber auch rund fünf Millionen freiwillig Versicherte. Sie verdienen über der Grenze, das heißt sie dürfen umsteigen, wenn sie dieses Gehalt drei Jahre hintereinander erreichen.

Mit dem Fieber steigt auch die Unsicherheit. Was heute wie eine gute Lösung aussieht, kann sich in einigen Jahren als teure Fehlentscheidung entpuppen. GKV-Pflichtversicherte rätseln, ob es sich bis 2009 noch lohnt, bei günstigeren Anbietern unterzukommen, welche Kosten die Gesetzlichen künftig überhaupt bezahlen werden und ob sie nur noch mit freiwilligen Zusatzversicherungen einigermaßen gesund altern können. Mitglieder kleiner Kassen – insgesamt tummeln sich noch über 200 Anbieter im Markt – haben ganz andere Sorgen: Das Überleben der Winzlinge ist politisch nicht gewollt. Was wird dann aus ihren Kunden?

Freiwillig GKV-Versicherte grübeln, ob sie angesichts der zusammengestrichenen Leistungen und des nahenden Zwangsbeitrags nicht doch besser zu einer der 40 Privaten wechseln sollen. Aber welche ist die beste? Oder sind sie besser dran, wenn sie bleiben und ihre angestammte GKV mit Zusatzversicherungen aufrüsten? Privatversicherte können im ersten Halbjahr 2009 erstmals leichter zu einem privaten Konkurrenten wechseln. Aber wer ist wirklich besser als ihr alter Anbieter, wo drohen weder Beitragsexplosion noch Streit um jede dritte Rechnung?

Die privaten und gesetzlichen Kassen akquirieren sich schon warm, um potenzielle Neukunden mit Angeboten zu ködern, in denen nicht selten Stolperfallen und Pferdefüße versteckt sind.


» Handelsblatt-Indikatoren: Die frühzeitige und zuverlässige Schätzung für Wirtschaft und Investoren


Die sechs wichtigsten Fragen und Antworten für Wechselwillige lesen Sie hier.

» Sollte ein freiwillig in der GKV Versicherter sich zu den Privaten retten?
» Welche PKV ist die solideste und wie entwickeln sich die Beiträge?
» 2009 können Privatversicherte leichter als bisher ihren Anbieter wechseln. Lohnt sich das?
» Lohnt es sich, bei der eigenen PKV in einen günstigeren Tarif zu wechseln?
» PKV oder GKV – wer wird seine Leistungen noch stärker einschränken?
» Lohnt es sich für Pflichtversicherte, innerhalb der GKV zu wechseln?

Quelle: Wirtschaftswoche, Nr. 12, 17.03.2008


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