2005 fällt das Steuerprivileg
Lebensversicherungen im Winterschlussverkauf

Von 2005 an müssen die Gewinne aus neuen Lebensversicherungen versteuert werden. Für wen sich der Abschluss einer Police jetzt noch lohnt.

Carlottas Geburt macht viele glücklich. Die LVM Versicherung im Emsland, die Commerzbank in Frankfurt, die Stadtsparkasse Remscheid. Sie kamen zum Zuge. Die HypoVereinsbank Rodgau kam es trotz ihrer Blumen nicht. Auch zwei Versicherungsvertreter, die just zur Abendfütterung anriefen, und eine Dame, die die Mutter gleich an der Haustür mit Werbematerial überschüttete, mussten draußen bleiben. Versicherungen und Banken wittern seit Monaten Neugeschäft im Frankfurter Kinderzimmer. Eltern, Omas, Opas und auch die Uroma sollen die Zukunft der Kleinen gefälligst absichern - erstens sofort und zweitens mit einer Kapitallebensversicherung. Denn so renditeträchtig werde eine so sichere Geldanlage nie wieder, lobpreisen die Assekuranzen. Ob Geburt oder der 30. November als Wechseltag für die Autohaftpflicht, ihre Vertreter nutzen alles als Türöffner. Doch für wen und vor allem bei wem lohnt sich eine Police wirklich?

Vom 1. Januar an gilt das neue Alterseinkünftegesetz, dass die nachgelagerte Besteuerung für Rentenbezüge einführt. Der entscheidende Unterschied zu bisher: Stufenweise müssen ausgezahlte gesetzliche und private Renten versteuert werden. Im Gegenzug sind die Beiträge zur Altersvorsorge aus dem laufenden Einkommen von 2005 an bis zu 20.000 Euro für Ledige steuerlich abzugsfähig, von 2025 an schließlich komplett. Der Sinn des Ganzen: Nur noch Zahlungen, die tatsächlich den Ruhestand absichern, werden staatlich gefördert - das Ferienhaus auf Mallorca, finanziert aus der Einmalzahlung am Ende der Laufzeit, wird es nicht mehr.

Das Mammutgesetz trifft auch der Deutschen liebste Altersvorsorge. Vom Januar an ist die Auszahlung einer mindestens zwölf Jahre währenden Kapitallebensversicherung (KLV) nicht mehr steuerfrei. Für nach dem Silvesterfeuerwerk abgeschlossene Verträge greift das Halbeinkünfteverfahren: Nur die Hälfte des Gewinns (der Differenz zwischen eingezahlten Prämien und ausgezahlter Summe) ist nach dem persönlichen Satz einkommensteuerpflichtig, wenn die Versicherung mindestens zwölf Jahre lief und nach dem 60. Geburtstag ausgezahlt wird. Alle anderen Varianten sind voll steuerpflichtig.

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 47 vom 11.11.2004 Seite 158

Schlechte Renditen fressen Steuervorteil

Für Zinsjäger verliert der Klassiker mit der Neuregelung an Wert. Ob sich jetzt trotzdem noch der Abschluss nach alten Konditionen lohnt, hängt vom Altersvorsorgekonzept, dem persönlichen Steuersatz und der klugen Wahl des Anbieters ab.

Beispiel: Ein 40-Jähriger, der einen Steuersatz von 30 Prozent hat, und eine KLV für 25 Jahre mit 150 Euro Prämie pro Monat abschließen will, spart mit einer 2004er-Police rund 5000 Euro Steuern. Wer in vermeintlicher Eile aber beim falschen Anbieter unterschreibt, wagt sich auf dünnes Eis: Deren mickrige Renditen versenken auch den schönsten Steuervorteil. Das - plus der Intransparenz der wahren Kosten - sind die schlagendsten Argumente gegen eine KLV. Es geht nicht um Peanuts. 2003 verwalteten die Gesellschaften 997 Milliarden Euro im Auftrag ihrer Kunden - darunter 90 Millionen KLV-Policen.

Wer sich für die Kapitalleben entscheidet, der eile mit Weile. Die Versicherungswirtschaft hat beim Finanzministerium die Verlängerung des Winterschlussverkaufs durchgesetzt. Bis zum 31. Dezember muss dem Kunden eine Annahmeerklärung des Versicherungsunternehmens ausgehändigt werden, die erste Prämie muss statt bis zum 1. Dezember bis zum 31. März 2005 überwiesen werden. Wem nutzt jetzt noch eine Kapitallebensversicherung?

Wer profitiert?

- Zuallererst nur dem, der die Prämien über die gesamte Vertragslaufzeit - Jahre oder Jahrzehnte - zahlen kann. Wer früher aussteigt, verliert Geld.

- Dem, der bisher auf die staatliche Rente angewiesen ist. Die schmilzt, so Experten, in den nächsten Jahren auf 56 Prozent des letzten Nettogehalts.

- Dem, der einen Partner oder eine Familie absichern will. Anders als etwa die Rürup-Rente schließt die KLV eine Hinterbliebenenrente oder Einmalzahlung ein.

- Kunden mit hohem Steuersatz, die mithilfe der späteren Auszahlung einer KLV den Kredit einer vermieteten Immobilie ablösen wollen. Die Darlehenszinsen verringern die Steuerlast, die Auszahlung der Versicherung bleibt steuerfrei.

- Selbstständige und Beamte, die ihren Vorsorgefreibetrag noch nicht durch ihre Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung komplett aufzehren. Gut verdienende Angestellte hingegen nutzen den Freibetrag von 5069 Euro damit bereits aus.

- Kapitalanleger, die eine über Jahrzehnte garantierte Rendite wollen und dafür akzeptieren, dass sie im Schnitt nicht mehr und nicht weniger als 4,00 Prozent Zinsen kassieren können - davon sind zurzeit nur 2,75 Prozent garantiert. Der Rest fließt aus der jährlich neu kalkulierten Überschussbeteiligung.

Die Ertragskraft der Versicherer

Vier Prozent hält Michael Wortberg, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, nicht für zu wenig. Er sieht es pragmatisch: "Das ist der Preis der Bequemlichkeit. Dafür reicht es, sich einmal gründlich über den richtigen Anbieter zu informieren, und dann läuft die Sache Jahrzehnte." Dreh- und Angelpunkt für die eigene Rendite ist die Ertragskraft des Versicherers. Nach der jahrelangen Börsen-Malaise, die Milliarden Euro stiller Reserven vernichtete, sieht der Wiener Finanzwissenschaftler Jörg Finsinger endlich wieder Licht am Horizont. Im Auftrag der WirtschaftsWoche untersucht er jährlich die Finanzstärke von tonangebenden 75 Lebensversicherungen.

Das auffälligste Ergebnis: Vielen Versicherungen gelang der Aufstieg im Rating. Fünf Sterne zierten im vergangenen Jahr nur 7 Unternehmen, jetzt erreichten 13 Unternehmen den Platz an der Sonne - neu sind der Volkswohl-Bund, Cosmos Direkt, die HUK-Coburg, die Öffentliche LV-Anstalt Oldenburg, Provinzial Rheinland, Westfälische Provinzial und die Europa.

Erstaunlich: Kämpften im vergangenen Jahr noch 17 Unternehmen auf den Abstiegsplätzen mit nur einem Stern, stiegen 6 Assekuranzen in die Zwei-Sterne-Kategorie auf, 4 schafften gar den Durchmarsch zu den drei Sternen - KarstadtQuelle, Inter, Neue Bayerische und Gothaer. Woher kommt der Aufschwung im Versicherungsland? Finsinger: "Die Nettoverzinsung ist gestiegen, weil die Unternehmen auf den Kapitalmärkten wieder mehr Geld verdienen konnten. Zugleich haben sie die Zuteilungen an die Versicherten gesenkt. Die Verwaltungskosten blieben im Schnitt konstant, während die Abschlusskosten seit drei Jahren sinken. So haben sie ihre Finanzpolster wieder aufgebessert."

Ein Trend, so Finsinger, der sich 2004 und 2005 fortsetzen dürfte: "Die Erträge am Kapitalmarkt dürften ähnlich hoch wie 2003 ausfallen. Durch die drohende Versteuerung der Versicherungserträge zieht das Neugeschäft jetzt im vierten Quartal deutlich an. Kurzfristig hat das zur Folge, dass die Verwaltungs- und besonders die Vertriebskosten steigen. Aber übers nächste Jahr gleicht sich das aus." Das hat Folgen auch für die Überschussbeteiligung der Kunden: "Auf mittlere Sicht dürfte sie langsam nach oben angepasst werden."

Modell mit Zukunft

So spricht ein externer Experte. Gerhard Rupprecht, Chef der Allianz Leben, mag so viel Optimismus noch nicht verbreiten. Rupprecht meint: "Wir rechnen damit, dass die Gewinnausschüttung stabil bleibt - bei der heutigen Marktsituation sind das etwa 4,5 Prozent. "Wohin sich die Branche und damit die Rendite ihrer Kunden entwickelt, das hängt auch von den Folgen der neuen Steuerregeln ab. Hendrik Jahn, Partner der Unternehmensberatung Accenture, sieht an dieser Baustelle wenig Grund zur Sorge: "Wir rechnen zwar damit, dass das Neugeschäft mit Kapitallebensversicherungen in den nächsten zwei Jahren im Vergleich zu 2003 um etwa 25 bis 30 Prozent einbrechen wird." Von 2007 an werde die Nachfrage aber wie zuvor sein. Zum einen, so Jahn, "weil den Menschen die Notwendigkeit zur privaten Altersvorsorge immer klarer wird. Zum anderen, weil die Lebensversicherung eine steuerbegünstigte Geldanlage bleibt, wenn der Fiskus seine Hand nur auf die Hälfte der Erträge legt."

Jahn rechnet nicht damit, dass die Branche bahnbrechend neue Vorsorgevarianten aus dem Hut zaubert. Womöglich setzen sie auf Versicherungsprodukte mit Investmentfonds. Bei denen trägt zunehmend der Kunde statt der Versicherung das Anlagerisiko. Wie bei den Briten: No risk, no fun. In Deutschland werden maximal 35 Prozent der Kundengelder in Aktien investiert, in Großbritannien sind es bis zu 85 Prozent. Einige Unternehmen wie Standard Life oder Clerical Medical erwirtschaften so seit Jahren Renditen bis zu zehn Prozent. Michael Hanitz, Vertriebschef von Clerical Medical in Deutschland, kommt das neue Alterseinkünftegesetz deshalb sehr gelegen: "Ich rechne mit steigender Nachfrage der Deutschen. Entscheidend ist dann nicht die Steuer-, sondern die Ertragsfrage." Einen Vorteil gegenüber dem direkten Einzahlen von Raten in Investmentfonds bieten die Fondspolicen aber weder steuerlich noch hinsichtlich der Erträge. Sie sind nur bequemer.

Alternativen fürs Jahresende

Wer jetzt noch handeln will, ohne sich auf das Überraschungspotenzial fondsgebundener Policen einzulassen, dem stehen bis Silvester drei steuergünstige Möglichkeiten als Alternative zur KLV zur Verfügung:

- Eine so genannte Police 5+7, bei der alle Prämien en bloc auf ein Depotkonto eingezahlt werden und die Ablaufsumme steuerfrei nach zwölf Jahren ausgezahlt wird - lohnend für Gutverdiener.

- Die Vorratspolice. Bei ihr wird vor dem 31. Dezember quasi der Versicherungsmantel gekauft, die Absprachen für Prämienhöhe und Auszahlungsmodus können im Laufe des kommenden Jahres festgelegt werden. Zum Einstieg reicht ein Minibetrag.

- Eine Direktversicherung. Über den Arbeitgeber können Angestellte 1752 Euro jährlich als Gehaltsumwandlung in eine Lebensversicherung fließen lassen, pauschal a versteuert mit 20 Prozent. Nach zwölf Jahren sind die Erträge steuerfrei. 2005 wird auch hier nachgelagert versteuert: Der für die Versicherung verwendete Lohn bleibt steuerfrei, aber im Alter greift der Fiskus bei der Auszahlung voll zu.

Die gute Nachricht für Schwerentscheider: Eine steuerschonende Altersvorsorge für Gutverdiener gibt es auch nach dem Jahreswechsel: die neue Rürup-Rente. Noch rücken die Assekuranzen nicht mit den Produktdetails raus, um den Ausverkauf der hauseigenen Kapitalleben nicht zu torpedieren. Experten gehen aber davon aus, dass die Produkte so steuerschonend sind, dass sie der neuen Version der Kapitalleben deutlich überlegen sind.

Doch die Sache hat einen Haken: Diese Police soll das charmant benannte Langlebigkeitsrisiko absichern und sonst nichts. Das Gesetz gestattet der reinen Rürup-Rente keinen Todesfallschutz - wer seinen 60. Geburtag nicht erlebt, dessen Geld bleibt im Versicherungstopf. Die Rente ist nicht zu vererben und nicht zu beleihen. Doch auch dafür bastelt die Versicherungsbranche an einer Lösung. Dietmar Bläsing, Vertriebsvorstand des Volkswohl-Bundes: "Wir werden Ergänzungsbausteine anbieten. Beispielsweise die Vererbbarkeit für fünf Euro Zusatzprämie im Monat."Womit wir fast wieder bei der alten Kapitallebensversicherung wären.

Die "5+7"-Police

Für auf Sicherheit bedachte Anleger, die ihre Freibeträge ausgeschöpft haben und auf ihr eingezahltes Geld zwölf Jahre verzichten können, ist eine bis Jahresende abgeschlossene Police "5+7" interessant. Die Police kombiniert eine steueroptimierte Geldanlage mit einem Versicherungsmantel und brachte bisher im Schnitt Renditen um vier Prozent. Sie kann sowohl als Lebensversicherung mit Einmalauszahlung als auch als Rentenversicherung abgeschlossen werden. Noch sind die Erträge steuerfrei, von 2005 an unterliegen auch sie dem Alterseinkünftegesetz.

So funktioniert’s: Der Kunde überweist eine hohe Summe als Einmalzahlung auf ein Depotkonto bei einer Versicherung. Oder er leistet fünf Jahresprämien. Fünf Jahre entnimmt die Assekuranz aus diesem Topf Geld, um die fälligen Prämien zu zahlen. Anschließend ruht der Vertrag sieben Jahre, denn um in den Genuss der Steuerfreiheit bei Auszahlung der Versicherung zu kommen, müssen die gesetzlich vorgeschriebenen zwölf Jahre Mindestdauer erreicht sein. Für diese Variante trommeln die Assekuranzvertreter zurzeit marktschreierisch. Sie werben nicht mit den 2,75 Prozent Garantiezins und der variablen Überschussbeteiligung, sondern mit den Sparzinsen, die dem Depotgeld fünf Jahre gutgeschrieben werden.

Doch Vorsicht: Inzwischen überschlagen sich die Finanzdienstleister in ihren Angeboten. Je nach Einlagenhöhe sind es bis zu 4,5 Prozent. Diese Zinsen sind häufig variabel. Und schon haben Festgeldanleger ein Déjà-vu: Kaum ist das Geld überwiesen, senkt die Bank den Zinssatz - leider, leider gebe der Kapitalmarkt nicht mehr her, so die gängige Erklärung. Zudem verringert sich das zu verzinsende Guthaben durch die entnommenen Prämien. Und die Depotzinsen sind auch jetzt schon steuerpflichtig.

Am Ende der Laufzeit ist also nicht entscheidend, wie viel Depot-Schmankerl bei Vertragsabschluss angepriesen wurden. Sondern - nicht anders als bei der klassischen Lebensversicherungspolice - es kommt darauf an, wie clever die ausgewählte Versicherung investiert und wie viel Geld sie für Abschluss- und Verwaltungskosten abknöpft.Nicht zu vergessen: Wer vorher aussteigt, erleidet dasselbe Dilemma wie immer bei Lebensversicherungen: Der niedrige Rückkaufwert treibt einem die Tränen in die Augen.

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 47 vom 11.11.2004 Seite 158

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