Altersvorsorge
"Lust auf Neues"

Die Psychologin Claudia Eilles-Matthiessen über Ex-Chefs am Staubsauger, schweigsame Ehen und die besten Voraussetzungen für 20 gute Jahre.

Frau Eilles-Matthiessen, was macht ein erfahrener Manager im Ruhestand, wenn keiner mehr auf sein Kommando hören will?

Er will weiterhin Einfluss nehmen und rutscht meist instinktiv in Ehrenämter wie den Vorsitz in einem Verein oder einer Stiftung hinein. Da können Cheftypen ihre Führungsrolle weiterleben und etwas bewegen. Wichtig sind gute Freunde, die Klartext reden: "Mach mal langsam, du sitzt hier nicht mehr auf dem Chefsessel."

Gute Freunde können sich zurückziehen, wenn ihnen der Neu-Rentner auf die Nerven fällt. Die Gattin kann das nicht so einfach und braucht erst mal Nerven aus Stahl.

Wer plötzlich den ganzen Tag miteinander verbringen muss, schweigt sich oft an. Anekdoten aus dem Berufsleben, die manches Gespräch füllten, fehlen im Ruhestand. Konflikte sind dann programmiert. Ebenso wenn der Gatte plötzlich die Hausarbeit umorganisiert, den Einkauf optimiert und den Freundeskreis restrukturiert. Handeln Sie neue Rollen für Ihre Beziehung aus, das ist mühsam, aber sorgt dafür, dass sich beide Partner wahrgenommen fühlen. Schmieden Sie Pläne, entwickeln Sie Lust auf Neues und verwirklichen Sie das, wozu vorher keine Zeit war. Wann, wenn nicht jetzt? Da kommen noch 20 Jahre. Richtig schwierig wird es für die Paare, die sich schon vorher nicht mehr viel zu sagen hatten, deren Leben aber zuvor noch der Berufsalltag strukturiert hat.

Wird in dieser Lebenssituation auch ein großer Altersunterschied zum Problem?

In der klassischen Beziehung mit größerem Altersunterschied und zwei Kindern starten viele Frauen mit Mitte 40 eine späte Berufskarriere, entwickeln dadurch wieder Selbstbewusstsein und entdecken ihr Leben neu. Steht der Mann dann vor der Rente und fühlt sich alt, lebt sich das Paar mitunter auseinander.

Den anderen Paaren bietet der Ruhestand mehr Zeit für die Kinder und Enkel.

Na ja, die haben aber nicht unbedingt darauf gewartet, deshalb Vorsicht vor übertriebenem Engagement. Auch die erwachsenen Kinder wünschen sich keine allzu große Einmischung. Die Großeltern sollten bei aller Liebe ihr eigenes Leben führen. Je mehr Säulen das hat, desto besser.

Was macht den Übergang vom Job zum Ruhestand selbst für aktive und finanziell gut versorgte Menschen so heikel?

Es knackst am Selbstbild, wenn der Abschied aus dem Job ansteht. Mancher fühlt sich zum ersten Mal wirklich alt. Rentner? Das waren immer die anderen. Abschied und große Veränderungen stehen an, das wirkt bedrohlich. Noch dazu fehlt in Zukunft der jahrzehntelang genossene Status, ein wichtiger Mensch im Job zu sein - auch das nagt.

Welchen Problemen sollte man nach der ersten Freude über die neue Freiheit ins Auge sehen?

Das neue Leben erscheint vielen zunächst fade, den Tagesrhythmus bestimmen nicht mehr Konferenzen und Verhandlungen, nur noch man selber. Besonders kritisch ist es für diejenigen, die noch gar nicht aufhören wollten, sondern zu früh, plötzlich und unfreiwillig ausscheiden. Gerade wer von einem jüngeren Chef herausgeworfen wird, fühlt sich ausgesondert. Derjenige muss erst mal Frieden mit der eigenen Biografie schließen.

Leichter gesagt als getan.

Bis zu einem bestimmten Punkt hilft ein Gespräch mit Vertrauten. Aber man darf das Thema nicht ewig weiterkauen. Tun Sie alles, was das eigene Selbstwertgefühl stützt - dann tritt die Kränkung in den Hintergrund. Wer glaubt, er habe falsche Entscheidungen getroffen, muss sich die Gründe vergegenwärtigen. Vielleicht war es positiv, den Karriereschritt auszulassen, damit mehr Zeit für die Familie blieb. Vieles ist zudem nicht selbst verschuldet. Ein Rauswurf wegen einer Umstrukturierung trifft auch hochqualifizierte Arbeitnehmer.

Wem fällt der Abschied besonders schwer?

Männern. Denn Frauen haben in ihrem Leben durch die Familienarbeit häufig viele andere Lebensbereiche gepflegt. Kritisch ist es für Angestellte, die lange nicht mehr gewohnt waren, eigenständig etwas Neues anzupacken.

So rächt es sich, wenn sich immer nur alles um den Job gedreht hat?

Ja, denn alle, die immer schon ein Leben außerhalb des Büros gepflegt haben, gehen damit besser um. Besser dran sind auch Freiberufler wie Anwälte oder Architekten: Sie schubst keiner zum 65. Geburtstag aus dem Job, sie arbeiten weiter und behalten zumindest ihre be-rufliche Identität. Für den angestellten Projektleiter hingegen gibt es nach dem Abschied aus dem Unternehmen keine Projekte mehr.

Erinnern Sie sich an einen Fall, wo der Übergang besonders gut geklappt hat?

Der Leiter einer Rechtsabteilung war beruflich sehr eingespannt. Er hat dann in seinem Golfverein viel auf die Beine gestellt, einen Roman über seine Heimatstadt geschrieben und zu Hause neben einer kleinen Schreinerei auch noch das Schuhmacherhandwerk erlernt. Hut ab. Die Interessen hat er allerdings auch schon Jahre vor der Pensionierung entwickelt. Je vielseitiger die Interessen gestreut sind, desto besser. Denn da darf man sich nichts vormachen: Einige Fähigkeiten nehmen im Alter ab. Tennis geht nicht mehr, wenn der Rücken schmerzt.

Eilles-Matthiessen, 40, leitet Seminare zur „Vorbereitung auf die nachberufliche Lebensphase“. Die promovierte Organisationspsychologin arbeitet als Trainerin, Buchautorin und Lehrbeauftragte der Frankfurter Universität.

Das Gespräch führte Heike Schwerdtfeger, Wirtschaftswoche.


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