Altersvorsorge
Was die neue Lebensversicherung taugt

Eine Studie enthüllt: Selbst große Versicherungskonzerne glauben nicht mehr an die Lebensversicherung. Deshalb gehen sie jetzt mit neuartigen Tarifen auf Kundenfang. Handelsblatt hat die neue Altersvorsorge getestet.
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DüsseldorfIn der Anonymität reden auch ansonsten eher schweigsame Personen Klartext. Das belegt eine Umfrage unter Lebensversicherern, die in dieser Woche vorgestellt wurde. Die Wirtschaftsprüfer von Deloitte, die Rückversicherer von RGA und das Institut für Versicherungswissenschaften in Leipzig haben 23 Gesellschaften zu der Zukunft ihrer Branche befragt. Und Allianz, Ergo, Gothaer und Co plauderten aus dem Nähkästchen.

Den eigenen Produkten trauen die Versicherer offenbar kaum. Mehr als neun von zehn Gesellschaften zweifeln etwa daran, ob sie wegen dem negativen Marktumfeld langfristig finanzierbare Garantien geben oder attraktive Altersvorsorgeprodukten anbieten könnten. Die Branche zittert vor dem historischen Zinstief. 83 Prozent sehen den Zustand der Finanzmärkte als entscheidend für die Zukunft der deutschen Lebensversicherung. 81 Prozent sehen die Erwirtschaftung der mittleren Zinsgarantie als die große Herausforderung der Branche.

Unter Klarnamen zeigen die Branchenteilnehmer eine ganz andere Sicht der Dinge. „In Relation zu der gewährten Sicherheit gibt es keine bessere Alternative zum Aufbau der Altersvorsorge“, erklärte etwa Simone Schuchert, Sprecherin des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft. „Gerade in diesen Zeiten käme das Sicherheitssystem der Lebensversicherung besonders zum Tragen „In guten Kapitalmarktzeiten werden Sicherheitspuffer aufbaut, die in unruhigen Zeiten zur Glättung der Überschüsse der Versicherten verwendet werden“. Allianz-Leben-Vorstand Alf Neumann erklärt, dass die Lebensversicherung weiterhin attraktiv sei. „Sie ist das einzige Angebot für Altersvorsorge, das Sicherheit und Risikoabsicherung für lange Zeiträume mit attraktiven Renditen verbindet“.

Der Garantiezins sank auf ein historisches Tief von 1,75 Prozent. Auch die Überschussbeteiligung, maßgeblich für eine gute Verzinsung, sank in diesem Jahr nach einer Analyse des Analysehauses Morgen & Morgen unter 3,9 Prozent. Ein 37-jähriger Versicherter, der jetzt abschließt und jeden Monat hundert Euro einzahlt, würde nach 30 Jahren eine Rendite auf seine Beiträge je nach Gesellschaft nur noch zwischen 2,4 Prozent und fünf Prozent erzielen – wenn die Zinsen konstant bleiben würden. Die meisten Versicherten profitieren selbst von solchen Minirenditen nicht, da sie vor Ablauf kündigen.

In der Umfrage gehen 95 Prozent der Befragten davon aus, dass die Überschussbeteiligung in Zukunft weiter sinken wird. Mehr als ein Drittel der Gesellschaften geht sogar davon aus, dass sie „stark sinken“ wird. Wie sehr sich viele Gesellschaften schon jetzt zur Decke strecken, wird in der Umfrage deutlich. Mehr als drei Viertel der Befragten gibt an, das es wünschenswert wäre, wenn Garantien nicht mehr bis zum Laufzeitende gelten würden.
„So gehen wir davon aus, dass wir in fünf Jahren neue Produkte am Markt sehen werden: Abschnittsgarantien beispielsweise werden dann bei der Gestaltung von Garantieprodukten eine große Rolle spielen“, sagt Klaus Mattar, Hauptbevollmächtigter der deutschen Niederlassung der RGA. So könnten Versicherer niedrigen und volatilen Zinsen wie Vorgaben aus Solvency II besser begegnen.

Nicht nur aus diesem Grund scheint die Lebensversicherung ein Auslaufmodell zu sein. 83 Prozent der Versicherer geben an, dass die Transparenz in der Lebensversicherung erhöht werden muss. Keine Gesellschaft sagt, dass in der Lebensversicherung Transparenz bereits „voll und ganz“ gegeben sei.

Die meiste Kompetenz in diesem Punkt haben laut Versicherer die Verbraucherschützer. 91 Prozent sehen die Kundenvertreter als Treiber für mehr Transparenz. Nur 13 Prozent sehen die Versicherer als Vorreiter für Transparenz, gerade mal acht Prozent den Vertrieb. Die klare Mehrheit der Branche erklärt, dass der Gesetzgeber verbindliche Vorschriften für sie erlassen müsste um Transparenz und Verbraucherschutz zu steigern.

Niedrige Zinsen, harte Vorgaben durch die Politik und mangelnde Kundenfreundlichkeit - Unter den Versicherern scheint der Glaube an ihr traditionelles Produkt allmählich zu schwinden. Trotz vielfach mangelhaften Angeboten besteht aber weiterhin der Bedarf nach privater Altersvorsorge. Die Versicherer bieten zahlreiche Alternativen zur klassischen Lebenpolice. Handelsblatt Online zeigt, welche Produktarten es bereits gibt und welche Chancen und Risiken sie den Kunden bieten.

Das Problem: Wegen der sich von der Branche selbst attestierten Intransparenz dürften kaum einer der Inhaber der knapp 40 Millionen privaten Rentenverträgen wissen, was er abgeschlossen hat. Die Risiken können beachtlich sein. "In extremen Marktsituationen müssen Kunden bei vielen Produkten sogar mit negativen Renditen rechnen", sagt Stephan Schinnenburg, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. Sein Analysehaus errechnet, wie sich die Renditen von Tarifen in 10.000 verschiedenen Kapitalmarktverläufen verhalten. Auf den nächsten Seiten werden diese "Volatium"- Chancen- und Risikoprofile für Altersvorsorgeprodukte abgebildet.

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  • ich habe mit KLV-Check einige noch laufende sowie abgelaufene Policen überprüft. Ich habe noch keine Kapitallebensversicherung gesehen, die nicht von einem 0815-Sparvertrag+Risikolebensversicherung um Längen geschlagen worden wäre.

  • Wäre es nicht mal an der Zeit den Lesern mitzuteilen, in welche Produkte denn das zu sparende Geld angelegt werden muss, um auf höhere Renditen als bei der LV zu kommen ? Und wird man dann auch die damit verbundenen Risiken hinweisen, das Geld am Ende noch zu haben und vielleicht auch auf die in der LV im Beitrag enthaltenen Absicherungen ? Ich würde dann jetzt auf die empfohlenen Aktien, Zertifikate oder den hochinteressanten Rohstoff warten.

  • Die Überschüsse haben sich in den letzten 12 Jahren halbiert, von 7-8% auf derzeit unter 4%. Jedes Jahr bekommen die Versicherten die Mitteilung das weniger raus kommt als prognostiziert, trägt jeder durch seine Unselbständigkeit zu denken/handeln eine Mitschuld. Wer jetzt immernoch für 1,75% einen Vertrag unterzeichnet, der erst nach ca. 17 Jahren durch Abschlußkosten usw. bei Plus/Minus Null steht, dem ist nicht zu helfen. Das heutige Urteil zum ESM Vertrag wird diesen Verfall noch beschleunigen und den Kapitalstock der Versicherungen in den kommenen Monaten schön durcheinanderwirbeln. Dann ist es nicht mehr weit bis der §89 VAG angewandt werden muß!

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