Anwältin für Versicherungsrecht: „Als fair würde ich keinen Versicherer bezeichnen“

Anwältin für Versicherungsrecht
„Als fair würde ich keinen Versicherer bezeichnen“

Beatrix Hüller war Sachbearbeiterin in einer Versicherung. Sie musste Invaliden und Kranken systematisch Leistungen verweigern. Heute ist sie Anwältin und erklärt, wie Versicherer tricksen und Kunden an ihr Geld kommen.
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Frau Hüller, Sie haben bei einer Versicherung gearbeitet und Geld ausgezahlt, wenn ein Versicherter berufsunfähig wurde oder einen Unfall hatte. War das eine schöne Aufgabe?
Das klingt zumindest so. Ich bin als junge Akademikerin angetreten mit dem hehren Ziel, Leuten zu helfen. Relativ schnell habe ich jedoch festgestellt, dass dies nicht meine Aufgabe war.

Sondern?
Meine Aufgabe war eher, Leistungen nicht auszuzahlen oder möglichst lang hinaus zu zögern.

Wie haben Sie das gemacht?
Ich habe unendlich viele Formulare angefordert, Fragebögen verschickt, Arztberichte angefordert – und immer wieder nachgefragt. Oft hielt ich den Fall schon für reif, um zu zahlen. Doch wenn ich die Freigabe vom Vorgesetzten brauchte, dann hatte er immer noch eine Idee, um zunächst einmal nicht zu zahlen.

Um wie viel Geld geht es da?
In der Berufsunfähigkeitsversicherung geht es um Monatsrenten bis zu 5.000 Euro und mehr im Monat, bei der Unfallversicherung geht es um Kapitalleistungen von 100.000 Euro und mehr bei schweren Schäden – und zusätzlich um eine monatliche Rente von 1.000 Euro und mehr.

Wie viele Fälle haben Sie bearbeitet?
Im Jahr hatte ich rund 600 Fälle.

Wie erfolgreich waren Sie?
Beim ersten Schriftwechsel waren es sicher drei Viertel, die ich abgelehnt habe.

So viel, wie geht das?
In der Unfallversicherung haben wir gezielt nach kritischen Formulierungen in den Unfallanzeigen geschaut. Wenn die Leute sich ungeschickt ausdrücken, hatten wir es relativ leicht. Wir haben einfach festgestellt, dass es sich um keinen Unfall handelt. Dafür gab es vorbereitete Textbausteine, die waren mit Ziffern bezeichnet. Im Computer haben wir auf die Ziffer gedrückt und schon hatten wir das Ablehnungsschreiben.

Und wenn die Leute den Unfall dann noch mal genauer erklärt haben?
Dann haben wir diese Erläuterung in Zweifel gezogen – und oft erneut abgelehnt.

Kommentare zu " Anwältin für Versicherungsrecht: „Als fair würde ich keinen Versicherer bezeichnen“"

Alle Kommentare
  • ich bin im rechtsstreit mit der ttk, ansonsten eine gute versicherung, aber bei mir geht es um eine rückwirkend geschriebene krankmeldung, hier versucht die vs aus prinzip den ärzten diese rechtlich, im einzelfall, richtige möglichkeit zu nehmen und lässt sich, in der hoffnung, das ich aufgebe, auf eine viel teurere und langjährige verhandlung ein.

  • Ich kämpfe selber seit 8 Jahren gegen die RV und Allianz, habe schon zweimal gewonnen und immer noch kein Recht bekommen. Ich habe 2009 einen Peditionsantrag gestellt, der abgewiesen wurde. Von Politikern, die von den Versicherungen Parteispenden erhalten. Nun ist es in aller Munde und auch Frau Leutheusser- "Schnarchberger" musste sich äußern. Es muss sich was ändern, die Versicherungen haben zu viel Macht und das durch die Angst, die diese verbreiten. Überprüft ob Ihr wirklich alle Versicherungen braucht, lasst Euch nicht beschwatzen.

  • Guten Tag, danke den Redakteuren u. dem Handelsblatt für den mutigen Artikel, und vor allem auch Dank an Frau Hüller. Präzise nach diesem System ist die DAK-Gesundheit in meinem Fall vorgegangen: Nicht antworten, abwiegeln, ablehnen u. immer auf Zeit spielen. Falls Sie interessiert sind, können Sie eine genaue Auflistung u. alle Fakten und Nachweise zur Veröffentlichung erhalten.
    Es wäre auch m.E. nun am Handelsblatt, zu recherchieren, wieviel von dem den Versicherten vorenthaltenen Geld in den gebunkerten 22 Milliarden Euro stecken. MfG Frank Palmer

  • Habe über fast zwei Jahrzehnte für einen großen sog. berufsständischen Versicherer neben Kranken auch schwerpunktmäßig unfallvers. angeboten. Selbstverständlich habe ich im Schadensfall die Anzeige für den Kunden übernommen. Da in dieser Sparte der neutrale Gutachter die Höhe der Invaliditäts-Entschädigung bestimmt, gab es in dieser Hinsicht nie Probleme. Es gab 2 oder 3 Fälle die aus meiner Sicht eine höhere Entschädigung gerechtfertigten, da habe ich dem Kunden geraten ein Gegengutachten zu verlangen, was jeweils zu einer Besserstellung führte. Die UV-Sparte ist mit die rentabelste im Konzern, damit wurden Verluste aus der KFZ ausgeglichen.

  • Der Vertragstext für Versicherungsangebote (Riester, LV, Berufsunfähigkeit usw.) gehört von A-Z vom Gesetzgeber ausgearbeitet. Die unterschiedlichen Versicherungen können dann ihre vergleichbaren Angebote offerieren und der Kunde hat ein transparente Auswahl. Neue Angebote sollten vom Gesetzgeber geprüft werden und bei einem festgestellten Nutzen freigegeben werden. Übrigens genauso, wie Pharmaunternehmen eine Zulassung für ihre neu entwickelten Medikamente erhalten, erhält dann die Finanzindustrie eine Zulassung für mögliche neue Produkte. Anders wird kaum es kaum kundenfreundlichen Wettbewerb in der Finanzbranche geben können.

  • Das sich ausgerechnet ein Anwalt als Retter aufspielt ist schon dreist. Wer gelegentlich mit dieser Spezies zu tun hat wird bestätigen, dass ein Anwalt in der Regel seine Vergütung an erster Stelle sieht. Überzogene Streitwerte, sinnlose Prozesse und schließlich ein Vergleich, der höheren Gebühren wegen.
    Ich bin schon öfter von Anwälten als von Versicherungen über den Tisch gezogen worden !

  • Ohne qualifizierte Hilfe sollte kein Versicherter versuchen, vom Versicherer Geld zu erhalten. Auch wenn mal schnell und unbürokratisch geholfen wird, bleibt immer etwas für den Versicherer übrig. Leider weis kaum jemand, dass es den zugelassenen Versicherungsberater gibt (www.bvvb.de). Das sind Personen, die sich in der Regel qualifizierter als die meisten Anwälte im Versicherungsrecht auskennen und die Versicherungsnehmer, ob Privatperson oder Unternehmen, im Schadensfall gegenüber den Versicherern vertreten.

  • Der Grund wurde hier doch schon mehrfach genannt. Und es wurde auch berichtet, dass dieser Grund nicht(!) nur für eine einzelne Versicherung gilt.

    Was meinten Sie mit Ihrer Anmerkung wirklich?

  • Ich bin seit über 18 Jahren in der Versicherungsbranche als Schadensachbearbeiter für verschiedene Gesellschaften tätig. Dabei habe ich mich immer von der Frage leiten lassen: "Was muss ich wissen, um diesen Schaden auszahlen zu können?" Einmal habe ich die Übernahme eines Referats aus moralischen Gründen rundweg abgelehnt. Ich habe deswegen niemals irgendwelche Nachteile hinnehmen müssen. Ich fürchte, Frau Hüller hat in besonderer Weise den Satz verinnerlicht: „Dessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing“. Es handelt sich hier meines Erachtens nicht unbedingt um ein spezifisches Problem der viel gescholtenen Versicherungswirtschaft, sondern zumindest auch um ein persönliches Thema von Frau Hüller, welches sie mit sich ausmachen muss.

  • Ihren Grund wird sie ja haben, aber anscheinend wollen Sie hier nichts konstruktives beitragen.

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