Bei vielen Rechtsschutzpolicen steigen die Prämien
Anwalts Liebling wird teuer

Die meisten der über 40 Rechtsschutzversicherer werden im Herbst ihre Prämien ein weiteres Mal heraufsetzen. Grund: Die Preiserhöhungen im Vorjahr reichten nicht aus, um die gestiegenen Kosten für Rechtsanwälte und Gerichte auszugleichen. Bei einem Prämienaufkommen von rund drei Mrd. Euro fuhr die Branche im Jahr 2005 einen versicherungstechnischen Verlust von etwa 150 Mill. Euro ein.

KÖLN. Betroffen sind von den Prämienanhebungen sowohl das Neugeschäft als auch bestehende Verträge. Denn wie im Vorjahr haben die Treuhänder einen Angleichungsbedarf festgestellt, der im Wesentlichen auf das zum 1. Juli 2004 in Kraft getretene neue Rechtsanwaltsvergütungsgesetz zurückzuführen ist.

Angesichts des harten Wettbewerbs wollen wiederum viele Versicherer bei der Preiserhöhung unter den Empfehlungen ihrer Treuhänder bleiben. Dazu versuchen sie, die gestiegenen Aufwendungen intern aufzufangen beziehungsweise lösen Rückstellungen auf, die sie in den letzten Jahren extra für diesen Zweck gebildet haben.

Wie bei der Gesetzesänderung prognostiziert, haben die höheren Kosten für Rechtsanwälte und Gerichte bei den meisten Anbietern die Schadenaufwendungen deutlich gesteigert. Seit dem 1. Juli dürfen Rechtsanwälte zudem ihre Gebühren für die Beratung frei aushandeln. Dies dürfte die Kosten weiter nach oben treiben.

Derzeit sind 43 Prozent aller Haushalte rechtsschutzversichert, wobei die Hälfte der Versicherten lediglich eine Verkehrs-Rechtsschutz-Police abgeschlossen hat. „Die Versicherungsdichte nimmt seit Jahren leicht ab, was wir, wie viele andere Rechtsschutzversicherer, insbesondere auf die wirtschaftliche Situation vieler Haushalte zurückführen“, sagt Andrea Timmesfeld von der Roland Rechtsschutz. Zugleich nehme das Risiko einer rechtlichen Auseinandersetzung mit der wachsenden Gesetzesdichte und der anhaltenden Konjunkturschwäche – vor allem beim Arbeits-Rechtsschutz – kontinuierlich zu. Als weiteres Indiz für den wachsenden Rechtsschutzbedarf wertet Timmesfeld, dass mittlerweile auch Verbraucherschützer bestimmte Rechtsschutzprodukte für notwendig erachten.

In diesem Umfeld gibt sich die Branche findig. Zwar ist den Rechtsschutzversicherern unverändert die Rechtsberatung ihrer Kunden verwehrt, doch immer mehr Häuser lassen ihre Kunden am Telefon durch Rechtsanwälte beraten, die auf Honorarbasis arbeiten. Mit den schnellen Rechtstipps und der gezielten Weiterleitung an den richtigen Fachanwalt erhoffen sich die Versicherer, Kosten zu sparen und Kunden zu binden.

Die Spannbreite der Angebote ist groß und reicht vom festgeschriebenen Rechtsanspruch auf die telefonische Erstberatung in allen Rechtsfragen (Arag) bis zu freiwilligen Serviceangeboten für einzelne Fragen in den Rechtsgebieten, die auch versichert wurden.

Als einer der letzten großen Versicherer hat die Allianz zum 1. Januar den Erstberatungsservice eingeführt. Angesichts von 40 000 Kundenvermittlungen zum Rechtsanwaltsnetz im ersten Halbjahr sieht sich der Marktführer zumindest im Bereich der Kundenbindung bestätigt.

„Die optimale Betreuung ist im Regelfall auch die wirtschaftlichste, nicht zuletzt weil besonders qualifizierte Anwälte regelmäßig auch eine höhere Erfolgsquote haben. Das führt entsprechend häufig dazu, dass die Kosten vom Gegner ersetzt werden“, sagt Regina Spieler von der D.A.S. Damit entstehe eine „win-win“-Situation für die Kunden und die Versicherung.

Andere Maßnahmen, um die Preissteigerungen im Rahmen zu halten, sind Schadenfreiheitsrabatte wie in der Autoversicherung und die Einführung von Selbstbehalten, die zunehmend um sich greifen. So will beispielsweise der Rechtsschutzversicherer der öffentlichen Versicherer Örag in Kürze ein Modell einführen, mit dem das Angebot auf Selbstbehaltstarife umgestellt wird. Dies soll die andernfalls notwendige Prämiensteigerung abfedern.

Einige Versicherer verlängern dagegen die Verträge besonders klagefreudiger Kunde nicht mehr oder machen im Schadenfall von ihrem Recht auf Kündigung Gebrauch. Auch Klagen vor Verwaltungsgerichten werden in der Privatrechtsschutz oft nur noch zum Teil, manches Mal gar nicht übernommen.

Darüber hinaus ist die Branche um zusätzliche Kunden bemüht. Mit neuen Tarifen etwa für Studenten und Azubis, Journalisten oder Internetnutzer sollen neue Zielgruppen erschlossen werden.

Hintergrund: Schwieriger Markt

Neuer Rahmen: Mit dem Kostenrechtsänderungsgesetz sind die Gebühren für Rechtsanwälte und die Gerichtskosten zum 1. Juli 2004 angehoben worden. Die Rechtsschutzversicherer dürfen diese zusätzlichen Kosten in ihren Tarifen nur über mehrere Jahre verteilt an ihre Kunden weitergegeben. Dies hängt mit der so genannten Beitragsanpassungsklausel zusammen.

Vertrackte Klauseln: Nach dieser Beitragsanpassungsklausel sind Prämienerhöhungen bei Bestandskunden nur nach klaren Regeln möglich. Dabei werden die Anpassungssätze Jahr für Jahr von einem unabhängigen Treuhänder festgelegt.

Weniger Leistung: Neben höheren Honorarsätzen dürfen die Rechtsanwälte seit Juli 2004 zudem die Kosten für die Beratung und für die Erstellung von Gutachten frei aushandeln. Viele Rechtsschutzversicherungen haben darauf reagiert und die zu erstattenden Kosten auf maximal 250 Euro pro Beratung begrenzt. Einige Anbieter setzen außerdem auf zusätzliche Service-Hotlines, bei denen Vertragsanwälte unterschiedlicher Fachrichtungen beim Versicherungskunden eine Erstberatung vornehmen. Das spart Kosten.

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