Berufshaftpflicht
Wenn das Leben unbezahlbar wird

Die Beiträge steigen, die Zahl der Versicherer sinkt: Nicht nur Hebammen, auch geburtsleitende Frauenärzte haben es schwer. Sie zahlen bis zu 80.000 Euro pro Jahr für die Absicherung von Berufsrisiken. Zu viel für viele.
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DüsseldorfVielleicht war er nur müde, abgelenkt, jemand anderes hatte nach ihm gerufen – am Ende ist das alles egal. Im entscheidenden Moment hat der geburtsbegleitende Gynäkologe nicht hingeschaut. Ein Blick auf den Monitor hätte genügt, um zu sehen, dass etwas nicht stimmt mit der Herzfrequenz des ungeborenen Kindes. Der Fötus ringt nach Sauerstoff, doch dem Mediziner entgeht die Anomalie. Sein Leben lang wird das Kind nun sowohl körperlich als auch geistig schwerstbehindert sein.

Nun passiert eine solch grobe Unaufmerksamkeit äußert selten – doch ganz auszuschließen ist sie auch nicht. Für die Gynäkologen liegen genaue Statistiken nicht vor. Einen Anhaltspunkt zur Häufigkeit schwerer Geburtsschäden könnte aber eine Zahl liefern, die der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für die freiberuflichen Hebammen bereithält. Demnach passierten in den Jahren 2006 bis 2011 im Schnitt 12 sogenannte „schwere Personenschäden“, bei denen die Schadenssumme 100.000 Euro übersteigt. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum kamen in jedem Jahr im Mittel 675.000 Kinder zur Welt.

Einem niedergelassenen Frauenarzt, der sich die Option offen halten will, auch Geburten zu betreuen, geht es damit im Zweifel wie den rund 3500 freiberuflichen Hebammen in Deutschland: Für die Absicherung ihres beruflichen Risikos müssen auch Gynäkologen immer teurer bezahlen – gleichzeitig bieten immer weniger Versicherungen überhaupt entsprechende Berufshaftpflichtpolicen an.

Noch vor zehn Jahren zahlte ein niedergelassener Frauenarzt mit Geburtshilfe für eine private Berufshaftpflichtversicherung weniger als 10.000 Euro pro Jahr. Heute muss er mindestens das Vierfache hinlegen, schätzt Axel Valet, Sprecher der Belegärzte im Berufsverband der Frauenärzte. Laut dem Mediziner hätten diejenigen seines Berufsstands, die zwischen 40.000 und 50.000 Euro im Jahr an Prämie bezahlen, einen guten Tarif erwischt. Tiefer in die Tasche greifen müsse dagegen, wer bereits einen Vorschaden zu verantworten hat – oder sich erstversichern möchte.

Was die Lage weiter verschärft: Immer weniger Versicherer bieten überhaupt noch Policen für Gynäkologen mit Geburtshilfe an. Einige auch Große im Markt – allen voran die Zurich, aber auch die Sparkassenversicherung – haben sich mittlerweile zurückgezogen. „Übrig geblieben sind eine Handvoll Anbieter“, schätzt Karl-Heinz Küpper vom Versicherungsmakler Partner Assekuranz. Nicht zuletzt diese zunehmende Konzentration am Markt habe die Prämien zuletzt zusätzlich nach oben getrieben.

Dementsprechend bangen müssen auch niedergelassene Gynäkologen mit Geburtshilfe, deren Berufshaftpflichtpolice ausläuft oder vom Versicherer gekündigt wird. „Wer heute ohne Versicherung dasteht, hat es schwer“, sagt Mediziner Valet. Von einer Kollegin weiß er, dass ein großer Anbieter ihr die Wiederversicherung für 80.000 Euro im Jahr angeboten hatte – eine unerschwingliche Summe. Und auch Valet selbst war betroffen: Nachdem ihm die Sparkassenversicherung im vergangenen Jahr seine Police gekündigt hatte, fand der seit 1991 praktizierende Mediziner keinen bezahlbaren Ersatz.

Kommentare zu " Berufshaftpflicht: Wenn das Leben unbezahlbar wird"

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  • @kognitiver

    degeneriertes Vollkaskobiotopsgewächs - das ist mein persönliches Wort des Jahres - Herzlichen Dank für den Lacher in der Mittagspause!!!

    Je mehr wir unsere Justiz veramerikanisieren, desto schneller wird's mit uns hier bergab gehen. Es trifft doch mittlerweile alle Berufe, die eine Dienstleistung erbringen: Immer mehr Bürokratie, immer mehr Haftungsfallen, immer mehr anbieterfeindliche, nicht mehr nachvollziehbare Rechtsprechung, Beweislastumkehr, u.s.w.

    Dre Schaden wird leider nicht wieder gut zu machen sein, aber wen stört's, die politisch gut vernetzten Anwälte reiben sich die Hände...

  • Tja, "Fastfood" setzt sich überall durch, auch in den eigenen körperlichen Empfindungen, persönlichen Beziehungen und vielen anderen Lebenssituationen. Schnell, leicht und hipp, Geburt und Tod gibts nicht mehr wirklich.

    http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/54800/Niederlande-Weniger-schwere-Komplikationen-nach-Hausgeburten
    Nicht, das dieses schon seit Jahrzehnten bekannt wäre, aber wer belegt dann die Betten und sichert die Vergütungsordnung?
    Da kann man Jahrhunderte Jahre altes Wissen schon mal hintenan stellen, im Namen des "Fortschritts".
    Eine Frau muss nicht mehr zum Kurpfuscher wenn sie abtreiben muß, aber dann zur Geburt muss sie sich eine Hebamme backen oder im Ausland entbinden, wenn sie es so haben will wie Mutter Natur das vorgesehen hat.
    Besser kann man ein gut gedachtes System eigentlich nicht mehr pervertieren.

  • Weitere Lösung:
    Man könnte auch eine Kopf-Versicherungsprämie je Geburt verrechnen und die Eltern können dann wählen, ob sie die versicherte Unterstützung gegen Mehrkosten wählen oder auf die Versicherung verzichten.

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